Regisseure engagieren sich politisch

Ein besonderes Filmfestival: „ueber Macht“ zeigte Dokumentarfilme zu gesellschaftlich relevanten Fragen

Der Name „Filmfestival“ wird meistens mit großen Stars verbunden, die auf einem roten Teppich Autogramme verteilen und Interviews geben. Dass in Berlin, Cannes oder Venedig die Zusage eines medienwirksamen Schauspielers, bei der Premiere eines Filmes anwesend zu sein, die Entscheidung über die Programmgestaltung des jeweiligen Festivals beeinflusst, ist ein offenes Geheimnis.

Ein Filmfestival ganz anderer Art war im Laufe des Jahres 2009 in 120 deutschen Städten zu Gast, so zuletzt auch im Dezember in Köln: „ueber Macht – Kontrolle, Regeln, Selbstbestimmung“ zeigte 13 Dokumentarfilme mit einem gemeinsamen Nenner: Sie sollen dazu ermutigen, „im Alltag, in der Öffentlichkeit und in der Politik öfter, nachhaltiger und unbequemer die Machtfrage zu stellen“, so die Veranstalter, die „Aktion Mensch“ und ihre Kooperationspartner im Rahmen ihrer Gesellschafter-Initiative. Das Festival „will die Vernetzung zivilgesellschaftlicher Initiativen und das Engagement von Ehrenamtlern fördern“.

Beispielhaft für die Beschäftigung mit dem Thema „Macht“ führte das Festival die Langzeitdokumentation „Citizen Havel“ vor. In seinem zweistündigen Dokumentarfilm zeigt Regisseur Pavel Koutecký Filmmaterial aus zehn Jahren über den Dissidenten, der zum Staatspräsidenten wurde. Der Film beginnt mit Václav Havels Wahl zum Präsidenten der Tschechoslowakei im Dezember 1989. Von Anfang an verdeutlicht Kouteckýs die ungezwungene Selbstironie des Schriftstellers, der als Quereinsteiger zur Politik kam. Gleichwohl wird auch im Film deutlich, wie sich der Dichter immer mehr zum Staatsmann entwickelte, was sich etwa im Konflikt mit seinem neoliberalen Gegenspieler Václav Klaus besonders widerspiegelt. Koutecký zeichnet aber auch ein Porträt des Privatmanns, des „Bürgers“ Havel. So nimmt seine erste Frau Olga, mit der er seit 1964 verheiratet war, und deren Tod 1996 einen breiten Raum ein, ebenfalls seine Hochzeit mit der Schauspielerin Dagmar Veškrnová-Havlová im Jahre 1997.

Ebenso politisch nimmt sich Mohammed Naqvis Dokumentation „Die Schuld, eine Frau zu sein“ (Originaltitel: „Shame“) aus dem Jahre 2006 aus, in der über Mukhtaran Mai berichtet wird. Die junge Frau aus Pakistan wurde als „Wiedergutmachung“ für ein angebliches Vergehen ihres Bruders von den Männern eines Nachbarclans vergewaltigt. Sie kämpfte nicht nur dafür, die Täter vor Gericht zu bringen, sondern auch dafür, in ihrem Heimatdorf die erste Schule für Mädchen und junge Frauen aufzubauen, denn sie ist davon überzeugt, dass Bildung für Frauen der beste Schutz gegen Unterdrückung ist. Regisseur Mohammed Naqvi geht in seinem Film auch der medialen Nachwirkung von Mukhtaran Mais Kampf nach, etwa indem er sie auf einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten begleitet.

Ein künstlerisch besonders anspruchvoller Film mit ebenfalls politischem Inhalt lieferte Lynn Hershman Leeson mit dem 75-minütigen „Strange Culture/Fremdkulturen“ aus dem Jahre 2007. In ihrem Film verknüpft die Regisseurin Fernsehbilder und Interviews mit Spielszenen (mit Tilda Swinton, Thomas Jay Ryan und Peter Coyote), um als „Informationsarbeit von und für Aktivisten“ für die Verteidigung des Performance-Künstlers Daten zu sammeln. Kurtz hatte für eine Arbeit Bakterien übers Internet bestellt. Als seine Frau Hope unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wurde, nahm das FBI Steve Kurtz wegen Bio-Terrorismus-Verdachts fest. „Strange Culture/Fremdkulturen“ prangert darüber hinaus die in den Vereinigten Staaten erlaubten genetisch veränderten Lebensmittel an. Lynn Hershman Leeson wendet insofern ein außergewöhnliches Stilmittel an, als die Schauspieler nicht nur in ihrer Rolle als Steve und Hope Kurtz auftreten, sondern auch im Gespräch mit dem echten Steve Kurtz zu sehen sind.

In weiteren Dokumentarfilmen befasste sich das Filmfestival „ueber Macht“ mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragestellungen, etwa im eindrücklichen deutschen Film „Die dünnen Mädchen“, in dem Regisseurin Maria Teresa Camoglio acht junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren begleitet, die seit langem unter Magersucht leiden und versuchen, diese zu bekämpfen. Camoglios Film zeigt, wie diese jungen Frauen etwa durch den Tanz eine Beziehung zu ihrem Körper neu entwickeln. Ebenso eindrucksvoll zeichnet die bekannte französische Schauspielerin Sandrine Bonnaire das Porträt ihrer autistischen Schwester Sabine im 85-minütigen Dokumentarfilm „Ihr Name ist Sabine“ (2007). In ihrem Regiedebüt stellt Sandrine Bonnaire insbesondere die psychiatrische Behandlung ihrer Schwester bloß, die fünf Jahre lang massiv mit Psychopharmaka behandelt wurde. Bonnaire: „Mein Film ist ja nicht nur ein Film, sondern hat auch ein politisches Anliegen. Die Frage ist: Was passiert mit diesen Menschen, wenn man sie zu Hause nicht mehr betreuen kann oder möchte? Müssen sie dann ihr Leben lang in der Psychiatrie bleiben?“

Diese und die anderen Filme, die im „ueber Macht“-Filmfestival verdeutlichen, dass gesellschaftspolitisch relevante Dokumentarfilme genauso fesseln können wie Spielfilme – und dass das Kino mitnichten nur ein Ort für Unterhaltung ist.

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