Rein populationsdynamische Interpretation der Religion

In der gegenwärtigen Diskussion um Schöpfungstheologie und Evolutionsbiologie scheint sich eine neue Front auf alten, längst befriedet geglaubten Schlachtfeldern aufzutun. Die Hauptkontrahenten der widerstreitenden Parteien sind ein biblizistisch orientierter Kreationismus und ein materialistisch-reduktionistisch orientierter Evolutionismus. So argumentiert unter Behauptung von Wissenschaftlichkeit die 2004 gegründete religionskritische Giordano Bruno Stiftung in Deutschland polemisch und weit jenseits der wissenschaftlichen Zurechnungsfähigkeit für diese Art von Evolutionismus. Und in den USA argumentieren ebenfalls im Namen von Wissenschaftlichkeit die modernen Kreationisten aus dem Center of Science and Culture (CSC) des 1990 gegründeten Discovery Institute weit unterhalb des exegetischen Niveaus der universitären Theologie für diese Art von Kreationismus.

So entsteht hier leider wieder von neuem die unselige Spannung und unsinnige Spaltung zwischen einer Wissenschaft, die glaubt, die Religion ab- und auflösen zu können, und einer Religion, die glaubt, die Wissenschaft korrigieren zu müssen.

Ein zentraler Streitpunkt ist der Begriff des Zufalls einschließlich der Konsequenzen, die sich daraus ergeben, und zwar konkret für das menschliche Leben und intellektuell für das menschliche Selbstverständnis.

Einige Evolutionsbiologen sagen, dass wegen der Zufälligkeit der Mutation kein Sinn im Gang der Evolution erkennbar, ja sogar nicht einmal theoretisch möglich ist. Sie folgen damit den Überlegungen, die bereits Jacques Monod in seinem Werk „Zufall und Notwendigkeit“ angestellt hatte. Die Implementierung des Zufalls im System der Evolution und der Reproduktion von Leben schließt demzufolge die Dimension von Sinn und Plan und von einem sinnstiftenden göttlichen Planer aus. Nun ist aber das Phänomen Religion eine unübersehbare und offenbar unausrottbare Realität und mit ihm die Annahme eines umfassenden göttlichen Plans. Wir stehen also vor der Alternative, ob die Existenz des Menschen ein erfreulicher beziehungsweise dummer Zufall oder ob seine Existenz das Ergebnis eines göttlichen Plans ist.

Obwohl viele Evolutionsbiologen einen solchen göttlichen Gesamtplan ausschließen, unterstellen sie ihrerseits selbst doch etwas derartiges oder zumindest ähnliches, indem sie eine rein biologische, populationsdynamische Interpretation des Phänomens Religion geben. Mit von Hayek formulieren sie deshalb: „Religion überlebt, weil sie Kinder zeugt“ – man könnte noch hinzusetzen: „und nicht, weil sie wahr ist oder weil es Gott gibt“.

Ihr Sinn besteht demzufolge in einer vom religiösen Subjekt angeblich nicht durchschauten „Nebenwirkung“ von Religion, nämlich in einer Optimierung des Brutpflegeverhaltens, das dann aber in Wirklichkeit ihre Hauptwirkung und ihr einziger Sinn ist. So entsteht plötzlich unter der Hand – und allem Zufall zum Trotz! – doch ein Sinn, nur eben kein theologischer, sondern ein biologischer.

Zur Klärung der Frage, ob Zufall oder Plan im Spiel ist, muss zunächst einmal der in der Biologie leider nicht hinreichend geklärte Zufallsbegriff, und zwar gerade im naturwissenschaftlichen Interesse, präzisiert werden. Zu unterscheiden sind, folgt man dem Physiker und Philosophen Gerhard Vollmer, übrigens ein Vertreter der Giordano Bruno Gesellschaft: 1. der objektive Zufall; er ist in quantenphysikalischen Phänomenen beobachtbar, mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung quantifizierbar, aber kausalanalytisch nicht rekonstruierbar. 2. der subjektive Zufall; er taucht zum Beispiel in der Biologie auf und ist einer Kausalanalyse prinzipiell zugänglich, die aber bei komplexen Phänomenen aus pragmatischen Gründen nicht durchführbar ist.

