Schlammschlacht in der Kölner Innenstadt

Am Standort des eingestürzten Historischen Archivs werden die letzten Archivalien geborgen. Von Constantin Graf von Hoensbroech
Foto: cgh | Aus den Trümmern des Kölner Stadtarchivs geborgen: ein Evangelium.
Foto: cgh | Aus den Trümmern des Kölner Stadtarchivs geborgen: ein Evangelium.

Seit Wochen tobt mitten in der Kölner Innenstadt eine Schlammschlacht. Rund um die Uhr sind daran in jeweils drei Schichten bis zu 40 Personen beteiligt. Das wird auch noch einige Wochen so bleiben. Schließlich geht es um eine nationale Aufgabe: Die Bergung jener Archivalien, die seit dem weltweit Schlagzeilen machenden Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln am 3. März 2009 noch immer in dem riesigen Trichter liegen, der sich durch die Katastrophe aufgetan hat. Damals war das Gebäude, vermutlich in Zusammenhang mit dem unter ihm verlaufenden U-Bahnbau, eingestürzt und versunken. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Mittlerweile unterscheidet sich das Areal kaum mehr von anderen großen Baustellen, die es in Köln so reichlich gibt. Doch das Gelände an der Severinstraße inmitten von einem der kölschesten Stadtviertel ist mehr als eine Baustelle: Es ist die nach wie vor weithin sichtbare Vergegenwärtigung einer der tiefsten Verwundungen im Herzen der Jahrtausende alten Stadtgeschichte.

Mühsam gehen die Arbeiten voran. Aufgrund der gegenwärtigen Witterung herrschen zudem Bedingungen wie in einem Eiskeller. Und wenn der Rhein mal wieder aus seinem Bett steigt und über die Hochwassermarke von 7,5 Metern schwappt, wie es bei einsetzender Schneeschmelze zu erwarten steht, läuft die Grube voll und erschwert die Arbeiten. Immer wieder senkt der Langarmbagger die Schaufel in das stille und durch die vielen Schwebstoffe so dunkle Gewässer, das den eigentlich sauber anmutenden Namen Grundwasser trägt. Kurz darauf hebt sich der Arm wieder und dreht sich mit der nunmehr gefüllten Schaufel zu der neben dem Becken befindlichen Fläche. Mehrere Personen, alle behelmt, in Gummistiefeln und abwaschbare Schutzkleidung eingepackt und mit Handschuhen und Schwimmweste ausgerüstet, beginnen dann, die bis zu einem halben Kubikmeter umfassende Schlammmasse in der Baggerschaufel zu durchwühlen. Manchmal werden dabei größere Dokumentenreste gefunden, manchmal sogar ein zusammenhängender Aktenblock, manchmal gar nichts. Die erste Ausbeute dieser Grobsortierung wird in die von einer Großbäckerei bereitgestellten Brotkörbe einsortiert und später zur weiteren Bearbeitung in das große Zelt oberhalb des Grubenrands gebracht.

Oftmals sind die Archivalien in einem bemerkenswert guten Zustand, manche Akte lässt sich noch aufklappen und eindeutig identifizieren. Das liegt daran, dass das Archivgut im Grundwasser seit dem Einsturz nicht mit Sauerstoff in Berührung und es so nicht zu Zersetzungsprozessen kommen konnte. Etwa 15 Prozent oder, anders beziffert, drei Kilometer des knapp 30 Regalkilometer umfassenden Bestands von einem der bedeutendsten Kommunalarchive Europas mit Dokumenten aus 1 200 Jahren kölnischer, rheinischer, deutscher und europäischer Geschichte liegen noch unter dem Grundwasserspiegel und sollen bis Ende Januar gesichert werden. 330 Meter wurden inzwischen geborgen. Auf über 300 Quadratmetern wird mit Hilfe eines unterirdischen Bergungsbauwerks danach gesucht. Zahlreiche Messgeräte registrieren jede Erdbewegung in der Bergungsgrube. Etwa zehn Prozent, hoffen die Experten, können in restaurierungsfähigem Zustand geborgen werden.

Der Bagger schüttet seine unansehnliche Ladung aus Schutt, Geröll und Erdreich um in die Schaufel eines Radlagers. Nach drei, vier Schaufeln fährt das Baustellenfahrzeug aus der Grube und schüttet seine Ladung in den Eingangsbereich der etwa 900 Quadratmeter großen Fläche, die von der unübersehbaren Zeltkonstruktion abgedeckt wird. Sofort beginnen einige von den insgesamt über 100 freiwilligen Helfern, die über eine Zeitarbeitsfirma angeworben worden sind, den Schlamm auf das Genaueste zu untersuchen. Jeder noch so unbedeutend erscheinende Archivalienrest wird gesichert und als Mosaikstein dem riesigen Puzzlespiel zur Rekonstruktion des Archivbestands hinzugefügt.

