Saures Bier

Horst Junginger ist Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Religionskritik in Deutschland. Von Benedikt Winkler
Leipziger Religionskritiker im Gespräch
Foto: dpa | Bedauerlich sei vor allem die „emotionale Aufgeregtheit, was die Religion betrifft“, kritisiert Junginger.

Da kommt jemand und will viel Geld spenden und niemand will es haben. Fast so, als würde man saures Bier anbieten. Fünf Jahre hat Adolf Holl gebraucht, um seinen Stiftungslehrstuhl zu errichten. Die Universitäten Wien, München, Tübingen und die Freie Universität Berlin haben abgelehnt. Sie haben gezögert, wegen des Wortes „Religionskritik“ im Namen des Lehrstuhls – zu groß war die Sorge, in ein schlechtes Licht gestellt zu werden. In Leipzig hat es dann geklappt – im säkularen Osten.

Adolf Holl ist nicht nur ein Mäzen religionskritischen Denkens, er ist auch einer der bekanntesten Kirchenkritiker in Österreich, vielleicht auch im deutschsprachigen Raum. Sein Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ und sein Bruch mit dem Zölibat waren der Anlass, dass Holl 1976 durch den Wiener Erzbischof Kardinal König vom Priesteramt suspendiert wurde. „Heute ist er mit seinen 88 Jahren mit sich im Reinen und auch mit ,seinem Katholizismus‘ – im Gegensatz zu anderen Kirchenkritikern wie Hubertus Mynarek oder Eugen Drewermann“, sagt der Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Religionswissenschaft und Religionskritik Horst Junginger. Leipzig sei eine gute Wahl, findet der Professor, so als hätte es eine große Auswahl von Universitätsstädten gegeben. „Es gibt in Leipzig eine starke Religions- und Säkularitätenforschung. Der erste Lehrstuhl für Religionswissenschaft wurde in Leipzig noch vor dem ersten Weltkrieg errichtet.“

Junginger sitzt mit gefalteten Händen in einem orangefarbenen Sessel in einem schmucklosen Raum mit Zimmerpalme. Kein Schnick-Schnack, kein Barock für nüchterne, objektive Wissenschaft. Im vierten Stock der Strohsackpassage in Leipzig ist auch die Kolleg-Forschergruppe „Multiple secularities“ angesiedelt, zu der Junginger gehört – sie wird mit Drittmitteln von der Deutschen Forschungsgesellschaft finanziert. „In der Religionskritik haben wir den methodischen Agnostizismus“, sagt Junginger. „Dadurch, dass wir uns mit allen Religionen beschäftigen, lehnen wir es ab, Aussagen über die Wahrheitsansprüche einzelner Religionen zu machen, weil die sich zum Teil widersprechen. Im Grunde ist es ein wissenschaftlicher Atheismus, ein methodischer Atheismus, der davon ausgeht, dass Religionen menschengemachte Dinge sind.“ An eine Offenbarungsreligion wie das Christentum glaubt Junginger nicht. Nachdem er evangelisch getauft wurde, ist er aus der Kirche ausgetreten. „Aber wenn ich der katholischen Kirche einen Rat geben darf“, fügt Junginger hinzu, dann weniger an Dogmen festzuhalten. „Beide Amtskirchen stecken in einem objektiven Dilemma. In der katholischen Kirche ist es die Betonung der Tradition, auf der evangelischen Seite ist es die Betonung der Freiheit.“ Bei den Protestanten führe es zu einer Anpassung, wo sich die Religion fast auflöse, bei den Katholiken werde das Festhalten an der Tradition als antimodernistisch aufgefasst. „Der Außenstehende kann dann fast keinen Unterschied mehr feststellen.“ Aggiornamento. Verheutigung. Anpassung. Bedauerlich sei vor allem die „emotionale Aufgeregtheit, was die Religion betrifft“, kritisiert Junginger. Alle denken, das Ende der Welt sei nahe. Es meldeten sich Leute zu Wort, die überhaupt keine Ahnung haben. Alle hätten irgendwie das Gefühl, sich zur Religion äußern zu müssen, weil sie sie als Problem sehen. „Generell fände ich es eine gute Idee, wenn Gläubige darüber nachdenken würden, was der Atheismus Gutes wäre für sie, und die Atheisten, was der Glaube für sie bringen könnte.“ Junginger möchte den Religiösen die Angst vor dem Atheismus und den Atheisten die Angst vor der Religion nehmen. Na gut, zumindest das ist christlich: „Fürchtet euch nicht“.

