Schimon glaubt, das Schicksal meine es gut mit ihm

Regisseur Jens Wischnewski und Hauptdarsteller Christoph Letkowski über den Kinofilm „Die Reste meines Lebens“. Von José García
Foto: Camino | Nach dem Tod seiner schwangeren Frau versucht Schimon (Christoph Letkowski), ein neues Leben anzufangen. Als er Milena (Luise Heyer) kennenlernt, glaubt er, dass das Schicksal ihn zu ihr geführt hat.
Schimon hat gerade die Liebe seines Lebens verloren, als er sich in eine Affäre stürzt. Wie kann man sich erklären, dass es so schnell geht?

Jens Wischnewski: „Die Reste meines Lebens“ ist nicht so sehr im Realismus verhaftet, sondern etwas überhöht, märchenhaft erzählt. Schimon wächst damit auf, dass der Opa ihm sagt: „Alles im Leben hat einen Sinn.“ So musste etwa der Zweite Weltkrieg passieren, damit der Opa die Oma kennenlernt. Das ist ganz wichtig für die Zeichnung der Hauptfigur, denn Schimon übernimmt von seinem Opa den Glauben daran, dass das Schicksal es gut mit ihm meint, dass alles einen Sinn hat. Deswegen behält er auch in dieser Zeit, in der seine Traumfrau Jella stirbt, und auch noch viele Dinge verliert, den Glauben, dass alles einen Sinn haben muss. Er glaubt, dass das Schicksal ihn zu Milena führt. Das ist zwar erst zwei Wochen nach Jellas Tod. Aber trotzdem glaubt er, dass dies passieren musste, damit er Milena kennenlernt.

Christoph Letkowski: In letzter Zeit wurde ich mit dem Tod im nahen Umkreis konfrontiert. Dabei habe ich festgestellt, dass in Deutschland oder Mitteleuropa eine richtige Trauerkultur nicht existiert. Ich finde, dass dies für unser Thema nicht unwesentlich ist. In anderen Kulturen gibt es besondere Zeremonien. In Deutschland übernehmen vieles Bestattungsinstitute, wodurch dem Tod etwas Anonymes anhaftet. Als Schimon ist mein Glaube an die Worte seines Großvaters so zementiert, dass ich den Kopf nicht in den Sand steckte. Ich halte mich an das, was mir geblieben ist: meinen Glauben daran, dass alles so kommt, wie es kommen musste, und dass das Schicksal es gut mit mir meint.

Der Film erzählt nicht chronologisch. Der Zuschauer erlebt die Beziehung zwischen Schimon und Jella vielmehr aus Rückblenden. Wie kamen Sie auf diese Dramaturgie?

Jens Wischnewski: Julia C. Kaiser und ich haben das Drehbuch über einen sehr langen Zeitraum entwickelt. Die erste Fassung hatten wir chronologisch geschrieben. Aber wir stellten fest: Wenn der Zuschauer Jella erlebt, wenn er sieht, wie sich die beiden lieben, und dann miterlebt, wie sie stirbt, dann würde er der zweiten Frau, die so unmittelbar in Schimons Leben eintritt, keine Chance geben. Deswegen haben wir es umgedreht, und erzählen zuerst von der neuen Frau, und lernen nach und nach, was mit der ersten passiert ist. Trotz aller Schwere des Themas soll „Die Reste meines Lebens“ ein warmer, herzlicher Liebesfilm sein.

Und wie haben Sie die Zeitsprünge erlebt? Haben Sie den Film beim Drehen so im Kopf, wie er dann abläuft?

Christoph Letkowski: Gerade bei einem Debütfilm, der ja kein großes Budget hat, ist es normal, dass nicht chronologisch gedreht wird. Aufgrund der Locations und der Verfügbarkeit der Mitwirkenden ist dies selbst bei gutdotierten Filmen sehr schwer. Obwohl schon das Drehbuch nicht chronologisch aufgebaut war – was ich an dem Film toll finde, weil dies in Deutschland ganz selten ist und es Mut erfordert – baue ich mir als Schauspieler im Kopf einen chronologischen Bogen. Ich weiß, woher ich komme und wohin ich will, was muss mir alles passieren, damit diese Geschichte funktioniert.

„Die Reste meines Lebens“ behandelt ein ernstes Thema, enthält aber auch komödiantische Elemente. Wie ist das Verhältnis zueinander?

Jens Wischnewski: Uns war es sehr wichtig, trotz der Schwere der Themen – Schicksal, Tod, Verlust, Trauer – eine Geschichte zu erzählen, die eine Leichtigkeit hat, bei der man noch lachen kann. Es sollte aber keine Schenkelklopf-Komödie werden. Die Komik sollte sich aus den Figuren, aus der Geschichte heraus ergeben. Um die Schauspieler zu finden, die diese Tonalität tragen können, haben wir lange gecastet. Nicht nur die drei Hauptdarsteller – Christoph Letkowski, Luise Heyer und Karoline Bär –, auch Ulrike Kriener und Hartmut Volle geben ihren emotionalen Teil dazu.

Christoph Letkowski: In deutschen Filmen – und ich kann das behaupten, weil ich viele Drehbücher lese – steckt die Komik häufig im Dialog, was meistens nicht lustig ist. Für mich steckt die Komik eher in einer Situation. Das können die Engländer, die Amerikaner und die Franzosen recht gut. Ich las dieses Drehbuch und es erinnerte mich zunächst nicht an einen deutschen Film. Die Komödie ist der Tragödie extrem nah. So schwere Themen wie Schicksal, Verlust und Trauer können leicht in etwas Komisches oder Skurriles oder Groteskes gesetzt werden – ohne gleich einem grotesken Genre zu verfallen, weil man dann übers Ziel hinausgeschossen wäre. Ich glaube, in „Die Reste meines Lebens“ ist die Komik wohl dosiert, gut platziert, aber die Geschichte seriös erzählt.

Was für eine Rolle spielen in „Die Reste meines Lebens“ Töne und insbesondere die Musik?

Jens Wischnewski: Schimon versucht zu konservieren: Lebensgeschichten zu konservieren, Geräusche aufzunehmen. Schon als kleines Kind beginnt er, Musik aufzunehmen und zu kombinieren. In Amerika wird er eine Art Soundkünstler. Im Laufe der Handlung bekommt Schimon den Auftrag, ein Musikstück zu komponieren. Weil er trauert, wollte ich eine Art Musik nehmen, die das Gegenteil davon ist. Mir ist Bert Kaempfert eingefallen, den ich liebe, seit ich denken kann. Seine Musik ist einfach perfekt glücklich. Unser Musiker hat viele Anläufe gebraucht, um eine einfache Musik zu finden, die dann aber in der Komplexität durch die Big Band nicht einfach zu spielen ist.

Christoph Letkowski: Ich bin Musiker und habe auch dirigiert. Zum Glück muss ich in der einen Szene nicht nur dirigieren. Es wäre langweilig geworden, glaube ich. Zum Glück gibt es eine wunderschöne Frau, die am Flügelhorn steht. Es ist ein Teil meiner Rolle. Ich muss mich fragen: Was macht er beruflich? Es muss dann aussehen, als täte er es seit Jahren. Ich hoffe, der Zuschauer glaubt es.

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