Wenn man die Mutationshäufigkeiten für die einzelnen Genloci betrachtet (ein Genlocus bezeichnet die Lage eines Gens auf dem Chromosom oder Plasmid, also im Genom. Die Darstellung aller Genloci eines Organismus nennt man Genkarte), dann zeigen sich keine gleichmäßigen Zufallsverteilungen, sondern eindeutige Häufungen an bestimmten Orten, also den sogenannten Hot spots, die einer Kausalanalyse zugänglich und bedürftig sind. Zufällig sind die Mutationen allenfalls in Relation zum selektierenden Milieu. Das heißt, sie treten unabhängig davon auf, sofern das selektierende Milieu nicht selbst mutagene Substanzen enthält und also die Mutation auslöst. Um diese Unabhängigkeit der Mutation vom selektierenden Milieu zu benennen, sollte man aber besser von einer fehlenden Korrelation oder einer fehlenden Interdependenz, denn von Zufälligkeit reden.

Die Frage ist nun, ob aus diesem in der Biologie verwendeten Begriff des subjektiven Zufalls irgendwelche das Menschenbild tangierenden weltanschaulichen Konsequenzen gezogen werden dürfen.

Zufallsbegriff der Biologie determiniert nicht die Sinnfrage

Berechtigt die Feststellung der biologischen Tatsache, dass zahllose Tierstämme in der Evolution ausgestorben sind oder sich nicht erkennbar weiterentwickelt haben, zum Beispiel zu der Behauptung, es gebe prinzipiell keinen Trend, keine Richtung, keine Höherentwicklung oder Komplexitätszunahme?

Nötigt der biologisch übliche Zufallsbegriff zu Folgerungen oder berechtigt er zu Behauptungen wie, die Evolution sei ohne Plan, sei ohne Ziel, sei ohne Sinn (Wilson, Monod, Wuketits, Dennett et cetera)?

Auf beide Fragen ist mit einem klaren Nein zu antworten:

Zum einen ist aus der Tatsache, dass ein bestimmtes Ergebnis nicht erreicht wurde, nicht zu schließen, dass es nicht – durch welche Prozesse auch immer – angezielt worden sein könnte. Der Gang zum Bahnhof kann sehr wohl auch dann angezielt worden sein, wenn ich den Bahnhof aufgrund meiner Ortsunkenntnis nie erreicht oder den Gang wegen Überschreitung der Abfahrtszeit des Zuges aufgegeben habe.

Auch auf die zweite Frage ist mit Nein zu antworten. Denn die sogenannte zufällige Mutation ist ohne irgendeinen Gültigkeitsverlust der Evolutionstheorie durchaus als Explorations-, Innovations- und Distributionselement eines umfassenderen Plans verstehbar.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Bei der Ziehung der Lottozahlen 6 aus 49 spielt der subjektive Zufall eine wesentliche Rolle. Gleichwohl kann man aus der Implementierung des sich in der Lostrommel abspielenden Zufallsgeschehens nicht schließen, das ganze Lotterieunternehmen sei sinnlos, ziellos, planlos. Der dort vorliegende Zufall ist der Kausalanalyse zugänglich, zum Beispiel durch Feststellung der Ausgangslage der Kugeln, der Drehgeschwindigkeit, der Rollreibung, der Anzahl der Umläufe der Trommel und ihres Entnahmemechanismus et cetera. Es handelt sich um einen subjektiven Zufall. Aber gerade der steht keineswegs im Widerspruch zu Sinn, Ziel und Plan. Er fungiert vielmehr als Anreiz zum Mitspielen und als Distributionsmodus bei der Gewinnausschüttung für die Teilnehmer. Und deren Einzahlung sichert planvoll den gelegentlichen Geldgewinn eines oder mehrerer Mitspieler und sichert planvoll und zielsicher den ständigen Geldgewinn für die Lottogesellschaft.

Der Einbau eines eingegrenzten Zufallselements in einen Gesamtprozess lässt in keinem Fall einen zwingenden Schluss auf die Ziel- und Planlosigkeit des Gesamtprozesses zu, und zwar weder beim Lottospiel noch bei der Evolution.