Die Lehrveranstaltung im Hörsaal 10, im zweiten Stock des Universitätsgebäudes Paulinum ist mehr Vor-Lesung als flammende Areopagrede, dessen historische Begebenheit Junginger genauso anzweifelt wie die Existenz des fliegenden Spaghettimonsters. In der letzten Lehrveranstaltung des Sommersemesters sitzen nicht mehr Studierende als in den theologischen Fächern. Die meisten sind Pensionäre, die nach einem langen Berufsleben nach Antworten oder die kritische Auseinandersetzung suchen. Eine junge Studentin mit dunkelroten Haaren bezeichnet sich als atheistische Gasthörerin. Sie möchte anonym bleiben. Sie hat bei Professor Junginger das Seminar „Wissen statt Glauben“ belegt. Die Enzyklika „Fides et Ratio“ ist ihr nicht vertraut, sie setzt ganz auf das autonome Denken, sie hat Schopenhauer und Nietzsche gelesen. Schopenhauer sei manisch depressiv gewesen, Nietzsche angeblich bipolar, behauptet sie. Zu viel Dopamin im Kopf. Das gleiche Hormon, dass die „Generation Like“ in der Überdosis (un-)glücklich macht. „Entzauberung der Welt“ – von wem war das noch mal? „Google weiß alles“, sagt die Studentin und zückt ihr Smartphone.

Junginger streift die wichtigsten Religionskritiker von der Antike bis zur Gegenwart. Buddha wollte den Brahmanismus reformieren, Jesus das Pharisäertum. „Wenn politische und religiöse Herrschaft so eng miteinander verzahnt sind, dann ist jede Religionskritik Kritik der politischen Herrschaft“, sagt Junginger. Das Wort „Religionskritik“ gab es als generischen Begriff erst seit dem 17. Jahrhundert. Erst durch die Begegnung mit außereuropäischen Religionen und dann durch die Kirchenspaltung der Reformation fragte man sich, was eine Religion überhaupt ist. Daneben gab es schon seit der Spätantike immer wieder Häretiker und Ketzer, die an den bestehenden Herrschaftsverhältnissen angeeckt sind oder Naturwissenschaftler, die bestehende Welt- und Menschenbilder reformierten wie Galilei, Kepler, Newton, Darwin, Freud und Nietzsche. Letzterer ließ den tollen Menschen auf den Marktplatz treten und verkünden: „Gott ist tot“. Mit der Idee Nietzsches vom „Übermenschen“ kam eine Tendenz zu einer biologistischen, aristokratischen Neureligion auf, die schließlich in die Vernichtungslager von Auschwitz führte. Junginger spricht über die sogenannten „Brights“ und die „Four Horsemen“ des Neuen Atheismus: Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris und Daniel Dennett. Eigenartig, dass sich diese bekennenden Atheisten ihres Atheismus so sicher sind, fast so als wüssten sie, wen sie ablehnten. Was die Kreationisten und die Vertreter des „Intelligent Design“ betrifft, möchte die Studentin, die lieber weiß als glaubt, wissen, warum der sogenannte „Intelligent Designer-Gott“ Mutationen erschafft, die sich evolutionär nicht durchsetzten. Gibt es ein kreatives „Da-Zwischen“ zwischen Anpassen aus Angst und Durchsetzen nur aus reinem Machtwillen? Schwierige Fragen, während in Leipzig langsam die Sonne untergeht. Einfach glauben fällt nicht nur im Osten schwer. Karl Rahner verstand es, an Dogmen zu glauben, ohne daran festzuhalten: „Dogmen sind wie Straßenlaternen, nur Betrunkene halten sich daran fest.“

In der Leipziger Innenstadt spielt ein junger Mann mit Pferdekopf-Maske Keyboard. Er möchte auf diese Weise Geld für Verlobungsringe sammeln. Warum er unerkannt bleiben möchte? Vielleicht weil es eine Spannung gibt zwischen dem Wanderapostel Paulus, der die Liebe Gottes bezeugt und dem Philosophen Friedrich Nietzsche, dessen toller Mensch auf den Marktplatz geht?

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