Schöpferisches Potenzial und der Wille zum Leben ohne Resignation

„Porträts der Identität“: Eine Ausstellung zur Kunst des Kongo in Dortmund erschließt die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Afrika. Von Anja Kordik
Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte | Installation „Ich habe vergessen zu träumen“.
Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte | Installation „Ich habe vergessen zu träumen“.

Gesichter, dunkle Gesichter, manche aufgewühlt von Schmerz, unterdrücktem Zorn, Auflehnung, andere verloren, innerlich leer erscheinend – zutiefst menschliche Gesichter, preisgegeben, nackt. Die „Portraits d' identés“ („Porträts der Identität“) des kongolesischen Malers und Bilderhauers Aimé Mpane, gemalt auf rauen Sperrholzplatten, ziehen den Blick des Betrachters auf sich: dunkle Gesichter, Gesichter Afrikas, so verschieden wie der gesamte Kontinent. Einige Gesichter sind „ausgelöscht“, leere, weiße Flecken unter bunten Kopfbedeckungen vor grellfarbigem Hintergrund – zerstörte Identitäten, zerstörte Leben.

Aimé Mpane ist einer von elf kongolesischen Künstlern, deren Werke zurzeit in einer großen Ausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen sind. Deutlich wird die Vielseitigkeit moderner afrikanischer Kunst: Neben gemalten Bildern, konkret, einige auch abstrakt, finden sich skurril anmutende Skulpturen aus unterschiedlichsten Materialien, Fotografien und Fotomontagen neben Videoinstallationen.

Brückenbauer zwischen Kulturen und Kontinenten

Den elf afrikanischen Künstlern ist eines gemeinsam: Sie sind „Wanderer zwischen den Welten, Brückenbauer zwischen Kontinenten und Kulturen“. Alle haben zunächst in der Hauptstadt Kinshasa, Sitz der einzigen Kunstakademie Zentralafrikas mit universitärem Niveau, studiert und dann ihre Studien in Europa, vor allem in Belgien und Frankreich, fortgesetzt. So haben sie sich viele europäische Techniken, etwa Fotografie und Videokunst, angeeignet. Doch ihre Thematik bleibt „afrikanisch“; Thema ist ihre Heimat, ist der Kongo: „Le surréel Congo“ („Der surreale Kongo“) lautet der Titel der Ausstellung.

Die Demokratische Republik Kongo ist ein Land der Superlative: der Fläche nach zweitgrößter, von der Bevölkerung her viertgrößter Staat Afrikas, an Rohstoffen eines der reichsten Länder der Erde – Diamanten, Gold, das seltene Erz Coltan. Zugleich aber ist die ehemalige belgische Kolonie Kongo eines der ärmsten Länder der Welt, zerrüttet von wirtschaftlicher Ausbeutung und den bis heute nicht endenden Bürgerkriegen.

Der Alltag im Kongo erscheint aus europäischem Blickwinkel unorganisiert, chaotisch: Offiziell sind Millionen Menschen in der Hauptstadt Kinshasa arbeitslos – dennoch schaffen sie es, als Straßenhändler und Tagelöhner zu überleben und ihre Familien zu ernähren. Unter dieser verwirrenden Oberfläche eine enorme schöpferische Kraft, eine Kreativität nicht nur zum Überleben, sondern zum Leben, die auch in der Kunst ihren Ausdruck sucht und findet.

Der Kongo ist nicht nur reich an Rohstoffen. Er ist reich auch an künstlerischen Traditionen, geprägt von der expressiven Formensprache afrikanischer Kunst und zugleich vom Erbe der belgischen Kolonialzeit. Das Kunstzentrum des Landes ist Kinshasa. Dort befindet sich die 1943 von belgischen Missionaren gegründete Academie des Beaux Arts de Kinshasa („Akademie der Schönen Künste von Kinshasa“). Die künstlerische Diskussion war dort von Beginn an geprägt zum einen von der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit, zum anderen vom Ringen um Ausdrucksformen einer „panafrikanischen“ Kunst, die individuelle und spezifisch nationale oder ethnische Ausdrucksformen überschreiten sollte. Die Kunsthochschule in Kinshasa hat heute Ausstrahlung über die Grenzen des Landes hinaus entwickelt, nimmt Studenten aus Burundi und Ruanda, aus Gabun, Kamerun und Nigeria auf. Auch einige belgische und libanesische Studenten haben inzwischen den Weg dorthin gefunden.

