Schüsse in St. Paul vor den Mauern

Anfang Februar 1944 überfiel die faschistische Polizei in Rom die Benediktinerabtei an der Via Ostiense

Die Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom ist ein Ruhepol in der hektischen Metropole am Tiber. Zwar wird die Grabstätte des Völkerapostels im Paulusjahr von mehr Pilgern als sonst aufgesucht, aber von den Menschenmassen, die im Zentrum der Ewigen Stadt die großen Basiliken, Kirchen und historischen Monumente in Beschlag nehmen, bleibt sie für gewöhnlich verschont. Touristen können gemächlich durch das Gotteshaus schlendern und sich in dessen Kreuzgang entspannen. St. Paul vor den Mauern ist nicht nur eine der bedeutendsten Gedenkstätten der Christenheit, sondern auch die Konventkirche einer Ordensgemeinschaft, die hier seit Jahrhunderten der Regel des hl. Benedikt folgt; der Abt der Gemeinschaft war früher sogar mit der Bischofswürde ausgezeichnet. Klösterliche Beschaulichkeit prägt noch heute diesen Ort.

Die Ewige Stadt wird besetzt

Dass in dem friedlichen Abteikomplex, der als exterritoriales Gebiet völkerrechtlich dem Vatikanstaat untersteht, vor fünfundsechzig Jahren Schüsse fielen und er auf dramatische Weise in die Geschehnisse des II. Weltkrieges mit hineingerissen wurde, ist kaum einem der Besucher der Basilika bekannt.

Am 25. Juli 1943 war der Duce gestürzt und in Haft genommen worden. Anfang September erklärte Marschall Pietro Badoglio die Kapitulation Italiens. In den frühen Morgenstunden des 9. Septembers flohen der Marschall und die königliche Familie zu den ehemaligen Kriegsgegnern nach Süditalien. In den von den Alliierten noch nicht eroberten Gebieten übernahmen die deutschen Streitkräfte die Macht. Panzergrenadiere und Fallschirmjäger marschierten auf die Ewige Stadt zu und besetzten sie. Mit der Wehrmacht aber kamen auch SS und Gestapo nach Rom. Der neutrale Vatikanstaat, seine exterritorialen Besitzungen in Rom und Castel Gandolfo sowie zahlreiche kirchliche Einrichtungen wurden zur Zufluchtstätte politisch und ethnisch Verfolgter. Für viele Ordenshäuser konnte der Heilige Stuhl den deutschen Besatzern Schutzbriefe abtrotzen; die exterritorialen Gebiete versuchte er durch Angehörige der Päpstlichen Palatingarde, einer 1850 gegründeten Bürgermiliz des Papstes, zu schützen. Im Vatikan aber wusste man, dass diese Maßnahmen nur sehr bedingt Sicherheit vermitteln konnten. Tag für Tag stellte man sich während der Besatzung die Frage, wie weit die Deutschen im Ernstfall gehen würden.

Willfähiger Helfer der SS und des SD (Sicherheitsdienst) war Pietro Caruso, der „Questore“ (Polizeichef) von Rom. Im September 1943 hatten die Deutschen den Duce befreit und ihn seine „Republik von Salo“ ausrufen lassen. Pietro Caruso sah sich als Vollstrecker Mussolinis in der Ewigen Stadt. Schrecken unter den Einwohner Roms verbreitete vor allem Pietro Koch, der Chef der Sondereinsatztruppe („Reparto Speciale“) der Polizei. Die „Banda Koch“, wie sie in der Bevölkerung genannt wurde, wetteiferte mit der Gestapo und machte ihr ernsthafte Konkurrenz. Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1943 wurden drei kirchliche Einrichtungen in unmittelbarer Nähe zur Basilika S. Maria Maggiore von der faschistischen Polizei gestürmt und durchsucht: das Priesterseminar der Lombardei in Rom, das Päpstliche Orientalische Institut und das diesem angegliederte „Collegium Russicum“. Die meisten Flüchtlinge trugen Soutane. Doch die Eindringlinge ließen sich nicht täuschen. Sie erfragten von den Soutanenträgern Angaben zu den Breviervorschriften des Tages und verlangten die Übersetzung lateinischer Gebete ins Italienische. Gegen die brutale Aktion der Polizei konnte der Heilige Stuhl rechtlich kaum etwas vorbringen – keines der drei Institute genoss das Privileg der Exterritorialität. Dass aber auch dieses international verbriefte Recht keinen absoluten Schutz bot, sollte sich etwas mehr als einen Monat später zeigen.

In der Nacht zum 4. Februar 1944 wird St. Paul vor den Mauern zum Schauplatz eines dramatischen Geschehens. Kurz vor Mitternacht klettern einige schwarzgekleidete Männer über die Mauern der Abtei. Ein Wachposten der Palatingarde bemerkt sie und gibt einen Warnschuss in die Luft ab. Da die Zahl der Eindringlinge größer wird, läuft der Gardist ins Kloster, um die anderen Wachen zu alarmieren. Aber noch vor dem Schuss hat an der Pforte ein Geistlicher um Einlass gebeten. Der Priester, der ein Benediktinergewand trägt, gibt an, dass er von den Deutschen verfolgt werde. Die Wache kann nicht ahnen, dass sie einen Ex-Mönch vor sich hat, der zur „Banda Koch“ gehört. Als das Tor geöffnet wird, folgen dem „Mönch“ mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer. Sie besetzen die Pforte und durchschneiden die Telefonleitungen. Draußen vor dem Kloster wird es laut, die exterritoriale Zone ist von Carusos und Kochs Männern umstellt. Mehrere Dutzend Polizisten stürmen den päpstlichen Besitz. Sie entwaffnen die Angehörigen der Palatingarde und beginnen mit der Durchsuchung der Abtei. Die Mönche müssen ihre Zellen verlassen und sich ausweisen. Dann nehmen sich die Eindringlinge die Räume des Konventes mit größter Akribie vor.

