Kultmusiker

Rockmusiker Sting wird 70

Zum Katholizismus und zur Messe in außerordentlicher Form hat er ein ambivalentes Verhältnis: Am 2. Oktober hat der britische Popstar Geburtstag. Religion und Spiritualität spielen in seinem faustischen Leben und Werk eine besondere Rolle.
Sting bei Papst Franziskus
Foto: Evandro Inetti (imago stock&people) | Papst Franziskus begrüßt den Popsänger Sting während einer Audienz 2018: Beide verbindet die Sorge um die Natur - besonders in Südamerika - und das Bemühen um den Schutz der Umwelt. Sting wird im Oktober 70 Jahre alt.

Die Konstellation der Sterne bei seiner Geburt scheint glücklich gewesen zu sein. Denn auch wenn Gordon Matthew Thomas Sumner am 2. Oktober 1951 in eher bescheidenen Verhältnissen, als Sohn eines Milchmanns und einer Friseuse, im nordenglischen Wallsend bei Newcastle zur Welt kam   es ist etwas aus ihm geworden. Genauer gesagt: Sting, ein weltberühmter Pop- und Rockstar, der zunächst als Bassist und Sänger der Rockband "The Police" Erfolge feierte, gleichzeitig als Schauspieler meist dämonischer Charaktere reüssierte ("Brimstone and Treacle", "Dune") und ab 1985 zu einer großen Solokarriere ansetzte, deren Ende nicht abzusehen ist. Wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag wird das 15. Studio-Album "The Bridge" erscheinen. Mit Songs, die "in einem Jahr der globalen Pandemie, des persönlichen Verlusts, der Trennung, der Zerrüttung, des Lockdowns und des außergewöhnlichen sozialen und politischen Aufruhrs" geschrieben wurden.

Dass es in Stings persönlichem Leben Verluste, Trennungen und Zerrüttungen gab, hat er bereits in seiner lesenswerten Autobiographie "Broken Music" (2003) deutlich gemacht: die Spannungen zwischen seinen Eltern werden in dem Buch anschaulich geschildert; die obsessive Flucht in die Welt der Musik und Literatur; schließlich die erste Ehe mit der Schauspielerin Frances Tomelty, die Sting bei einem Weihnachts-Musical kennenlernte, bei dem sie als Jungfrau Maria in Erscheinung trat, während Sting, der damals noch als Lehrer an einer katholischen Schule seine Sporen verdiente, als Bassist im Hintergrund blieb. Mit dem Erfolg der Rock-Band "The Police" änderte sich alles: Sting trat ins Scheinwerferlicht. Aus dem zunächst noch schüchternen Milchmannssohn wurde ein Rock ‚n‘  Reggae-Monster, ein Sturm und Dränger zwischen Sex-Affären, Drogen und Arroganz. Und das alles, obwohl Sting in den ersten Interviews seiner Karriere unterstrichen hatte, dass ihn die Stereotype der Rock-Welt nicht sonderlich interessieren würden. Der Intellekt viel wichtiger sei. Außerdem sei er mit "Magie und Religion" groß geworden, also mit etwas völlig anderem als das, was das hedonistische Showbusiness biete.

Eine neue Frau bringt Schwung in die Karriere

Was ihn wieder in die Kurve brachte, war die Trennung von Tomelty im Jahr 1984, die Beziehung mit seiner jetzigen Frau Trudie Styler   und die Lehren von C. G. Jung. Dem Schweizer Analytiker widmete er quasi das letzte "Police"-Album "Synchronicity" (1983) und erforschte dabei Zusammenhänge zwischen Ereignissen, die auf akausale Weise miteinander verknüpft sind – das kollektive Unbewusste, in dem die Symbole und Archetypen der Menschheit lagern. Auch Mephistopheles bezog er mit ein. Ein symbolischer Traum leitete Stings Solokarriere ein: Blaue Schildkröten verwüsteten seinen ordentlichen englischen Garten – "The dream of the blue turtles" (1985). Aus diesem Chaos, der prima materia, wuchs der kreative Befreiungsschlag, die Emanzipation vom ersten Karriereabschnitt, die Integration des "Schattens".

