Romano Guardini - Der große Gottsucher

Mit Romano Guardini lassen sich die tragenden Schichten einer Theologie, die diesen Namen auch verdient, erkennen. Von Stefan Hartmann
Romano Guardini: Gelehrter und Prediger
Foto: Foto: | „Sola persona“: Für den katholischen Gelehrten Romano Guardini drehte sich alles um Jesus Christus.dpa

Romano Guardini (1885–1968) war einer der bedeutendsten Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Schriften, Vorträgen und Predigten inspirierte er die Jugendbewegung und die liturgische Bewegung.

Er zählt zu den Wegbereitern des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). Guardini prägte das Denken des deutschen Katholizismus in der Zwischen- und Nachkriegszeit. In Berlin und in München, zwei seiner Wirkungsorte, wurde später je ein Universitätslehrstuhl nach ihm benannt.

Die Theologie von Romano Guardini

Guardini gilt nicht als Theologe vom Fach. Die Schwerpunkte seiner Wirkung waren religionsphilosophisch, liturgisch oder religionspädagogisch in der Quickborn-Jugendbewegung und auf Burg Rothenfels.

An den Universitäten Berlin und München erhielt er eigene Lehrstühle für „katholische Religionsphilosophie und Weltanschauung“. In seinem autobiografischen Lebensbericht wird sein Ringen um die theologische Wahrheit und seine frühe Distanzierung von kantianischen und modernistischen Tendenzen deutlich.

Ohne Bezug zur realen Kirche kann es für Guardini keine echte Theologie geben. Das Wesen des Christentums ist „Der Herr“, so 1937 der Titel seines Hauptwerkes. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“ lautete das Thema eines Vortrags auf dem Berliner Katholikentag 1952.

Gegenwärtige Krisenerscheinungen der universitären Theologie lenken das Augenmerk auf Guardinis Grundansatz einer allen Einzelfragen vorgeordneten „theologischen Theologie“. In Anspielung auf eine von ihm selbst vorgenommene Übersetzung seines Namens kann Guardini als „Wächter“ authentischer Theologie gesehen werden. Eine anthropozentrische Theologie verliert sich leicht in Genitivtheologien der politischen Befreiung, des Feminismus (Gender), der Ökologie oder des Religionsdialogs und sieht kaum noch ihre kirchliche Gebundenheit. Subjektive Autonomie ist dann wichtiger als objektive Vorgaben wie Naturrecht und Offenbarung.

Der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke stellte in diesem Zusammenhang jüngst in einer viel beachteten Streitschrift die an Joh 8, 32 anknüpfende rhetorische Frage „Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?“. Der Mainzer Kirchenrechtler Georg May unterschied in einem historischen Grundsatzbuch „300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie“ (Bobingen 2017).

Schon vor etlichen Jahren zeigte Alma von Stockhausen in ihrem großen Werk „Die Inkarnation des Logos – der Angelpunkt der Denkgeschichte“ (Weilheim-Bierbronnen 2007) die philosophischen und besonders bei Luther liegenden Wurzeln des theologischen Verfalls auf. Es scheint daher sinnvoll, mit Romano Guardini, dem großen Gottsucher, Deuter des Religiösen und „Unterscheider des Christlichen“, einmal die tragenden Schichten einer Theologie, die diesen Namen auch verdient, anzuschauen.

Die Suche nach der Wahrheit des Glaubens

Die Suche nach der Wahrheit des Glaubens hat Guardini früh von einer rein historisch-religionswissenschaftlichen Theologie Abstand nehmen lassen. Der Bibel und literarischen Texten näherte er sich nicht exegetisch-kritisch oder rein akademisch. Es ging ihm mehr um „reale Gegenwart“ (George Steiner) als um Sekundärwelten:

„Ich verzichtete bewusst auf das jeweilige Fachwissen. Ich suchte, so gut ich es vermochte, vor die Fragen selbst zu gelangen und mit ihnen fertig zu werden; so tief als möglich in die Texte einzudringen und aus ihnen heraus zu arbeiten. Das bedeutete natürlich ein Wagnis – man kann auch sagen, eine Vermessenheit“ (Berichte über mein Leben, 47).

Romano Guardini Ziel: Dem einzelnen Menschen helfen, dass er den richtigen Weg zu Gott findet
Foto: KNA | Dem einzelnen Menschen helfen, dass er den richtigen Weg zu Gott findet – das hatte sich Romano Guardini zum Ziel gesetzt.

