Rechtfertigung gibt es nur bei Gott

Heute feiert der Schriftsteller und Essayist Martin Walser seinen 85. Geburtstag. Von Ilka Scheidgen
Foto: Scheidgen | Martin Walser vor seinem Haus.
Foto: Scheidgen | Martin Walser vor seinem Haus.

Martin Walsers jüngstes Werk „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“, das gerade rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag erschienen ist, hat es in sich. Rechtfertigung ist eigentlich Walsers Lebensthema, und mehrfach war er diesem Zwang, sich rechtfertigen zu müssen, ausgesetzt. Auch das kann man nachlesen in diesem Essay. Doch dies ist nur eine Fußnote. Die Versuchung, sich zu rechtfertigen oder gar nicht mehr der Rechtfertigung zu bedürfen, in dieser Dialektik bewegt sich der Walsersche Denkkosmos.

„Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze. Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne?“, so beginnt sein fulminanter Essay, aus dem er übrigens in wesentlichen Teilen bereits eine Rede zum 9. November 2011 an der Harvard Universität hielt. In brillanten Denkabfolgen illuminiert Walser in seiner Funktion als Sprachmensch die uralte Geschichte des menschlichen Angewiesenseins auf Rechtfertigung. Ausgehend von seinen frühen Arbeiten über Franz Kafka, der in seinem Roman „Der Prozess“ diesen schmerzhaften, letzten Endes vergeblichen Versuch einer Rechtfertigung vor sich selbst und der Welt unternimmt, geht er weit zurück in die 2000-jährige Geistesgeschichte: zu Paulus, Augustinus, Luther, Nietzsche, Karl Barth. Sie alle zeigen für Martin Walser, was für ihn selbst zur Gewissheit geworden ist, ja eigentlich schon immer war: „Fehlt deinem Leben die Rechtfertigung, die nur Gott selbst ihm geben kann, dann fehlt ihm jede Rechtfertigung.“ (Karl Barth). Hellwach und mit erfrischender Polemik konstatiert Walser in seinem Essay die heutige Schläfrigkeit in Bezug auf eine Rechtfertigung durch Gott.

Walser beschäftigt sich nicht erst seit heute mit dem Gottesthema. Auch sein letzter großer Roman „Muttersohn“ handelte davon. Von einigen wurde der Roman deshalb auch mit Stirnrunzeln rezipiert. Diesen Glaubensbezug haben Kritiker mit seinem Alter in Verbindung gebracht. Aber das Thema Gott hat Martin Walser schon von seinen Anfängen an nicht losgelassen.

„Wenn es Gott nicht gäbe, könnte man doch nicht sagen, dass es ihn nicht gebe.“ Das ist so ein Walser-Satz. Religion ist für ihn vor allem ein Sprachproblem. „Religion ist Sprache“, so hat es Kierkegaard formuliert. Dieser Erkenntnis zu begegnen war für Walser wie eine Offenbarung. Aber da hatte er schon das Sprachvertrauen, das sich gebildet hatte im Umgang mit den Texten der Religion. „Die Gewissheit des Glaubens ist ja kenntlich an der Ungewissheit“, heißt es bei Kierkegaard. Und Walser hat diesen großen Denker in vielerlei Hinsicht zu seinem „Hausheiligen“ erkoren, auch was die „Gegensätzlichkeitsform“ angeht. „Wenn man von etwas nicht auch das Gegenteil sagt, sagt man nur die Hälfte. Ohne sein Gegenteil ist nichts wahr“, schreibt Walser im Roman „Verteidigung der Kindheit“.

Schreiben ist für ihn eine Notwendigkeit, auf Zumutungen, Schmerz und Mangel zu reagieren. Er hat große Erwartungen an sich selber und weiß immer auch schon, dass sich diese Erwartungen nicht erfüllen. Andererseits ist es die einzige Art zu leben. Und gleichzeitig das Gefühl, wieder nicht zum Ausdruck gebracht zu haben, wie es jeweils war. Nicht genau genug. In jedem Roman steckt immer auch der Roman, wie er nicht geworden ist.