Im hinteren Teil des Areals stehen die rund 30 Abspüler in ihren Schutzanzügen an langen Tischen, um die verklumpten und verschlammten Aktenreste aus den Brotkörben zu versorgen. Die Atmosphäre erinnert an die provisorische Ambulanz zur Gewährleistung der medizinischen Erstversorgung in einem Krisengebiet. Drei bis fünf Archivare und Restauratoren sind pro Schicht im Einsatz und überwachen die zähen Arbeiten. Aus den vielen Gartenschläuchen, die sich über die Tische winden, fließt kaltes Wasser. Nach dem Abwasch wird jeder Archivrest in Folie eingeschweißt und zur Schockgefrierung abtransportiert.

Auf 19 Asylarchive sind die geretteten Dokumente verteilt worden. Knapp zwei Jahre nach der Katastrophe sind inzwischen 14 Prozent des Archivguts wieder erfasst, beschrieben und in eine Schadensklasse einsortiert worden. Rund 6 300 Jahre würde ein einzelner Restaurator benötigen, um die verheerenden Zerstörungen und Beschädigungen an den Archivalien zu beseitigen. Nur die Registrierung der Bestandserfassung wird schon bis zu fünf Jahre dauern. Unterstützung beim Wiederaufbau des Archivbestands gibt es mittlerweile auch von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Die Behörde bringt ihre Erfahrungen aus dem sogenannten Stasi-Schnipsel-Projekt ein.

Im Frühjahr soll im Stadtteil Porz-Lind das Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) mit speziellen Geräten wie Gefriertrocknungsanlage, Unterdrucktischen, Schneidemaschinen und Befeuchtungskammern bezugsfertig sein. 18 Regalkilometer Archivgut werden hier zusammengeführt, restauriert und digital erfasst. Das RDZ soll auch einen weiteren Schritt zurück zur wiedererlangten Selbstständigkeit des Historischen Archivs markieren, dem mit dem Unglück sämtliche Arbeitsgrundlagen entzogen worden waren. Über 100 Stellen müssen jedoch noch besetzt werden. Gleichwohl berichtet Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia von erheblichen Schwierigkeiten, Arbeitsplätze qualifiziert mit Archivaren und Restauratoren zu besetzen. „So viele gibt es gar nicht, und die Fachkräfte, die jährlich aus den wenigen Ausbildungsstätten in Deutschland entlassen werden, wollen ja nicht gleich nach Köln.“ Dabei warte hier auf Jahre hinaus eine berufliche Herausforderung und Chance, so die Archivarin, die freimütig einräumt, den ein oder anderen neuen Mitarbeiter andernorts „geklaut“ zu haben. Dabei ist die Situation für die Archivmitarbeiter selbst seit dem 3. März 2009, 13.58 Uhr, eine einzige Herausforderung. Mit dem Einzug in ein Gebäude unweit des alten Standorts ist das Historische Archiv in der Öffentlichkeit wieder mit, in Anführungszeichen, normalen Arbeitsmöglichkeiten wahrnehmbar. Langfristiges Ziel, so Schmidt-Czaia, ist die Entwicklung des Historischen Archivs hin zu „einem fest in der Stadtgesellschaft verankerten Bürgerarchiv“.

Um ein vielfaches erhöht haben sich natürlich auch die Kosten. Auf etwa 400 Millionen Euro wird die Wiederherstellung der geborgenen Archivalien veranschlagt. Etwa 200 Restauratoren sollen diese in den nächsten 30 bis 50 Jahren bewältigen. Um diese Arbeit finanziell mit abzudecken, wurde im Sommer 2010 die „Stiftung Stadtgedächtnis“ begründet. Bundespräsident Christian Wulff hat die Schirmherrschaft übernommen. Aktuell beläuft sich das Stiftungskapital auf rund sieben Millionen Euro. Auf bürgerschaftliches Engagement, etwa durch die Übernahme von Restaurierungspatenschaften wie beispielsweise durch Privatpersonen bei der Wiederherstellung von zwei Autographen des heiligen Albertus Magnus oder erst kürzlich – in einer konzertierten Aktion – durch Nachfahren, den Verein der Freunde und Förderer des Werth-Hauses sowie die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Kaarst-Büttgen für den Aktenbestand des inoffiziellen Kölner Stadtheiligen Jan von Werth, wird zudem gesetzt.

Nach Abschluss der laufenden Bergungsarbeiten wird ein Besichtigungsbauwerk errichtet. Es soll für die Ursachenforschung und Beweissicherung durch die Staatsanwaltschaft genutzt werden, um endlich die Antwort auf die Frage zu finden, die so viele Menschen bewegt: Wer ist verantwortlich für den Tod zweier junger Männer und den Verlust von unschätzbar wertvollem Kulturgut?

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