In der Hochschule von Kinshasa ist inzwischen eine Generation junger Künstler herangewachsen, die den Weg nach Europa ging und zugleich ursprünglich „afrikanisch“ blieb, „Brückenbauer“ im wahrsten Sinne, Verbindungen zwischen Europa und Afrika schaffend, einige mit Wohnsitz sowohl in Kinshasa als auch in Belgien und Frankreich. Zu diesen Künstlern zählt Aimé Mpane, dessen Porträtreihe im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte erschüttert: Er studierte zunächst in Kinshasa und wechselte dann zur Hochschule La Cambre in Brüssel. Seine Arbeiten sind heute in Galerien und Museen in der ganzen Welt, etwa in New York, zu sehen. Jetzt kuratiert er in Dortmund „Le surréel Congo“.

Alle Werke dieser Ausstellung bringen die Erfahrung von Armut und Überlebenskunst, Krieg und schier unerträglicher Gewalt zum Ausdruck. Alle Künstler erzählen vom Alltag im Kongo, vom Leiden des Kongo: Etwa Freddy Tsimba, der menschliche Torsi aus Patronenhülsen schuf, die er an verschiedenen Kriegsschauplätzen seines Landes sammelte: menschliche Silhouetten ohne Kopf, manche nur mit halbem Bein, andere ohne Arme, einige in unnatürlich verdrehter Haltung – zerstückelte Leiber, Existenzen. Der Fotograf Sammy Baloji thematisiert in seinen Fotomontagen – überwiegend in Schwarz-Weiß, teilweise in gedämpften Farben – das Erbe der Kolonialzeit, stellt Kolonialherren mit Tropenhelm und Stiefeln neben afrikanische Bergarbeiter vor dem Hintergrund einer tristen Industriekulisse. Es finden sich auch vom Stil eher traditionell wirkende Bilder, die den Alltag im Kongo farbkräftig, in narrativer Weise schildern. So fasziniert der Maler Nsingi Ndomav Simon mit seiner Darstellung einer Straßenszene in Kinshasa: Sie zeigt einen bereits völlig überfüllten Bus, der von weiteren Passagieren gestürmt wird – Chaos im Straßenverkehr, Chaos im Alltag eines Landes, dessen Menschen ums Überleben kämpfen und dennoch den Mut zum Leben und den Glauben an die Zukunft nicht verloren haben.

Das ist die zentrale Botschaft von „Le surréel Congo“: Jenseits einer die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft und Leidensfähigkeit übersteigenden Wirklichkeit wohnt den Menschen dieses Landes ein schöpferisches Potenzial und ein Wille zum Leben inne, weit entfernt von jeder Resignation. So ist der Grundgestus aller Werke – bei aller dargestellten Dramatik, trotz Schmerz und Trauer – hoffnungsvoll, ermutigend. Die Grundbotschaft dieser Ausstellung ist eine universale, Afrika und Europa verbindende: dass Glaube und Hoffnung es vermögen, die surreale Wirklichkeit von Armut, Gewalt und Leiden zu überschreiten und vielleicht sogar zu einer besseren Wirklichkeit zu wandeln.

Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastr. 3, 44137 Dortmund. Öffnungszeiten. Di., Mi., Fr., So. 10–17 Uhr, Do. 10–20 Uhr, Sa. 12–17 Uhr. Eintritt: 6 €, ermäßigt 3 €. Ausstellungsende ist der 2. September.

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