„Wir fragen und fragen. Aber ,Warum‘?, das ist die ganz falsche Art zu fragen“, sagt Walser in unserem Gespräch. Eine Absicht produziere überhaupt keine Sprache. Sprache komme allein von dem, was weh tut, was einem fehlt, vom Mangel. Beim Schreiben, auch beim Musizieren, da begegne man sich selbst. Da gebe es keine Distanz. Man selbst stehe dabei auf dem Spiel. „Wenn man wagt, sich dem unwillkürlich Erfahrenen zu überlassen, dann besteht die Chance, dass man etwas über sich erfährt und ausdrücken kann, was man auf keine andere Art über sich erfahren und ausdrücken kann“, sagte er einmal in einem Gespräch der Autorin dieses Beitrags.

Die Messlatte ist hoch eingestellt: „Übertrieben alles, was sich nicht auf den Tod bezieht.“ Und: „Der Lobredner alles Seienden zu sein, das war und ist immer noch seine Sehnsucht.“

„Dem, was kommt, nur die Hand leihen.“ Lebensauslotung durch Sprache. Und das hat Martin Walser während seines Schaffens wahrhaftig reichlich getan. Geboren wurde der Romanautor, Dramatiker und Essayist am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee als Sohn eines Gastwirts. Als 16-Jähriger wurde er als Flakhelfer eingezogen und kam bei Kriegsende in Gefangenschaft. 1946 konnte er das Abitur ablegen. Walser studierte in Tübingen und Regensburg Germanistik, Geschichte und Philosophie und promovierte 1951 über Franz Kafka. Schon während seines Studiums arbeitete Walser beim Süddeutschen Rundfunk, für den er bis 1957 tätig war. In dieser Zeit begann er aber auch schon zu schreiben und wurde ab 1953 zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen. 1950 heiratete Walser die Pianistin Katharina Neuner-Jehle, mit der er gemeinsam vier Töchter hat. Das Ehepaar lebt in Nußdorf am Bodensee.

Martin Walser hat eine Fülle von Romanen geschrieben, die fast sämtlich das Scheitern sogenannter kleiner Leute am Leben behandeln. Ironisch-sarkastisch, aber nicht ohne Mitgefühl, beschreibt Walser deren Glücksverlangen, den Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg und die Überforderungen durch eine rücksichtslose Leistungsgesellschaft.

Martin Walsers Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1957 mit dem Hermann-Hesse-Preis, 1981 mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis und 1998 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Mit seiner Dankesrede zu diesem Preis, in der er von einer „Instrumentalisierung des Holocaust“ sprach, löste er die sogenannte Walser-Bubis-Debatte aus, in der Ignatz Bubis Walser vorwarf, Auschwitz zu verharmlosen. Walser hat sich auch schon vor dieser Kontroverse wiederholt gegen den Terror von Meinungen gewehrt. Martin Walser hat einmal gesagt, dass er anschreibe gegen etwas Unerträgliches, „gegen die nicht nachlassenden Zumutungen“. In der Leidensfähigkeit sieht er eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Schreiben.

„Das kann etwas gesellschaftlich Bedingtes sein, was zum Menschen, was zum Dasein gehört. Man kann das natürlich anders empfinden. Aber die Kürze des Lebens ist eigentlich eine Zumutung. Es gibt Geistestätigkeiten, die uns die Grundbedingungen des menschlichen Daseins erträglicher machen sollen, aber...“ Lebhaft fährt er im Gespräch mit der Autorin fort: „Natürlich, das ist ganz klar. Ich kann in einen Wald hineinschauen, und da ist der reinste Jubel – in diesem Augenblick. Und der Jubel wird durch seine vollkommene Endlichkeit im Augenblick natürlich nicht kleiner, aber er wird vollkommen aufgehoben. Das ist auch absurd, dass etwas so schön ist, was im nächsten Augenblick nicht mehr da ist. Und dieses Nadelspitzengefühl in jedem Augenblick, ja, das ist für mich die Existenz. Wir alle haben an sich kein anderes Thema als die Zeit. Das ist gleichzeitig unsere größte Ausstattung und unsere größte Armut, dass wir diese Zeit haben als bewusst gewordene Erfahrung.“