Außer seiner Freiburger Promotion (1915) und Bonner Habilitation (1922) über den mittelalterlichen Franziskanertheologen Bonaventura gibt es kaum theologisch-fachwissenschaftliche Arbeiten Guardinis. Mit der Themenwahl hat er sich – ähnlich wie Joseph Ratzinger – für eine platonisch-augustinische Geistesrichtung entschieden. Er konnte jedoch auch immer wieder Scholastiker wie Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury als Vertreter des klassischen Geistes würdigen. In einem Anselm-Aufsatz wird die Bindung der Theologie an das lebendige „sentire cum ecclesia“ betont:

„Erst wenn die Theologie aus der Kirche her denkt, hat sie auch Autorität. Individuelle Bemühung, und wären ihre Ergebnisse noch so glänzend, kann niemals Autorität hervorbringen, sondern nur Gründe. Autorität in Dingen der Religion hat nur die Kirche als Gottes Stellvertretung; von ihr erhält sie auch die Theologie, wenn und so weit diese tatsächlich aus der Kirche her spricht.“

Die theologische Grundhaltung Romano Guardinis

Guardinis theologische Grundhaltung wurde von seiner Biografin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz einmal so umschrieben:

„Die Unbedingtheit der Kirche und die Unbedingtheit der Offenbarung, beides ist ihm unverlierbar seit seiner bewussten Entscheidung zur Theologie eingeprägt.“

Seele und Herz kommen in authentisch christlicher und katholischer Theologie genauso zum Zuge wie Verstand und Geist. So schreibt Guardini in den ergreifenden Betrachtungen „In Spiegel und Gleichnis“:

„Im Herzen begegnet der Geist dem Körper und macht ihn zum ,Leibe‘; im Herzen begegnet das Blut dem Geist, und er wird zur ,Seele‘. Beides geschieht durch die Liebe. Diese Liebe aber wird erst durch die Gnade möglich, welche das Ganze, den Menschen, in die Gemeinschaft des Lebens Gottes zieht.“

„Vom Geist der Liturgie“

Auch Liturgie steht bei ihm nicht im platonischen Ideen-Licht, sondern ist geerdet durch den spielerischen Ernst des kirchlichen und gemeinschaftlichen Vollzugs. Das ihn vor hundert Jahren berühmt machende Buch „Vom Geist der Liturgie“ (Maria Laach 1918) endet mit dem Abschnitt „Der Primat des Logos über das Ethos“. In fast antimodernistischer Entschiedenheit wird dort formuliert:

„Die Kirche hat [...] stets mit tiefem Misstrauen jede ethizistische Auffassung der Wahrheit, des Dogmas betrachtet. Jeder Versuch, bloß aus dem Lebenswert des Dogmas seinen Wahrheitswert zu begründen, ist zuinnerst unkatholisch. Die Kirche stellt die Wahrheit, das Dogma, hin als eine unbedingte, in sich ruhende Tatsache, die keiner Begründung aus dem Gebiet des Sittlichen oder gar Nützlich-Brauchbaren bedarf. Die Wahrheit ist Wahrheit, weil sie Wahrheit ist.“

Joseph Ratzinger, der als Glaubenspräfekt selbst ein „Der Geist der Liturgie“ genanntes Werk veröffentlichte (Freiburg 2000), sieht im Voraus des Göttlichen und Kirchlichen einen „theologischen Grundentscheid“ Guardinis:

„Die eigentliche Grundlage seiner Theologie [...] war das Erlebnis der Bekehrung, das ihm zugleich Überwindung des durch Kant repräsentierten Geistes der Neuzeit wurde. Am Anfang steht nicht Reflexion, sondern Erfahrung.“

Mit Bezug auf ein 1923 veröffentlichtes „Gespräch vom Reichtum Christi“ zwischen einem Caritas-Sekretär, einem Gelehrten und einem volkstümlichen Kaplan sieht Ratzinger Guardinis theologische Genialität in der Verbindung von Caritas, Liturgie, Christologie und Volksfrömmigkeit bis hin zur Herz-Jesu-Verehrung:

„Es war die Gnade Guardinis, das Große einfach sagen zu können. Der Mensch ist auf Wahrheit hin geöffnet, aber die Wahrheit ist nicht im Irgendwo, sondern im Lebendig-Konkreten, in der Gestalt Jesu Christi.“

Wesen des Christentums ist Jesus Christus, der Herr

Guardini redet und argumentiert nicht dogmatisch-lehrhaft, sondern artikuliert existenziell die Fülle des christologischen Dogmas. Er wagt mehrfach den Vergleich Jesu mit Buddha, den er als größte Herausforderung an das Christentum ansieht.

„Eines aber ist sicher: Christus steht der Welt ganz anders gegenüber als Buddha: Er setzt einen neuen Anfang“ (Der Herr, 367).

