Schreckensszenarien einer völlig entgleisten Zivilisation

Zehn Wissenschaftler sezieren die unmittelbar bevorstehende Metakrise des Westens und plädieren für eine Rückkehr zum christlichen Menschenbild. Von Stephan Baier
Foto: IN | Die kulturelle Sphäre, die die Welt erhellen könnte, ist zu dünn, um sie gefährden zu dürfen.
Foto: IN | Die kulturelle Sphäre, die die Welt erhellen könnte, ist zu dünn, um sie gefährden zu dürfen.

Dieses Buch ist ein Weckruf. Zehn Universitätsprofessoren aus unterschiedlichen Fachbereichen, von Physik und Informatik bis Medizin und Neurophysiologie, verfechten darin die These, „dass unsere Zivilisation kurz vor dem Zusammenbruch steht“. Sie wollen sich nicht in jene seit Jahrzehnten gefeierten Alarmismen einreihen, die vor dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt durch die Klimakatastrophe, das Schmelzen der Polkappen, die Vergiftung der Meere, die (als Schuldenkrise entlarvte) Finanzkrise oder die iranische Atombombe warnen. Über die eher mythologisch begründeten Fieberschübe von Weltuntergangsprophetien, die Millenniums-Panik, den Maya-Kalender, die Endzeitprophetien von Sektengurus und das immer wieder moderne „Last Days Fever“ machen sie sich eher lustig, wenngleich sie konstatieren, dass „die Angstlust an der Katastrophe“ immer dann besonders groß sei, „wenn der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Sicherheit, nach Veränderung, nach Sinn besonders groß ist“.

Das Untergangsszenario dieser Wissenschaftler und Gelehrten ist weder mystisch noch pseudoreligiös begründet. Es fokussiert auch nicht eine einzelne politische, wirtschaftliche oder ökologische Entwicklung: „Wir sehen so viele Negativspiralen, die miteinander in Wechselwirkung stehen, wir sehen derart steile Kurven in ganz bestimmten krisenhaften Entwicklungsfeldern, wir sehen so viele kumulierende Krisen und kollabierende Systeme, dass wir sicher sind: Unsere westliche Welt ist in größerer Gefahr als jemals zuvor.“ Nicht einzelne Krisenphänomene, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Zustand wird hier unter die Lupe genommen. Nicht eine falsche Weichenstellung, sondern „unser notorisch optimistisches Machbarkeitsdenken“ an sich wird kritisiert. Dabei sind die Autoren überzeugt, dass die westliche Zivilisation, wie wir sie kennen, „im Innern zu kollabieren“ droht, ja vor ihrem Ende steht.

Und so sieht das „Schreckensszenario einer völlig entgleisten Zivilisation“ aus: Der Mensch in der westlichen Welt werde heute „fremdbestimmt von dogmatischen Werten und utilitaristischen Ansprüchen, die nicht unsere sind, von einem Informationsregime, das unsere Gedanken lenkt“. Gleichzeitig würden „unsere inneren Identitäten untergraben“, etwa durch die Zerstörung der Familie und die Gender-Ideologie. Die Wirtschaft sei übersteuert und bilde „Blasen gigantischen Ausmaßes“. Der Alltag werde vom Staat immer engmaschiger durch Gesetze, Erlasse und Verordnungen reglementiert. Vor allem aber schwinde das Vertrauen in der Gesellschaft, mache sich Hass, Neid und Missgunst breit. All diese Analysen bedürften, ebenso wie die Arbeit der zehn Professoren in ihren jeweiligen Fachgebieten, noch keines religiösen Zeugnisses, doch bekennen sich die Autoren ausdrücklich zum christlichen Glauben: „Dass mittlerweile in Mitteleuropa offen gelebte christliche Religiosität eher ein Verdachtsmoment als ein Tugendausweis ist, interpretieren wir Autoren als Symptom der Krankheit unserer Gesellschaft und als eine Bestätigung unserer Thesen.“