Der Mensch ist kein objektiver Beobachter der Evolution

Außerdem steht der Mensch als Teilnehmer in einem evolutiven Prozess, den er ohne Kenntnis des Anfangs und Endes selbst nur in Ansätzen versteht und dem er nicht als objektiver Beobachter gegenübersteht. Er kann – ausgehend von naturwissenschaftlichen Detailkenntnissen – über das Ganze des Prozesses allenfalls philosophisch anregende Mutmaßungen äußern, die allerdings das Qualitätssignum, im strengen Sinne Naturwissenschaft zu sein, nicht mehr erfüllen. Auch hierzu eine erläuternde Analogie:

Der Vogel repräsentiert in seinem Körperbau die Gesetze der Aerodynamik, die er ohne, zumindest aber ohne umfassende Bewusstseinsbegleitung aus der ihn umgebenden Natur „extrahiert“ hat. Der Fisch repräsentiert in seinem Körperbau die Gesetze der Hydrodynamik, die er ohne, zumindest aber ohne umfassende Bewusstseinsbegleitung aus der ihn umgebenden Natur „extrahiert“ hat.

Der Mensch vermag als ein in diesem Fall außenstehender und überlegener Beobachter ex post, nachträglich in der Phylogenese (Individualentwicklung) und Ontogenese (Stammesentwicklung) der Vögel und Fische einen Plan zu entdecken, der, soweit wir wissen, den Vögeln und Fischen selbst, obschon sie ihn realisieren, nicht durchschaubar ist.

In ähnlicher Weise wie Vögel und Fische ist der Mensch unfähig, den ihn selbst betreffenden gesamten Werdeprozess zu überblicken und angemessen zu deuten. Die immer nur sehr partielle Innenansicht des Prozesses, in dem der Mensch evolutions- und kulturgeschichtlich steht, ermöglicht keine sicher zu nennenden, sondern allenfalls spekulative Aussagen über den Gesamtprozess. Die Sicherheit dieser Aussagen erhöht sich nicht dadurch, dass sie ein möglicherweise religionskritischer Naturwissenschaftler statt eines Philosophen oder Theologen tätigt.

Wer immer dem Evolutionsprozess als Ganzem einen Sinn, einen Plan und ein Ziel oder das Gegenteil – also Sinnlosigkeit, Planlosigkeit und Ziellosigkeit – unterstellt, betreibt Metaphysik. Das ist nicht verboten, sollte aber dem, der das tut, auch selber bewusst sein und anderen bewusst gemacht werden.

Solange die Evolutionsbiologie einen naturwissenschaftlichen Geltungsanspruch erhebt, fehlt ihr die Berechtigung zu solchen, die empirisch quantifizierenden Feststellungen der Naturwissenschaften transzendierenden All-Aussagen.

Eine weltanschaulich aufgeladene Evolutionslehre wird, ohne es zu wissen, oder ohne es andere wissen lassen zu wollen, zur Metaphysik.

Eine Evolutionslehre, die irgendeines ihrer der Deskription dienenden Elemente, entweder die „zufällige“ Mutation oder die „notwendige“ Selektion oder sich selbst als Ganze „metaphysiziert“, „meta-füsiliert“ sich zugleich selbst als Naturwissenschaft.

Die Frage, ob der Mensch einem dummen Zufall oder einem Plan Gottes entstammt, steht also nicht an der Schnittstelle zwischen angeblich gesicherten naturwissenschaftlichen Gewissheiten und angeblich vagen theologischen Glaubensansichten. Sie ist in jedem Fall eine naturwissenschaftlich nicht entscheidbare Glaubensfrage, für deren Beantwortung man bessere oder schlechtere metaphysische Argumente ins Feld führen kann.

Wenn materialistisch orientierte Evolutionisten und biblizistisch orientierte Kreationisten mit ihrer jeweils konträren Metaphysik den Anspruch erheben, die evolutionstheoretisch oder schöpfungstheologisch nicht nur gerechtfertigten, sondern einzig richtigen Konsequenzen zu ziehen, so kommt mir ein Bild vom Stabhochsprung in den Sinn. Die zu überquerende Latte liegt bei sechs Metern. Die kreationistischen und evolutionistischen Sportsleute springen bei drei Metern drunter her und meinen, sie hätten die Latte nicht gerissen. Erst wo die Evolutionstheoretiker sich die zum Bibelverständnis und wo die Schöpfungstheologen sich die zum Evolutionsverständnis notwendigen Grundkenntnisse und dazu die Einsicht in die jeweiligen metaphysischen Voraussetzungen angeeignet haben, da wird in etwa die kritische Argumentationshöhe erreicht. Die allerdings ist des Schweißes und des Hirnschmalzes der Tüchtigen wohl wert.

Themen & Autoren

Kirche