Das Wesen des Christentums ist für den Kierkegaard-Leser nicht eine Lehre oder – wie für Adolf von Harnack in seinen gleichnamigen berühmten Vorlesungen – das Evangelium vom barmherzigen Vatergott, der antijudaistisch die Gesetze des Alten Bundes überwindet, sondern allein („sola“) die Person Jesu Christi:

„Das Christliche ist ER SELBST [...] Die Person Jesu Christi in ihrer geschichtlichen Einmaligkeit und ewigen Herrlichkeit ist selbst die Kategorie, welche Sein, Tun und Lehre des Christlichen bestimmt. Das ist ein Paradox“ (Das Wesen des Christentums, 68).

Der Theologe Romano Guardini.
Foto: IN | Der Theologe Romano Guardini.

Guardini hat sich öfter dem neutestamentlichen Christusbild gewidmet, dabei aber nicht die historisch-kritische Methode angewandt, sondern versucht, sich dem biblischen Gesamteindruck der Person Jesu und ihres Anspruchs zu öffnen. Die neuzeitliche Exegese habe zwar „die bedeutungsvollsten Einzelergebnisse hervorgebracht, aber ihren eigentlichen Gegenstand verloren und damit aufgehört [...] überhaupt Theologie zu sein.“ Wirklich gesehen wird Jesus nur im Glauben – oder indem an Ihm, seinem Dasein und seinem neuen Anfang Ärgernis genommen wird.

Darüber, dass dieses Dasein ein Geheimnis und die Offenbarung des dreieinigen Gottes ist, reflektiert Guardini nicht weiter, sondern lässt es als solches stehen. Er spricht vom Vater, vom Sohn und vom Heiligem Geist, kaum aber vom Geheimnis der Trinität. Auch darin unterscheidet er sich von katholischen Fachtheologen wie Scheeben, Schmaus, Rahner oder Scheffczyk.

Das innertrinitarische Liebesgeschehen ist für Guardini nur in dessen heilsgeschichtlichem Wirken nach außen erfahrbar und erkennbar. Er spricht und schreibt auch über Maria, aber nie als „Mariologe“.

„Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten“

Die für die Theologie fruchtbare denkerische Leistung Guardinis ist in seinem frühen Werk „Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten“ (Mainz 1985) angelegt. Moderne und modernistische Theologie, von der sich Guardini schon bei seinem Tübinger Lehrer Wilhelm Koch freundlich distanzierte, hat das lebendig-Konkrete und damit die Möglichkeit des Ärgernisses an der christlichen Botschaft und Wahrheit weitgehend ignoriert oder rationalistisch ausgeschlossen.

Das neuzeitliche Autonomiedenken mit seinen Tendenzen zum Subjektivismus, Individualismus, Indifferentismus und Relativismus ist nicht nur in die Kritik des Naturrechts oder an Vorgaben des kirchlichen Lehramtes eingedrungen, sondern in die akademische Theologie insgesamt.

Guardini war von Beginn seines theologisch-kirchlichen Wirkens ein Gegner des an Immanuel Kant anknüpfenden Autonomiedenkens, denn die Wahrheit macht frei (Joh 8, 32), nicht umgekehrt. Dabei ist für ihn jedoch Wahrheit nie abstrakt-formal oder – wie Fjodor M. Dostojewski einmal andeutete – eine mögliche Alternative zur Person Jesu. Die Wahrheit ist inhaltlich Gottes Liebe und seine in Christus sichtbare Liebe ist die Wahrheit.

Guardinis theologisches Vermächtnis

Guardini liebte die Briefform, um seine Anliegen, Beobachtungen und Gedanken mitzuteilen. Vor allem mit seinem priesterlichen Freund Josef Weiger (1883–1966), Pfarrer von Mooshausen im schwäbischen Allgäu, stand er in dauerndem brieflichem Austausch.

Die 1976 aus dem Nachlass veröffentlichte Weiger-Korrespondenz „Theologische Briefe an einen Freund“ fand zwischen 1963 und 1966 statt und kann als Guardinis theologisches Vermächtnis in sein Gesamtwerk einführen.

Theologie hat mit Freundschaft, Mitteilung und Verständlichkeit zu tun. Sie ist weder Glasperlenspiel noch Betriebsanleitung und muss stets in Gebet münden. In einer Zeit, in der sich Theologie zunehmend säkularisiert, weist Romano Guardini also auf eine „theologische Theologie“ hin, die auch das Zeugnis der Heiligen Schrift nicht aushöhlt.

Neomodernistisches Autonomiedenken findet in ihm einen unerbittlichen Kritiker. Theologie ohne Glaube, ohne Kirche und ohne Gebet schafft sich selbst ab. Eine „Renaissance“ der klaren Gedanken Romano Guardinis könnte in vielen Bereichen heilsam und wegweisend sein.

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