Mit dem Album "Nothing like the sun" (1987) ging es weiter. Auch bei diesem diente Jungs an Goethe angelehnte gnostisch-alchemistische Weisheit als Inspiration: mit dem Geheimnis des Femininen, der notwendigen Versöhnung der weiblichen und männlichen Seelenanteile (anima und animus) setzte sich Sting auf dem Album auseinander. Für die Rückseite des Covers ließ er sich mit einer Statue der Mutter Gottes ablichten. Zu ihr suchte Sting schon immer eine gewisse Nähe. Maria, der Stern des Meeres, wurde als Kind zu seiner "Ikone", wie er in "Broken Music" schreibt. Vor dem "Police"-Durchbruch konnte es sogar passieren, dass Sting nachts den Rosenkranz betete, um Trost und Beruhigung zu finden. Auch wenn er die Jungfrauen-Geburt rückblickend als "ein Wunder zu viel" einstuft.

„Damals erwähnte Sting im Zusammenhang mit seiner katholischen Ausbildung
aber auch ,Dämonen‘, die er für seine ,Weiterentwicklung‘ nutze“

Doch: Er mag sie. Vermutlich, weil er vor ihr keine Angst haben musste, wie vor den Priestern auf der exquisiten St. Cuthbert’s Catholic High School in Newcastle, die ihn und andere Schüler regelmäßig während der Schulzeiten schlugen, während synchron in Rom das Konzil stattfand, um in der Kirche einen neuen Geist zu ermöglichen. An Gordons Schulleistungen können die Prügelstrafen nicht gelegen haben, denn die waren durchaus passabel, wie sich sein Schulfreund James Berryman in "Sting and I" erinnert. Es war wohl Gordons freier Geist, der die Geistlichen provozierte, wie ein Stachel wirkte.  "Sting war einfach nicht in der Lage oder nicht willens, sich dem Schulregime anzupassen", meint Berryman. Sting ist sicher, dass die Schläge keine missionarische Wirkung auf ihn hatten: "Jeder Gedanke, dass ich ein unkritischer Anhänger der kirchlichen Weisheit werden würde, flog aus dem Bürofenster, als der letzte Hieb auf den Sitz meines Grolls traf."

Als nicht ganz dazugehörig hatte er sich sowieso schon empfunden. Das Beichten hatte ihm bereits in ganz frühen Jahren Probleme bereitet, weil er sich keiner schweren Vergehen bewusst war. Darum erfand er welche, um Stoff für den Beichtstuhl zu haben, was nun tatsächlich Schuldgefühle in ihm auslöste. 
Wie sehr Sting seine katholische Prägung mit sich trägt, vor allem psychisch, was er zugibt, wird nicht nur in seinen Songs deutlich, die oft mit christlichen Motiven und Symbolen versehen sind, sondern auch in Interviews, in denen er immer wieder auf den Katholizismus und seine ambivalenten Erfahrungen damit zu sprechen kommt. Als gelte es, sich an der Religion abzuarbeiten. So etwa 1983 im Gespräch mit Andy Warhol und Bianca Jagger. Alle drei waren sich einig, dass die lateinische Messe dem neuen Ritus vorzuziehen sei ("the mystery in it" – dt.: das Geheimnisvolle darin). Damals erwähnte Sting im Zusammenhang mit seiner katholischen Ausbildung aber auch "Dämonen", die er für seine "Weiterentwicklung" nutze. Dass es ihm darum gehe, sich "zu vergrößern", nicht festgelegt zu sein, hatte er schon vorher in faustischer Manier bekundet.

Engagement als Menschenrechts- und Umweltaktivist

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In Interviews zu dem Album "The Soul Cages" (1991), das Erinnerungen an seine am Meer gelegene Heimatstadt und den Tod des Vaters verarbeitet, hob er hervor, dass der Katholizismus keine Antworten mehr liefere auf die Herausforderungen der Gegenwart. Sting, der sich neben seiner künstlerischen Karriere zum Menschenrechts- und Umwelt-Aktivisten entwickelt hatte, schwärmte von der "tieferen Religion" der Ureinwohner Südamerikas. Wissend, dass bei dieser Naturreligion Animismus und Heidentum eine Allianz eingehen.

Die Rettung des brasilianischen Regenwalds wurde sein Top-Projekt. Neben Yoga und Tantra, die der persönlichen körperlichen Leistungsfähigkeit und Wahrnehmung geschuldet sind. Indien-Reisen, Drogen-Experimenten und Tarot-Karten. Immerhin hatte Sting schon 1984 gegenüber der Zeitschrift "Penthouse" von seinem geheimnisvollen Mentor erzählt, der ihn in die Kunst der Karten eingeführt und ihm sogar sein Todesdatum verraten habe. Nicht nur C.G. Jung wurde in diesem Interview gelobt. Auch für den jüdisch-ungarischen Autor und parapsychologischen Forscher Arthur Koestler und den Okkultisten Aleister Crowley fand Sting Worte des Respekts.