Die Kindheit, die zu verteidigen sich Martin Walser zum Beispiel in seinem Roman „Die Verteidigung der Kindheit“ aufgemacht hat, ist für ihn weniger eine fest umrissene Zeit oder ein festgelegter Ort, der vielleicht mit Heimat umschrieben werden könnte, als vielmehr ein Zustand. Da war einmal ein in sich geschlossenes Ganzes. Irgendwann, in der Vergangenheit. Das gilt es zu verteidigen, nicht ganz vergehen zu lassen, hinüberzuretten gegen „unsere Endlichkeit und Todesangst und Ausgeliefertheit“. – „Nicht, dass die Welt nicht schön wäre“, heißt es in Walsers Roman „Ohne einander“, „sie ist nur unerträglich. Man müsste sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen.“

Da gibt es die Sprache, die Antwort auf das Unerträgliche. Die Sprache, die Walser „unseren unkommandierbaren Reichtum“ nennt. Die Möglichkeit, mit Sprache zu reagieren. „Alles befriedigender verlaufen zu lassen, dazu schrieb er die Wirklichkeit um. Er ertrug Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte“, schreibt er über die Romanfigur Silvio in „Ohne einander“, die ihrem Schöpfer wohl nicht ganz unähnlich ist in diesen Gedanken. Literatur und Religion haben da durchaus eine vergleichbare Funktion und Herkunft.

„Wer sagt, es gebe Gott nicht, der hat keine Ahnung“

Walser: „Es sage niemand, die für den literarischen Ausdruck ursächliche Erfahrung sei eine andere als die für den religiösen.“ Beide sind Reaktionen, Antworten auf unsere Lebenssituation, auf die Gesamtnot unserer Existenz. „Und der Schmerz, nicht ewig sein zu können, diese schlimmste Wirkung der Zeit, ist der Anlass, gegen den wir sprechen, klagen.“

„Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es“, heißt es in „Rechtfertigung“. In einem fiktiven Seminar gibt er Studenten die Aufgabe, Friedrich Nietzsche und Karl Barth, diese beiden Pfarrersöhne, in ihren Hauptwerken „Zarathustra“ und „Der Römerbrief“ miteinander zu vergleichen. Dazu liefert er eine Fülle von Zitaten und meint: „Beide erinnern an eine Zeit, in der es den Unterschied zwischen Dichtung und Religion nicht gab.“ Und als Leser wird man gleich mit hineingerissen in diese existenzielle Angewiesenheit auf Gott, wenn Walser Nietzsche zitiert: „Oh, komm zurück,/ Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes –/ Glück!“ und Barth „Wir wissen, dass wir, wenn wir von der Herrlichkeit Gottes reden, eine Zukunft meinen, die nie und nimmer Zeit sein wird.“ Walser selbst ist zutiefst mitgerissen von der „Genauigkeitsfähigkeit der Sprache“ bei diesen beiden und – gleichviel ob bei Theologen oder Dichtern –, wenn es darum geht, „Das Ja zum Nein der Welt“ auszudrücken.

Walser, der seine Verletzlichkeit oft hinter der ironischen Sicht seiner Figuren verborgen hat, schmuggelt manchmal scheinbar völlig ohne Grund eine Äußerung wie diese ein: „Das ist das Wunder. Eine Welt, die aus unendlich vielen Vorgängen besteht, und nicht ein einziger davon ist sinnlos. Die Welt birst vor Sinn.“

Sprache ist schon, was mit ihr gesagt werden kann. Nichts muss bewertet, nichts bewiesen werden. „Dass wir miteinander reden, ist doch fabelhaft, und mehr kann es gar nicht geben“, meint Walser in unserem Gespräch. In „Rechtfertigung“, diesem persönlich-intellektuellen Glaubensbrevier des großen Sprachmagiers Martin Walser zieht er zum Ende Bilanz: „Zuerst hast du gedacht, durch dich würde ein neuer Ton entstehen, eine Sprache, in der, was bis jetzt nicht gesagt werden konnte, endlich ausgesprochen werde. Du hast dich nicht getraut. Es ist durch dich nichts möglich geworden.“ – „Wohin sich wenden, wenn man weg muss von sich?“

Die Antwort gibt Martin Walser mit „Über Rechtfertigung“, aber auch mit vielen seiner anderen Werke.

Martin Walser: Über Rechtfertigung, eine Versuchung. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012, 112 Seiten, EUR 14,95

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