Der bewusst ins Apokalyptische steuernde Ton, der streckenweise manifestartige Stil des Buches, aber auch die Tatsache, dass hier zehn Professoren als Autorenteam verantwortlich zeichnen und zwei als Autoren ausgewiesen sind, mag den Leser zunächst skeptisch stimmen: Aus welchem Weltbild, mit welchen Interessen und Intentionen wurde diese Anklage an die westliche Moderne geschrieben? Doch hinter allem Alarmismus stehen profunde soziale, ökonomische und politische Analysen. Nicht die Technik wird hier zum Übel erklärt, sondern Grenzüberschreitungen beim Umgang mit der Technik, nicht die Errungenschaften der Moderne, sondern die Degeneration gesellschaftlicher Werte- und Ordnungssysteme, nicht die Marktwirtschaft, aber der Fetisch einer exponentiell wachsenden Ökonomie, nicht die Leistung, aber eine ins Unmenschliche beschleunigte Betriebsgeschwindigkeit unserer globalisierten Wirtschaft. Der Alltag des Menschen sei schneller und komplexer geworden, das Leben unüberschaubar, die Konsequenzen des eigenen Handelns immer weniger abschätzbar.

Hinter der soziologisch oder ökonomisch beschreibbaren Krise erkennen die Autoren eine tiefere, moralische Krise: „Wir vertrauen den Menschen nicht“ – auch nicht denen, die wir wählen, denen wir unser Geld geben, von denen wir das Gehalt empfangen. „Der gesellschaftliche Vertrauensverlust schlägt direkt um in Kriminalität und eine Verrohung der Sitten.“ In den grundlegenden ethischen Fragen gebe es keinen gesellschaftlichen Konsens mehr: „Wir können uns nicht mehr einigen, was gut und was schlecht ist, was richtig und was falsch ist.“ Damit sinke die Akzeptanz der demokratischen Einigungsverfahren, der gesellschaftlichen Grundregeln und des allgemeingültigen Rechts. Umgekehrt wachse der „überbordende Individualismus“, das Lagerdenken, die Klientelpolitik, die Bereitschaft zur Rechtsbeugung. Die Aufkündigung der Verantwortung des Einzelnen gegenüber Gott, der Heimat und der Familie bezeichnen die Autoren als eine „Hauptkrankheit unserer Zeit“. Wo das „Recht des Stärkeren“ regiere, löse sich der „Kern der Zivilisation auf“.

Diesen gesellschaftlichen Erosionsprozess sehen die Autoren auch als Folge der Entchristlichung Europas: „Das zivilisatorische Niveau, das wir auf der Basis der christlichen Werte in Mitteleuropa und Nordamerika erreicht haben, haben wir nicht deshalb erreicht, weil es eine zufällige Übereinstimmung der Werturteile von einer Milliarde Menschen gab, sondern weil eine gemeinsame Religion, ein gemeinsames philosophisches Fundament, eine gemeinsame Staatsgrundform, ein gemeinsames Grundrechtsverständnis und ein gemeinsamer Gesellschaftsaufbau dafür gesorgt haben, dass bei aller Meinungsverschiedenheit und Pluralität im Detail doch ein Fundament der Gemeinsamkeit besteht. Dieses Fundament, das wir uns über Jahrhunderte erworben und erkämpft haben, ist dabei, zu zerbrechen.“ Dem Verlust der Werte folge der Verlust des Wohlstands.

Mehr noch: Weil die Menschenrechte und modernen Verfassungen in Europa von jenen ethischen Grundlagen leben, die dem Christentum entstammen, erodieren mit dem Verlust des Glaubens nun auch Rechtsbewusstsein und gesellschaftlicher Konsens: „Plötzlich und immer heftiger werden (…) die Standards und Normen unserer Gesellschaft nicht mehr akzeptiert.“ Systematisch ausgehebelt würden Grundrechte wie das Recht auf Eigentum und auf körperliche Unversehrtheit. An die Stelle der alten treten nun neue Tabus, also „stillschweigende Übereinkünfte, die Verhalten gebieten oder verbieten“, und die sich jeder rationalen Debatte entziehen: „Die ganze politische Korrektheit ist nichts anderes als der systematische Aufbau von Tabus.“ Von besonderer Tragweite ist in diesem Zusammenhang das sogenannte „Gender Mainstreaming“, das die Autoren als „weitverbreitete Form der Meinungsdiktatur“ mit totalitären Zügen entlarven und für die „Übersexualisierung der Kinder“ verantwortlich machen. Dessen Propagierung und politische Sanktionierung wird von den Autoren – mit vollem Recht – als Überschreitung der Zuständigkeiten des Staates gerügt. Paradox, aber nachweisbar ist jedoch, dass der immer mehr Lebensbereiche juridisch durchdringende Staat parallel zum Anwachsen der Regelungsdichte an Autorität verliert: „Der starke Staat macht sich schwach.“