Der Abt-Bischof von St. Paul vor den Mauern, Monsignore Ildebrando Vannucci OSB, protestiert gegen das Vorgehen der Polizei und bezichtigt sie der Verletzung des Völkerrechts. Pietro Caruso, der den Überfall persönlich angeführt hat, erklärt Vannucci mit einem breiten Grinsen, er befände sich auf der „Jagd“, und die habe eben ihre eigenen Regeln.

Verhaftete in der Abtei

Nur wenig später präsentiert er dem Prälaten die „Beute“: den italienischen Luftwaffengeneral Adriano Monti, weitere Widerstandskämpfer, neun jüdische Mitbürger und eine große Anzahl Fahnenflüchtiger – sie alle tragen geistliche Kleidung. „Die Gefangenen wurden geohrfeigt und mit Peitschen malträtiert; man versetzte ihnen derart harte Schläge und Fußtritte, dass viele von ihnen bluteten“, wird der Abt am folgenden Tag in einem Bericht an den Papst niederschreiben. Caruso verschleppt 67 Personen aus der Abtei. Sie werden auf Lastwagen zusammengepfercht und weggebracht. Als der letzte Polizist in den frühen Morgenstunden das Kloster verlassen hat, atmet Vannucci auf, denn noch immer befinden sich mehrere hundert Flüchtlinge in seiner Obhut. Vor allem in der Basilika selber haben sich viele von ihnen an nur schwer zugänglichen Orten versteckt. Warum die Durchsuchung nicht fortgeführt wurde, lässt sich auch nach dem Krieg nicht zufriedenstellend klären. Verschiedenste Gründe könnten hierfür ausschlaggebend gewesen sein.

Für den Überfall auf St. Paul vor den Mauern wird in der Öffentlichkeit der Questore von Rom verantwortlich zeichnen. Offiziell haben an der Aktion nur die Männer Carusos, die „Banda Koch“ und Angehörige der „PAI“ (Polizia dell'Africa Italiana) teilgenommen. Dennoch waren auch die deutschen Besatzer präsent.

Tausende vor dem Tod bewahrt

Don Cesario D'Amato, der Sekretär des Abtes, bemerkte, wie bei der Durchsuchung des Klosters von einer Person in einem dunklen Straßenanzug Befehle erteilt wurden, deren Muttersprache nicht das Italienische war. In einem unbedachten Augenblick verriet sie sich durch einen Fluch – der Mann in Zivil war Deutscher.

Caruso und Koch hatten aus der Via Tasso, der Polizei- und Folterzentrale der Deutschen in Rom, das Placet für den Überfall erhalten, aber auch „Experten“ und Aufseher. Als der Heilige Stuhl bei der Besatzungsmacht Protest gegen die Verletzung seiner Souveränität erhob, wiesen die Deutschen jede Verwicklung in die Ereignisse von sich, allein die Questura von Rom sei für die Vorgänge in der Nacht zum 4. Februar zuständig. Die Besatzer und ihre italienischen Helfershelfer hatten mit dem Überfall auf St. Paul vor den Mauern ein Zweifaches erreicht: Ein weiteres hochrangiges Mitglied des Widerstandes war festgenommen und eine deutliche Warnung an den Vatikan ausgesprochen worden.

Bis zur Befreiung Roms im Juni 1944 blieben der Vatikan und seine exterritorialen Besitzungen jedoch vor weiteren Übergriffen verschont, sieht man von einem minder schweren Vorfall im März des Jahres in S. Maria Maggiore ab. Tausende Menschen konnten so vor Folter und Tod bewahrt werden. In Rom ist das Gedenken an die Schrecken der Okkupation geblieben, aber auch die Dankbarkeit gegenüber einem kleinen neutralen Staat im Herzen der Stadt. In St. Paul vor den Mauern hat die Erinnerung an die bedrückende Zeit der deutschen Besatzung Roms auch eine sehr persönliche und berührende Form angenommen. Der Erzpriester der Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, ist der Sohn eines berühmten italienischen Widerstandskämpfers. Am 23. März 1943 hatten italienische Partisanen in der Via Rasella ein Attentat unternommen, bei dem 33 Angehörige des SS-Polizeiregiments Bozen den Tod fanden. Als Vergeltung hierfür ließ der deutsche Polizeichef von Rom, Obersturmbannführer Herbert Kappler, am Tage darauf in den Ardeatinischen Höhlen 335 Geißeln erschießen. Unter den Toten war auch Oberst Giuseppe Cordero Lanza di Montezemolo, der Vater des Erzpriesters.

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