Schlechtes Gewissen in New York

Die amerikanische Komödie „Please Give“ verknüpft einen witzig-bissigen Humor mit bemerkenswerten Fragen Von José García

Die meisten Menschen, die noch nie in New York gewesen sind, kennen „The Big Apple“ vorwiegend aus den Filmen von Woody Allen. In „Der Stadtneurotiker“ (1977), „Manhattan“ (1979) oder auch in „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) und „Alice“ (1990) steht die Stadt derart im Mittelpunkt, dass sie zu einem, wenn nicht gar zu dem Protagonisten schlechthin wird. Diese Filme vermitteln darüber hinaus ein Bild des New Yorkers als eines stets mit seinen Neurosen und seiner inneren Zerrissenheit im Widerstreit befindlichen Zeitgenossen.

Von einer solchen, seit den erwähnten Woody Allen-Filmen nicht mehr so in Reinkultur auf der Leinwand gesehenen „Stadtneurotikerin“ handelt der nun anlaufende Film „Please Give“ von Nicole Holofcener: Kate (Catherine Keener) betreibt mit ihrem Mann Alex (Oliver Platt) einen Laden für Vintage-Möbel in Manhattan. Ihren Erfolg verdanken sie einer gewieften Geschäftsidee. Sie kaufen die Designerware, die sie für gutes Geld in ihrem angesagten Möbelladen weiterverkaufen, aus dem Nachlass gerade Verstorbener. Das Geschäft läuft so gut, dass sie die Wohnung der Nachbarin Andra (Ann Morgan Guilbert) bereits erworben haben, um beide Wohnungen mitten in Greenwich Village miteinander zu verbinden, sobald die rüstige 91-Jährige das Zeitliche segnet.

Die Zwiespältigkeit, die Dianne Wiest 1986 in „Hannah und ihre Schwestern“ so wunderbar ausdrückte, weil ihre Holly die Sensibilität einer Künstlerin, nicht jedoch ihr Talent besaß, findet in „Please Give“ auf der ethisch-moralischen Ebene statt. Kate fühlt sich bei ihren Geschäften gar nicht wohl, selbst wenn sie feststellen muss, dass ihre Konkurrenten noch größere Margen erzielen. Ihr schlechtes Gewissen versucht sie zu beruhigen, indem sie an keinem echten oder vermeintlichen Obdachlosen vorbeikommt, ohne ihm einen Geldschein in die Hand zu drücken (deshalb der Filmtitel) oder ihm wenigstens die „doggy bag“ mit den Resten aus dem Nobelrestaurant anzubieten – was zu peinlichen Situationen führen kann. Ebenfalls peinlich enden auch Kates Versuche, ihre diffusen Schuldgefühle dadurch zu betäuben, dass sie sich in einem Altenheim oder beim Behindertensport ehrenamtlich engagiert. Obwohl Kate im Mittelpunkt des Filmes steht, ist „Please Give“ eigentlich ein Ensemblefilm. Zu den Hauptfiguren gehören noch die zwei Enkelinnen Andras, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Betreut die in einer Radiologie-Praxis arbeitende Rebecca (Rebecca Hall) ihre Großmutter liebevoll, so macht Mary (Amanda Peet) keinen Hehl daraus, dass ihr nicht viel an der Oma liegt. Bei einer Geburtstagsfeier, die Kate und Alex für die bärbeißige alte Dame geben, kommen sich Alex und Mary näher, was weitere Verwicklungen auslöst.

„Please Give“ ist fast ausschließlich in Innenräumen, in der Wohnung der Familie aus der gehobenen Mittelschicht, in der Mammographie-Praxis, im Schönheitssalon oder im Gebrauchtmöbel-Laden der Eheleute Kate und Alex angesiedelt. Aus ihnen bricht der Film lediglich bei einem Ausflug zum Herbstwald aus, „um sich die Blätter anzuschauen“. In „Please Give“ stehen weder eine besondere Kameraführung noch schöne Bilder, sondern vielmehr die pointierten Dialoge im Mittelpunkt. Damit steht er in der Tradition der Independent-Filme, die seit einiger Zeit in den Vereinigten Staaten vermehrt gedreht werden, etwa „Pieces of April – Ein Tag mit April Burns“ „Little Miss Sunshine“ oder „Juno“ und „Die Geschwister Savage“. Diese Filme suchen keineswegs eine Hochglanzoberfläche, sondern legen besonderen Wert auf eine mit Widersprüchlichkeiten gespickte, teilweise nicht vor Peinlichkeiten zurückschreckende Authentizität.

Zwar ist das von Regisseurin Nicole Holofcener selbst verfasste Drehbuch, was Rhythmus angeht, keineswegs rund. Zwar überzeichnet es einige Figuren, insbesondere die zwei Schwestern Rebecca und Mary in ihrer Naivität beziehungsweise Ichbezogenheit. Dies machen aber die hervorragenden Schauspielerinnen durchaus wieder wett. Darüber hinaus verknüpft „Please Give“ diese bewusst raue Oberfläche mit bedenkenswerten Fragen, etwa in der Nebenhandlung mit Alex' und Kates pubertierender Tochter Abby (Sarah Steele). Auffällig positiv besetzt „Please Give“ die Familie: Nach seiner Eskapade mit Mary entdeckt Alex seine Liebe zu seiner Frau neu – ein weiterer Aspekt, den Nicole Holofceners Film etwa mit „Hannah und ihre Schwestern“ gemein hat. Die Verknüpfung von witzig-schnippischen, manchmal gar höhnischen Dialogen und allzu menschlichen Situationen mit einem gehaltvollen Inhalt machen aus „Please Give“ eine sehenswerte Komödie nicht nur über die Einwohner New Yorks.

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