Neben dem prognostizierten bevorstehenden Kollaps unserer westlichen Zivilisation warten die Professoren mit einer weiteren, ebenso aufsehenerregenden wie untersuchenswerten These auf: Das Wertesystem und Denkmuster der politischen Klasse von heute (das sie „Ökosozialismus“ nennen) sei „in Wahrheit eine moderne Ersatzreligion“, die „ihre eigenen Dogmen, Tabus und Riten“ habe. Diese Bewegung führe geradewegs „in die nächste totalitäre Zwangsherrschaft“. Gerade die gezielte, faktische wie ideologische Untergrabung der Familien, die das vorliegende Werk treffend nachweist, ist ein Indiz dafür: „Wir steuern mit Volldampf auf eine Gesellschaft zu, die erstmalig in der Geschichte der Menschheit nicht mehr auf der Keimzelle Familie beruht.“ Erstmals finde „die Herausbildung der Identität“ nicht mehr in der Familie statt, sondern in der Öffentlichkeit: in Kitas, Kindergärten und Schulen, in Fernsehen und Internet. Durch die Ausdünnung und Zerstörung der Familien aber macht sich Vereinzelung breit: „Was dadurch immer mehr fehlt, ist die Fähigkeit zum Verzicht zugunsten des anderen, zum Aushalten von Konflikten, zum Erlernen einer gesunden Streitkultur, zum Erarbeiten von gemeinsamen Lösungen, kurz: die Fähigkeit zum sozialen Frieden.“

Schockierend ist das vorliegende Buch, weil es keine einfachen, billigen und schnellen Lösungen anbietet, sondern – im ursprünglichen Sinn des Wortes – radikale Gesellschaftskritik übt. Erfrischend ist es zugleich, weil die Autoren nicht bereit sind, sich an die diagnostizierten neuen Tabus zu halten. Besonders mutig, wo sie die „vehemente Durchsetzung von Homosexualität als Lebenskonzept der Kinder“ mit Beispielen belegen und deutlich kritisieren: „Wer in der natürlichen Entwicklung seiner Identität als Mann oder Frau behindert wird, kann nicht glücklich werden.“ In der Sexualerziehung verlaufe die gegenwärtige Bildungspolitik „am Rande der Menschenrechtsverletzung“. Auch in der Frage der Abtreibung wagt das vorliegende Werk den Tabubruch, wissend, dass heute in eine fundamentalistische Ecke gestellt wird, wer bedingungslos für das Recht auf Leben eintritt. Doch gerade Abtreibung und Euthanasie belegen aus Sicht der Autoren, dass es in der westlichen Welt „keine gemeinsame Vorstellung über ethische Grundsätze mehr gibt“, ja nicht einmal mehr einen Konsens darüber, was Menschenwürde eigentlich ist. Bei so vielen Tabubrüchen wider den Zeitgeist erlaubt sich dieses flott geschriebene, kluge und perspektivenreiche Buch auch noch die ultimative Provokation: das Bekenntnis zur „Bindung an Gott als absolute moralische Autorität“.

Hans-Joachim Hahn, Lutz Simon: „Höllensturz und Hoffnung. Warum unsere Zivilisation zusammenbricht und wie sie sich erneuern kann“. Lau-Verlag, Reinbeck/München 2014, ISBN 978-3- 95768-022-8, 256 Seiten, EUR 22,90

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