Satans Lieblingssünde

Was ist die Kraft, die viele Prominente antreibt? Glaube und Verantwortung – oder Eitelkeit? Von Ingo Langner
Brunnen im Bayerischen Nationalmuseum
Foto: dpa | Dieser Narziss ist weder Politiker noch Showstar, schaut aber ganz verliebt auf sein Spiegelbild.

Vanity, definitely my favourite sin.“ Auf deutsch: Eitelkeit, eindeutig meine Lieblingssünde. Mit diesem unmissverständlichen Satz endet ein amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1997, der in seinem Ursprungsland „The Devil's Advocate“ heißt und hierzulande unter dem Titel „Im Auftrag des Teufels“ in die Kinos kam.

Es ist der Teufel selbst (verkörpert vom großartigen Al Pacino), der die „Vanitas“ so schätzt und sie wohl deshalb über alle anderen Sünden hebt, weil es die menschliche Eitelkeit ist, die selbst starke Charaktere in jene geistig-moralische Schräglage versetzt, wonach der Abfall von den göttlichen Geboten nur noch eine Frage der Zeit ist. Denn, so lehrt es die katholische Theologie, die Eitelkeit verführt den Menschen dazu, sich statt auf Gott auf das eigene Ego zu konzentrieren.

Das Drehbuch des Films stützt sich auf den gleichnamigen Roman von Andrew Neiderman und darüber hinaus auf John Miltons Epos „Paradise Lost“. Mithin auf jenen 1608 in London geborenen Engländer, der, wegen seines Übertritts zum Protestantismus von seiner Familie enterbt, seinen Plan Geistlicher zu werden wohl deshalb aufgab, weil er sich zum Dichter berufen fühlte. In seinem bedeutendsten Werk „Das verlorene Paradies“ schildert der gichtkranke und erblindete Anti-Royalist in zehn Gesängen und im puritanischen Geist die Geschichte des Sündenfalls. „Der heroische Kampf zwischen Satan und Christus spiegelt zugleich das gigantische Ringen der guten und bösen Mächte im Inneren des Menschen.“ So jedenfalls fasst Wilperts „Lexikon der Weltliteratur“ den Kern zusammen. Um diesen Kern ist es auch uns zu tun, wenn wir im Folgenden unseren Blick auf jene gesellschaftlichen Zusammenhänge konzentrieren wollen, die ohne Satans Lieblingssünde nur unzulänglich zu erklären wären.

Zur Eitelkeit gehören immer mindestens zwei. Um die Eitelkeit in einem Menschen wachzurufen, braucht es ein Gegenüber, das ihm gewissermaßen als Spiegel dient. Eine Ausnahme von dieser Regel kennen wir nur aus der griechischen Mythologie. Dort ist es Narkissos, der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Leiriope, der sich beim Blick auf eine ruhende Wasseroberfläche in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Was ihm nicht zum Guten gereicht. Wegen der Unerfüllbarkeit dieser Selbstliebe verschmachtet er sich vor seinem Ebenbild zu Tode.

Im Film „The Devil's Advocate“ erreicht der Teufel sein Ziel, als er dem männlichen Objekt seiner Begierde einflüstert, ein „Star“ zu sein. Wie schon im Paradies selbst, wird er dabei von der Ehefrau des Mannes unterstützt. Ihr gefällt es, mit einem „Star“ verheiratet zu sein und nicht nur mit einem gewöhnlichen Provinzanwalt. Da sind es also schon zwei, die den Erstling der Schöpfung umgarnen, und er fällt um. Wie die Erfahrung lehrt, wächst die menschliche Eitelkeit mit der Zahl derer, die ihr einen Resonanzboden bieten, und je jünger oder ungefestigter der Mensch ist, dem der Applaus der Menge gilt, desto größer ist die Gefahr für ihn, sich darin zu verlieren. Handelt es sich beispielsweise um einen Tennis-Teenager, der als Siebzehnjähriger das Finale von Wimbledon gewinnt und dessen spektakulärer Sieg nach dem Jubel der Zuschauer auf dem Center Court anschließend einen weltweiten Medienrummel auslöst, dann sind schon gewaltige Kräfte in Bewegung geraten, die von da an am jungen Mann zerren. Wenn er dann auch noch als Aktiver insgesamt 49 Einzelturniere gewinnt, davon dreimal das extrem prestigeträchtige von Wimbledon, dann ist es sehr schwer, am Ende der sportlichen Laufbahn in ein normales Leben zurückzufinden. Denn „normal“ heißt, ohne den Jubel der Massen und ohne Medienaufmerksamkeit auskommen zu müssen. Wer da nicht von guten Menschen und Mächten umgeben gestützt wird, oder, was zweifellos die größte Sicherheit böte, sein Leben Gott anvertraut, der wird es sehr schwer haben.