Papst Franziskus lobt öffentlich Stings Arbeit

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So wie Politiker und Künstler weltweit heute nur lobende Worte für Sting haben. Der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, ist Mitglied im Sting-Fanclub; Barack Obama bezeichnete Sting im Weißen Haus einmal als "rundum schöpferische Kraft". Als Sting und Trudie Styler 2018 bei Papst Franziskus vorbeischauten, bedankte sich das katholische Oberhaupt bei Sting für seine Arbeit. Spielte der Mann in Weiß damit auf eine "Dies irae"-Vertonung Stings an oder ging das Lob viel weiter? Wenn man die Enzyklika "Laudato si " liest und sich die Amazonas-Synode vergegenwärtigt, kann man den Eindruck haben, dass Sting schon in den 80ern den grünen Teppich für Franziskus ausgerollt hat. Mit seinem Engagement für die Bewahrung von "Mutter Erde" ging der Pop-Missionar aus Newcastle dem Vatikan voraus. Wobei Sting dieses Engagement durchaus in einem spirituellen Zusammenhang sieht. Wie auch den biodynamischen Weinanbau in seinem Haus in Italien: "Methode Rudolf Steiner". Alles dreht sich um die Stufen des Bewusstseins. Die Einheit von Mensch, Natur, Kosmos.

Hält man sich an die Kategorisierungen des niederländischen Esoterik-Experten Professor Wouter Hanegraaff, so lässt sich Stings Spiritualität tatsächlich dem klassischen "Western Esotericism" (Gnosis, Alchemie) zuordnen, aber auch dem neuzeitlichen "New Age". C.G. Jung war für beides die Brücke. Goethe hat es mit seiner synkretistischen Privatreligion und "symbolischen Existenz" (Nicholas Boyle) vorgemacht. Mittlerweile gibt es vonseiten der Wissenschaft aber Versuche, Sting in die Nähe des Christentums zu rücken. Der Theologe Michael Taylor Ross hat Sting schon vor einigen Jahren   etwas zugespitzt formuliert   zum Öko-Heiligen des säkularen Zeitalters erklärt. Der jüdische Religionswissenschaftler Evyatar Marienberg hat unlängst ein Buch über Stings "katholisch geprägte Vorstellungskraft" veröffentlicht; in dem Werk "Sting & Religion" gelingt Marienberg das Kunststück, C.G. Jung auf 200 Seiten nur einmal zu erwähnen. Und das "Synchronicity"-Album der Inspiration Arthur Koestlers zuzuschreiben.

Zeitlebens sucht er nach dem Gott seines Verständnisses

Sting selbst hingegen hat – darin einem ähnlich komplexen und religiös interessierten Künstler wie Johann Wolfgang von Goethe nicht unähnlich – immer wieder betont, dass er zu den "Gewissheiten des religiösen Glaubens" eine Distanz bevorzugt. "Die Neugier ist die Hauptsache. Ich glaube an das Mysterium, und ich umarme das Geheimnis des Kosmos. Er ist so riesig und weitläufig. Ich bin ihm treu ergeben." Stings langjähriger Gitarrist Dominic Miller sagt gegenüber dieser Zeitung, dass er niemanden kenne, der "so zielstrebig" sei wie Sting. "Er hat einen Antrieb und eine Leidenschaft wie kein anderer. Er will sich einfach nur verbessern und die Messlatte immer höher legen." Was Sting antreibe, sei "eine Suche nach Klarheit, nach Erleuchtung, einfach um dem Gott seines Verständnisses näher zu kommen".

Wie wichtig die Musik der Kirche weiterhin für Sting ist, unterstrich er 2018 im Gespräch mit dem Vatikanisten Edward Pentin. Diesem sagte er: "Ich finde nicht, dass man zur lateinischen Messe zurückkehren sollte, aber ich sehe sie als etwas an, das man wählen kann, wenn man es möchte, oder das man hören möchte. Das ist sehr schön. Die Musik dieser Sprache ist für mich wichtig." Auch den Empfang der Sakramente am Ende seines Lebens schloss er nicht aus.
Doch um das "Geheimnis" zu schützen, wird er wohl auch weiterhin mit der ihm eigenen Ambivalenz einen Sicherheitsabstand zur Institution wahren. Er fände es, sagte er 2018, "sehr arrogant, wenn Leute sagen: ,Das ist es.  Ist das so? Woher wollen Sie das wissen? Ich habe einfach ein Gefühl der Verwunderung und der Demut, das ich bei religiösen Menschen vermisse." 
Happy birthday, Sting!

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