Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel

Das neue Buch von Günter Grass „Grimms Wörter“ grenzt hart an der Hybris Von Sebastian Flohe

Günter Grass hat mal wieder ein Buch geschrieben. Natürlich nicht irgendeines, sondern ein wichtiges, autobiografisches Buch. Wie schon zuvor mit „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und „Die Box“ (2008). Das neue Buch, das nach Grass' Worten diese autobiografische Trilogie abschließt und vermutlich sein letztes Werk ist, wie er dunkel ankündigt, trägt den Titel „Grimms Wörter“. Es geht also, so könnte man kurz denken, doch nicht so ganz und ausschließlich um Grass selbst. Es geht auch um Jacob und Wilhelm Grimm, die vor allem durch „Grimms Märchen“ in nationaler Erinnerung geblieben sind. Doch es gab auch ein anderes Projekt der beiden, das scheiterte: Die philologische Arbeit am Deutschen Wörterbuch, die erst 1960, also lange nach ihrem Tod, beendet wurde. Die Brüder selbst kamen nur bis zu den Buchstaben D („Durst“) und F („Frucht“).

Grass erzählt in seinem neuen Buch etwas von den Lebensereignissen der beiden und setzt diese dann auf wenig bescheidene, ausufernde und oft ungewollt komische Weise mit seinem eigenen Leben in Beziehung. Etwa wenn er erwähnt, dass Jacob Grimm 1848 Mitglied der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wurde, er selbst, also Grass, im Jahre 1997 dort aber eine flammende Laudatio auf die Friedenspreisträgerin Yasar Kemal hielt und darin die deutschen Waffenlieferungen an die Türkei geißelte.

Oder wenn Grass erwähnt, dass die Brüder Grimm 1837 in der Gruppe der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der Verfassung durch den Fürsten protestierten und deshalb ihre Professorenämter verloren, was Grass zum Anlass nimmt, sich seines Schwures zu Kriegsende hin zu erinnern, nie wieder einen Eid leisten zu wollen, wie er es zuvor als Mitglied der Waffen-SS getan hatte. Ein historisch-juristischer Vergleich, der vorsichtig formuliert etwas hinkt, etwas ungerade ist und dabei doch nur beschönigend wirkt. Für Grass und seine Wörter.

Alles andere als beschönigend ist allerdings das Bild, welches Grass von Konrad Adenauer zeichnet, dem „allerchristlichsten Kanzler“, wie er mit Häme bemerkt. „Sein Christentum katholischer Machart gab ihm ein, uneheliche Herkunft als Makel anzuprangern. Konrad Adenauer war jedes Mittel recht, weshalb er noch immer als Staatsmann gilt. Doch mit dem Umweg über die christliche Heuchelei bis hin zum Missbrauch des Stichwortes Christus, Christ, mittelhochdeutsch Krist geschrieben, bin ich beim Buchstaben C angelangt.“ Ein Buchstabe, der bei Grass weitere anti-katholische Erinnerungsassoziationen weckt, die par excellence den aktuellen Zeitgeist bedienen. „Meine jungen Jahre jedoch wurden von einem Katechismus bestimmt, der wie alles Katholische dem K anhing. Dessen Lehrsätze sowie das Sündenregister des Beichtspiegels paukte mir ein Vicar ein, dem es schweißtreibende Mühe bereitete, cölibatär zu leben, weshalb er uns Kinder, Knaben wie Mädchen, die ihm allesamt lieb waren, gerne befingerte.“

Nur gut, dass schon zu Wahlkampfzeiten Willy Brandts ein wackerer Mann wie Günter Grass gegen derartige katholische Heuchelei und Neurosen antrat. Diesen Eindruck gewinnt man der Einteilung und Arbeit der Brüder Grimm folgend im Kapitel „F“, in welchem sich Grass eines Wahlkampfauftrittes in der „erzkatholischen Bischofsstadt“ Würzburg erinnert. „Nur Satz nach Satz kam meine Wahlkampfrede gegen das Gebrüll an.“ Erst bei der Erwähnung des Namens Tilman Riemenschneider, einem Bildhauer des 16. Jahrhunderts, der „für die aufständischen Bauern Partei ergriffen hatte und deshalb von den Knechten der Pfaffen gefoltert wurde, konnte der Saal beschwichtigt werden“.

Eine rhetorische Glanzleistung also, und es sind viele derartige Heldentaten, von denen Grass in seinem Buch vor der Folie der armen Brüder Grimm berichtet. Unentwegt, immer recht habend, was allerdings hin und wieder auch zu larmoyanten Seufzern führt: „Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock, der belastet mit der Menschenkinder schuldhaftem Tun in die Wüste geschickt wurde, wo nicht gut predigen ist.“ Was der Frage, auf welcher Seite des Wahlkampfauftrittes die größeren katholischen Neurosen lagen, eine ganz neue Dimension gibt. Sieht sich Grass wirklich als Sündenbock, als Christusfigur nach all' der öffentlichen Aufregung um sein so spät, zu spät gelüftetes SS-Geheimnis? Das würde dem aktuellen Buch neben den Insignien der Eitelkeit und Selbstbezogenheit allerdings eine Krone der Hybris und Blasphemie aufsetzen und die Diagnose einer vollkommenen Realitätsverzerrung rechtfertigen.

Tatsächlich hört das Buch nach den Kapiteln A bis F auch nicht auf. Es geht weiter mit K, U und Z, was wahllos wirkt und einen künstlerisch-planenden Ordnungs- und Formsinn vermissen lässt. Was nach der insgesamt vollkommen enttäuschenden Lektüre bleibt, ist die Frage, ob „Grimms Wörter“ wirklich das letzte Werk von Günter Grass ist oder ob mit weiteren Grass Wörtern zu rechnen ist. Dass das Buch mit Z schließt, gibt Hoffnung.

Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung, Steidl Verlag, Göttingen 2010, 368 Seiten, EUR 29,80

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