Ausnahmslos jeder, der auf den Bühnen dieser Welt einen gewichtigen und gut sichtbaren Platz einnimmt, weiß wie es sich anfühlt, wenn er, nachdem der Beifall verklungen und die Lichter erloschen sind, mutterseelenallein in einem Hotelzimmer hockt. Besonders gut jedenfalls nicht. Darum und nur darum, zieht es die Stars dieser Welt wie Motten immer wieder ins Licht zurück. Darum und nur darum, lechzen sie nach dem Jubel dort unten zu ihren Füßen. Sie tun es auch dann noch, wenn sie Millionen auf ihren Bankkonten haben. Sie kehren auch dann noch zum Immergleichen zurück, wenn sie sich als Rockstar täglich mühsam fit halten müssen, um auch noch als Mitsiebziger den unverwüstlichen „Street Fighting Man“ mimen zu können, der von seiner „Sympathy for the Devil“ singt.

Aus all dem folgt, dass nicht nur im Sport und im Musikbusiness Eitelkeit die Chose am Laufen hält, sondern auch in der Politik – und dort ganz gewiss in nicht geringeren Dosen. Konrad Adenauer konnte noch sechs bis acht Wochen im Jahr den Sommer am Comer See verbringen, um sich dort vom bundesdeutschen Regierungsalltag zu erholen. Zwar hat der Kanzler auch in Cadenabbia nicht von morgens bis abends Boccia gespielt, denn zumindest die Grundausstattung des Bonner Büros mit Fahrer, zwei Sekretärinnen und einem Fernschreiber war mit angereist. Gleichwohl war es seinerzeit offenbar möglich, gute und erfolgreiche Politik für Deutschland in einem Stil zu absolvieren, der sich in einem dem Menschen gemäßen Rahmen bewegte. Was heute angeblich unmöglich ist.

Das jedenfalls wird dem Wähler nahezu täglich von den herkömmlichen Rundfunknachrichten bis zum blitzschnellen digitalen Tweet, also in allen derzeit aktiven medialen Formen vermittelt. Jede noch so bedeutungslose Krise kann gegenwärtig anscheinend nur noch in Nachtsitzungen gelöst werden. Doch was im Morgengrauen von verhandlungsmüden Politikern als Ergebnis übernächtigten Journalisten mitgeteilt wird, ist inzwischen mit immer kürzeren Haltbarkeitsdaten versehen. Auch muss inzwischen unentwegt durch die Welt gereist werden. Doch kann wirklich substantiell Nachhaltiges dabei herauskommen, wenn die Regierungschefin kurz mal nach Afrika fliegt, um im Stundentakt mit den dortigen Potentaten über die Bekämpfung von Flüchtlingsursachen zu verhandeln?

Bemerken all diese Politiker nicht, die sich Ähnliches oder noch Absurderes antun, dass sie sich selbst längst freiwillig in einem berufsspezifischen Hamsterrad eingerichtet haben? Drückt sie das Gewicht des vermeintlich alternativlos Faktischen Tag für Tag so sehr nieder, weshalb über Änderungen oder gar Kehrtwenden nicht einmal nachgedacht werden kann? Oder denkt der Politiker von heute vielmehr eher so: Je deutlicher und intensiver die Öffentlichkeit erfährt, wie sehr ich mich für das Gemeinwohl abschufte, desto weniger wird man die Vanitas, die eigentliche Triebfeder meines Daseins bemerken?

Der Mensch bleibt Mensch, bleibt also menschlich mit all den hinlänglich bekannten Schwächen. Warum also sollte jene Eitelkeit, die Sportler und Künstler antreibt, immer wieder aufs Neue das Rampenlicht und den Beifall zu suchen, um unsere Politiker einen großen Bogen machen? Genießen sie den Parteitagsapplaus und das Bad in der Menge nicht? Sind ihnen die auf sie gerichteten Fernsehkameras und die hingehaltenen Mikrofone der Reporter und das Blitzlichtgewitter der Fotographen unangenehm? Stellen sie sich nur deshalb auch nach dreizehn Jahren erneut zur Wahl, weil noch nicht alles getan ist? Oder hält sie allein der offenbar furchterregende Gedanke, schon am Morgen nach dem Rücktritt eine ganz andere zu sein, weiter in Trab?

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