Schauspielerin mit vielen Gesichtern

Romy Schneider – eine umfangreiche Ausstellung in der „Deutschen Kinemathek“ in Berlin

„Romy, Du wirst immer in meinem Herzen bleiben.“ Dieser Satz, unterzeichnet mit „Heide R.“, findet sich im Gästebuch der Ausstellung „Romy Schneider. Wien-Berlin-Paris“ die, von der Deutschen Kinemathek ausgerichtet und von Daniela Sannwald kuratiert, noch bis zum 30. Mai 2010 am Potsdamer Platz zu sehen ist. Der Satz im Gästebuch ist anrührend und sentimental. Ja, und kitschig ist er natürlich auch. Aber er trifft den Kern. Denn ganz offenbar hat die Schauspielerin Romy Schneider in jeder Phase der Zeit, die auf Erden ihr gegeben war, immer und überall die Herzen ihrer Zuschauer erreicht.

Dabei scheint es so zu sein, also ob sie es darauf gar nicht angelegt hätte. Eigentlich wollte sie wohl immer nur spielen, wollte schon als Schulmädchen aus der wirklichen Wirklichkeit hinaus und lieber hinein in die sogenannte Scheinwirklichkeit des Theaters oder des Films. Wer Schauspielereltern hat – und Rosemarie Magdalena Albach, die Tochter von Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, hatte ebensolche und was für welche! – der will es ihnen oft genug gleich tun. Aber für das Mädchen, von dem hier die Rede ist, ging es wohl vor allem auch darum, der Einsamkeit des eigenen Herzens zu entfliehen, und wie viele vor und nach ihr hoffte Romy darauf, im Spiel vor der Kamera genau das zu finden, was ihr jenseits davon – und gerade auch von den Eltern – zu wenig geboten wurde: echte menschliche Zuneigung nämlich. Man kann es auch Liebe nennen.

Wer die Ausschnitte aus ihren frühen Filmen sieht – und die Berliner Ausstellung bietet aufs Beste die Gelegenheit dazu – der erkennt schnell, dass hier jemand im Wortsinne um sein Leben spielt. Diese Intensität und Frische einer Fünfzehn-, Sechzehnjährigen, diese bezaubernde und verwirrende Mischung aus selbsterkennender Naivität, die gerade und wohl nur jungen Mädchen gegeben ist, wirkt auch noch mehr als fünfzig Jahre danach und geht unter die Haut – und wie sie ihre eigene Mutter Magda Schneider, als deren Filmtochter sie vielfach auftrat, mehr als einmal glatt an die Wand spielt, hat auch etwas Gnadenloses. Doch das ist eben genau jene Gnadenlosigkeit, die alle großen Schauspieler in sich tragen, in sich tragen müssen, wenn sie in einem Gewerbe überleben wollen, das aus Blut, Schweiß und Tränen gemacht ist und nur davon zusammengehalten wird.

Wer da einmal drin ist, kommt so leicht nicht wieder heraus. Romy Schneider hat es versucht, als sie die Sissi-Bürde hinwarf, als sie für ein Millionenpublikum nicht mehr die Kaiserin der Herzen sein wollte, sondern eine moderne Frau ganz von hier und ganz von heute. In dem gewiss besten Dokumentarfilm den es über sie gibt – er wurde 1966 gedreht, stammt von Hans-Jürgen Syberberg und wird zumindest ausschnittsweise in Berlin gezeigt –, sehen wir die erst Achtundzwanzigjährige bereits in einer Lebens- und Schaffenskrise. Die „Kaiserinnenjahre“ liegen hinter ihr, die deutschen Verdammungsurteile wegen ihrer angeblich unverständlichen Flucht nach Paris und zu ihrem Dauerverlobten Alain Delon stecken ihr noch in den Knochen und vor ihr scheint auf wie ein Dämon: das sie entsetzende Nichts. „Siehe, ein Mensch!“, möchte man zu diesem Porträt einer Künstlerin als junge Frau sagen. Aber was ist in diesem Falle schon jung? Romy Schneider war das zwar, und sie war es sehr lange und hinreißend genug, aber sie war gleichzeitig und im Rückblick viel zu wenig beachtet, immer auch die Frau mit den vielen Gesichtern.

Gerade das und vor allem das wird in der Berliner Schau sichtbar gemacht. Denn über die dort präsentierten Kapitel „Tochter, Aufbruch, Weltstar, Zerstörung, Mythos“ hinaus, ist das heimliche Zentrum jener Monitor, auf dem in einer Endloschleife Bild für Bild für Bild ein immer wieder neues Gesicht und vor allem ein immer wieder vollkommen anderes Gesicht dieser gewiss besten und bedeutendsten deutschen Nachkriegsschauspielerin gezeigt wird. Wer vor der Endlosschleife lange stehen bleibt, fragt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann, ob jedes dieser vielen Gesichter wirklich zu immer derselben Frau gehören. Ganz ohne Zweifel: die Antwort muss ja lauten. Aber wie ungemein wandelbar die Aktrice Romy Schneider gewesen ist, wird nirgendwo sonst in der fachkundig und einfühlsam präsentierten Wirkungsgeschichte so intensiv sichtbar wie gerade hier.

Alles sehen wir dort: Freude, Leid, Sehnsucht, Hoffnung, Trauer, Schmerz und Glück. Und wir verstehen jetzt auch, warum Romy Schneider das war, was sie tatsächlich war: eine deutsch-französische Märchenfee, ein Glücksfall für Regiegrößen wie Claude Sautet, Luchino Visconti, Claude Chabrol und Orson Welles, eine Männerphantasie, ein Objekt der Begierde für Dutzende Paparazzi – doch eben auch jene wunderschöne, bezaubernde Frau, die nicht nur für die Ausstellungsbesucherin Heide R. immer in unseren Herzen bleiben wird. Aber das Herz ist bekanntlich ein sehr verletzbares Ding. „Wenn Papa geht dann schlafen wir Beide ein“. Exakt so hat es mit eigener Hand die frisch entbundene Mutter Rosemarie Magdalena Albach im Dezember 1966 in das Photoalbum zur Geburt ihres Sohnes David Christopher geschrieben. Der Papa war der Schauspieler und Theaterregisseur Harry Meyen. Der nahm sich 1979 das Leben. David Christopher verunglückte 1981 tödlich im Alter von 14 Jahren, und das Herz seiner Mutter hörte am 29. Mai 1982 in Paris auf zu schlagen; da war die am 23. September 1938 in Wien Geborene, erst vierundvierzig Jahre alt.

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