„Schönheit ist der Glanz der Wahrheit“

„Gesichter im Gebet“: Die Beziehung zu Gott in einer Jerusalemer Fotoschau, der Stadt der Religionen. Von Andrea Krogmann
Foto: Ausstellung | Schönheit und Geheimnis: Der Blick einer Andächtigen.

Ein Stück Stoff verdeckt das Haar, der Kopf aufrecht, der Blick nach vorn. Der Hintergrund, der proportional den erheblicheren Teil der Schwarz-Weiß-Aufnahme ausmacht, verschwimmt vor dem entspannten Ausdruck im Gesicht der Porträtierten. Ihr Gebet einer konkreten Religion zuzuordnen, ist auf den ersten Blick unmöglich – und gerade hierin liegt das Konzept von Katharina Heigl. Mit ihrer am Mittwoch eröffneten Ausstellung „Faces in Prayer“ hat sich die österreichische Regisseurin auf „die Suche nach etwas gemacht, das Gläubige aller Religionen gemeinsam haben, abseits von Politik und theologischer Debatte“. Zu sehen sind Heigls fotografische Arbeiten noch bis Ende Januar im Österreichischen Hospiz in Jerusalem.

Dreißig überlebensgroße Gesichter erwarten den Besucher der Ausstellung im traditionsreichen österreichischen Pilgerhaus: Christen, Muslime, Juden, Hindus, Sikhs und Buddhisten, schwarz-weiß auf dunkelroter Wand, versunken in Gebet und Meditation. Keine Bildunterschrift ordnet die Beter „ihrem“ Gott zu. „Dogmen und Kennzeichnungen religiöser Richtungen“, sagt Heigl, bleiben bewusst ausgespart. Es ist stattdessen diese einende „Grundemotion“, die die Künstlerin fasziniert – eine Weise, Religionsfreiheit darzustellen. „Als Regisseurin interessiere ich mich naturgemäß sehr für menschliche Emotionen und Antriebe. Und wer schon einmal durch die Gassen von Jerusalem spaziert ist, hat miterlebt und gesehen, dass Glaube beziehungsweise Religion oft ein Auslöser für extrem starke Emotionen sein kann.“

Für „Faces in Prayer“ sprach die Österreicherin, die im Hauptberuf Dokumentarfilme dreht, mit Menschen unterschiedlicher Religionen in österreichischen und israelischen Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln.

„Die vielen Gesichter in Gebet versunken öffnen uns den Zugang zu der nur einen Wirklichkeit“, sagt der Rektor des Österreichischen Hospizes, Markus Bugnyar. Damit öffne die Ausstellung „ein Fenster zu dieser Einheit, zum Eins-Sein, und weckt Hoffnung“. Über die künstlerische Dimension hinaus seien die Fotografien damit eine wichtige Einladung für die Besucher des Hauses, die über die Schönheit der Menschen und ihres Tuns, des Glaubens und Gebets zum Nachdenken eingeladen werden.

Für die Künstlerin wie für den Gastgeber gibt es keinen geeigneteren Ort für „Faces in Prayer“ als Jerusalem, der „heiligen Stadt für drei Religionen“. Für Heigl, die ihre Ausstellungseinladung mit dem Augustinus-Zitat „Schönheit ist der Glanz der Wahrheit“ überschreibt, sind in Jerusalem „die extremen Seiten der Religionen, die schönen und die schrecklichen, täglich präsent“.

Jerusalem gibt der Ausstellung ihren besonderen Kontext, betonte auch die Leiterin der „Jerusalemer Zentrums für jüdisch-christliche Beziehungen“ (JCJCR), Hana Bendcowsky, anlässlich der Ausstellungseröffnung. Das „Einzoomen“ auf die Gesichter erlaube einen Fokus auf Gemeinsames, während Jerusalem als Stadt gleichzeitig zum „Auszoomen“ in den breiteren Kontext einlade: hinauszugehen, die Vielfalt von Menschen im Gebet zu sehen und von ihnen zu lernen. „Das Schöne an Jerusalem ist, dass man beides haben kann!“

Die „einfache, pure Schönheit eines Menschen, erfüllt von seiner individuellen Spiritualität“ ist für die Künstlerin Katharina Heigl das, was bleibt, wenn man den Ausdruck des Gebets aus dem dogmatischen Rahmen der jeweiligen Religion löst. Die privaten, individuellen Aspekte des religiösen Lebens werden gleichermaßen zum einenden Element, „religiöse Toleranz zum Imperativ und jeglicher Missbrauch religiöser Motive für politische oder finanzielle Zwecke zur Blasphemie“.

Unterm Strich, so die emotionale Botschaft der Bilder, haben gläubige Menschen in der täglichen Glaubenspraxis weit mehr gemeinsam, als manche vermuten möchten. Nicht die Form macht das Gebet, sondern die Beziehung zu Gott, sagt einer der Porträtierten, Gebet sei „ein Ausschalten der Vernunft“ und das „Zulassen, dass mein Mensch-sein zuerst kommt“, beschreibt es ein weiterer.

„Das Schönste an dieser Welt sind die Geheimnisse. Die Dinge, die man nicht komplett erfassen kann“, lautet ein weiteres Zitat eines Porträtierten. „Faces in Prayer“ lässt dem Betrachter Raum für beides, die Schönheit und ihr Geheimnis. Das Österreichische Hospiz, auf der Via Dolorosa, dem Weg zur Klagemauer und zur Al-Aksa-Moschee und Felsendom gelegen, eröffnet ihm anschließend den „Zoom out“ auf die gelebte Vielfalt von Glauben und Gebet.

Ausstellung „Faces in Prayer“, bis 31. Januar 2017, Österreichisches Hospiz, Via Dolorosa 37, Jerusalem; Eintritt frei.

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