Schüler werden noch immer zu wenig gefördert

Der richtige Umgang mit Bildungsstudien wie PISA, Iglu und TIMSS fällt Deutschland schwer

„Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten“ – wenn diese Beurteilung des Schriftstellers Aldous Huxley immer noch zutrifft, so stehen Deutschland, so düster die Stimmung aufgrund der aktuellen internationalen Finanzkrise jetzt auch sein mag, noch große Dinge bevor. Denn: Bei der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2006, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, erreichten die deutschen Grundschüler ein Leseverständnis, das insgesamt deutlich über dem Schnitt der OECD-Mitgliedsländer und auch über dem Schnitt der EU-Staaten liegt.

Besonders die Schüler in Thüringen und Bayern haben internationale Spitzenwerte erreicht. Thüringen liegt im internationalen Vergleich auf Platz 2 hinter der Russischen Föderation. Grund genug für das thüringische Kultusministerium, diesen Spitzenplatz als Bestätigung der eigenen Bildungspolitik zu werten. Die Studie zeige, dass Thüringen eines der leistungsfähigsten Schulsysteme in Deutschland habe, hieß es dazu in einer Mitteilung des Ministeriums selbstbewusst.

Am selben Tag, als die Lese-Studie veröffentlicht wurde, kamen jedoch auch die Ergebnisse einer anderen Schulstudie ans Licht der Öffentlichkeit: TIMSS, eine internationale Studie über Trends in Mathematik und Wissenschaft, an der im Frühjahr 2007 weltweit 425 000 Viertklässler aus 40 Ländern teilgenommen haben, davon 12 000 in Deutschland. Das Land der Dichter und Denker erreichte bei dieser Studie den zwölften Rang – einen Platz im guten Mittelfeld also – rangiert damit allerdings nicht nur hinter Hongkong und Singapur, sondern auch hinter Kasachstan. Was bei einigen Journalisten und Politikern offensichtlich einen Schock auslöste. Deutschland in Mathematik hinter Kasachstan?

„In allen Bundesländern gibt es eine auffällige Diskrepanz zwischen Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund. Besonders in Bremen, Hamburg und Berlin, die bei der Lesestudie am schlechtesten abschneiden, springt diese Diskrepanz ins Auge“

Das geht bei allem Verständnis für den Komiker Borat dann doch zu weit. Die Vizevorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, hob denn auch erwartungsgemäß gleich warnend hervor, dass die TIMSS-Studie keinen „Anlass für Jubelmeldungen der deutschen Schulpolitiker“ biete. Die Schüler der asiatischen Spitzenländer seien deutschen Schülern um Schuljahre voraus.

Top oder Flop, alles oder nichts, oben oder unten – die nahezu synchrone Veröffentlichung der beiden verschiedenen Schulstudien und die Reaktionen darauf enthüllten vor allem ein Dilemma, das man im Ausland mittlerweile mit leichter Belustigung zur Kenntnis nimmt: Den deutschen Hang zum Extremen. Wenn man nicht zu den Besten zählt, muss der Untergang wohl unmittelbar bevorstehen. Dazwischen ist nichts.

Dabei gibt es unter Bildungsexperten durchaus Fachleute, die nicht nur die oft marktschreierischen Reaktionen von Bildungspolitikern auf derartige Studienresultate a la Iglu und TIMSS für absurdes Theater halten, sondern die auch die Aussagekraft der Studien selbst mit Skepsis betrachten und zu mehr Zurückhaltung bei der Teilnahme an derartig teuren Studien und zu mehr Gelassenheit raten. So äußert zum Beispiel der Siegener Bildungsforscher Hans Brügelmann gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass es unmöglich sei, aus den global gesammelten Daten „einfache Schlüsse“ zu ziehen. Man wisse einfach nicht, warum bestimmte Länder besser abschneiden als andere. Die Untersuchungseinheiten seien zu groß und nicht kontextbezogen. Man könne eigentlich nur mutmaßen und, wenn überhaupt, gewisse „Trends“, gewisse „Problembereiche“, „Warnsignale“ ausmachen.

Einig scheinen sich Bildungspolitiker und Lehrer in Deutschland darin zu sein, dass die Liebe zum Lesen nicht nur von den Lehrern, sondern auch von den Familien gefördert werden muss. Wenn Eltern nicht vorlesen oder sich nicht vorlesen lassen, wird es mit der Lesebereitschaft und Lesefähigkeit der Kinder schwierig. Besonders Kinder mit Migrationshintergrund haben offenbar unter fehlender familiärer Unterstützung auf diesem Gebiet zu leiden. Denn, wie die Iglu-Studie zeigt: In allen Bundesländern gibt es eine auffällige Diskrepanz zwischen Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund. Besonders in Bremen, Hamburg und Berlin, die bei der Lesestudie am schlechtesten abschneiden, springt diese Diskrepanz ins Auge.

So liegt Bremen mit 522 Punkten im Ländervergleich auf dem letzten Platz. Der Abstand zum nationalen Spitzenreiter Thüringen beträgt 42 Punkte. Kinder mit Migrationshintergrund erreichen in Bremen durchschnittlich 509 Punkte, 42 Punkte weniger als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund (551 Punkte), deren Leseleistungen damit praktisch genauso leistungsstark sind wie die entsprechenden Gruppen von Kindern in Bayern. Die Bremer Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper sagt deshalb wohl nicht zu Unrecht: „Maßnahmen müssen weiter verstärkt werden, die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund erfordert unsere Aufmerksamkeit.“

Konkret bedeuten könnte dies: Mehr Sprachkurse für werdende Mütter mit Migrationshintergrund oder verpflichtende Sprachkurse für die Kinder vor der Einschulung. Nicht Spitzenleistungen sind dabei gefragt, ein guter Platz im Mittelfeld tut es zu Beginn auch.

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