Respekt

Nicht, dass es tatsächlich wichtig wäre, aber irgendwie nervt es schon, was Michael Ballack, Kapitän der Fußballnationalmannschaft, dem Bundestrainer Joachim Löw vorgeworfen hat: fehlenden Respekt vor den verdienten Spielern im deutschen Team nämlich.

Respekt. Da ist wieder das neue Modewort. Wenn sich junge Menschen heute heftig prügeln, geben sie als Grund dafür oft an, sich von dem jeweils anderen nicht respektiert gefühlt zu haben, was in ihrem Verständnis einer gewaltwürdigen Provokation gleichkommt. Wenn junge Einwanderer oder Kinder und Enkel früherer Einwanderer in Deutschland gefragt werden, warum sie sich in die bundesrepublikanische Gesellschaft nicht integrieren können und wollen, reden sie nicht selten vom Respekt, der ihnen von den Deutschen in ihren Augen verweigert wird. Ein Blick, eine Geste, ein Wort – sofort brennt manchen die Sicherung durch, weil sie sich vorgeblich nicht respektiert fühlen, oder sie ziehen sich zurück.

In den musikalischen Jugendkulturen des Rap oder HipHop von Eminem bis Bushido – ihre Texte und Stakkati handeln zu einem großen Teil davon, dass es mit das wichtigste im Leben sei, sich Respekt zu verschaffen, von anderen Respekt einzufordern. Alle weiteren Dinge vom dicken Auto über teure Goldketten bis hin zum Image des Frauenhelden sind lediglich Mittel, um sich respektiert zu fühlen. Der Respekt ist das Ziel, der oberste Wert.

Oder islamische Fundamentalisten: In der Rechtfertigung ihrer Gewalt ist die Argumentation vom angeblich fehlendem Respekt des Westens vor der islamischen Religion festes, wiederkehrendes Muster. Diese in ihrer Wahrnehmung gefährdete und schon verlorene Ehre soll die Menschen motivieren, für eine islamistische Ideologie gegen den Westen zu kämpfen und zu sterben.

Die steile Begriffskarriere zeigt: Die Verhältnisse archaisieren sich. Aus dem Respekt im Sinne der wechselseitigen Achtung des Anderen in seiner Andersartigkeit, die zum achtsamen Umgang untereinander verpflichtet, ist ein globalisierter Kampfbegriff geworden – Respekt erweisen und Respekt erwarten sind Machtfragen geworden, die im wahrsten Sinne des Wortes blutig enden.

Wenn ein Michael Ballack dann auf einem solchen Hintergrund Respekt einfordert, dann ist das, mit Verlaub, bloß noch gedankenlos dämlich – und vor allem egoistisch. Respekt, wenn ihn der Bundestrainer rauswürfe.

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