Quo Vadis, Fortschritt?

Von der Höhlenmalerei zur Erfindung des Rads, von der „Relativitätstheorie“ zu Google – die Menschen haben sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, neue Einsichten und Techniken geschenkt bekommen. Dass deshalb Gott und der Glaube obsolet geworden seien, wünschen sich nur Leute mit einer bestimmten Agenda. Von Ingo Langner

Sind Tattoos ein Fortschritt? Oder nur die Atombombe, der Diesel-Katalysator und das neueste Smartphone-Update? Heißt diese Fragen stellen, sie auch schon beantworten? Ideologiebeladen ist „der Fortschritt“ für seine Widersacher auf jeden Fall. Für seine Partei- gänger auch. Doch das geben sie nur auf der Streckbank zu. Schon sehr lange möchte ihn niemand von denen mehr missen, die mit der rechten Hand abräumen, um mit der Linken immer wieder Neues aufs Spielfeld schieben zu können. Die „Ehe für alle“ zum Beispiel. Das Ideal der Fortschrittler ist die tabula rasa.

Ja. Das ist ein harter Einstieg. Der tut dem Fortschrittler weh. So wird er das nicht auf sich sitzen lassen wollen. Gehört doch zu seinem inzwischen „Agenda“ genannten Weltbild die feste Überzeugung, dass der gnadenlos exekutierte Positivismus alle uralten naturrechtlich grundierten Bindungen abräumen soll. Dabei gehört das Spiel mit ungedeckten Schecks und verdeckten Karten zu diesem Endspiel dazu. Camouflage ist Trumpf.

Eben darum wird das Töten ungeborener Kinder „Abtreibung“ genannt und die Alters-Euthanasie kommt als scheinbar harmlose „Sterbehilfe“ daher. Für diese beiden Todsünden wären auch andere Ausdrücke denkbar. Um die Umwertung aller Werte geht es. Erst dann kann sich der Neue Mensch so frei entfalten, wie dessen Vordenker es gewollt haben.

Jean-Jacques Rousseau war einer von denen. Der 1712 in Genf geborene „Aufklärer“ überraschte die Welt mit der These, die Erbsünde sei ein Mythos der römisch-katholischen Kirche. „Die Menschen sind böse“, schrieb er in seiner ,Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen‘; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben.“

Nun, an Rousseaus Nachweis, dass es an der Vergesellschaftung des Menschen liege, die ihn von seinem wahren Wesen, nämlich seinem ursprünglichen Gutsein, entfremdet, haben sich von Marx bis Mao alle Revolutionäre gehängt. Wie die Geschichte gezeigt hat, sind damit alle gescheitert.

Zum Scheitern verurteilt wird auch zukünftig jeder Versuch sein, die Ungleichheit unter den Menschen zu überwinden. Ungleichheit ist, wie der Tod, die Mühsal der Arbeit und die Wehen der Frau, von Gott selbst verhängt. Als Strafe für den Sündenfall von Adam und Eva, dem ersten Menschenpaar.

Doch wie Athene aus dem Haupte des Zeus, steigt aus den längst vermoderten Häuptern der „Aufklärer“, und gänzlich unberührt vom blutigen Scheitern nach den Revolutionen von 1789 bis 1918 und folgende, mit jeder neuen Generation der Aberwitz vom geistigen menschlichen Fortschritt empor. Ganz gleich, ob sie mit Rousseau, Diderot, Hume, Kant oder Hegel zu den Ahnen gehören, oder Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse heißen, die für die Revolten von 1968 den intellektuellen Zündstoff geliefert haben.

Zur primären Grundannahme des säkularen Fortschrittsdenkens gehört das Märchen von der geistigen Minderwertigkeit der ersten Menschen. Zwar ist dieser fatale Irrtum durch die Felsbilder in den Höhlen Frankreichs, Spaniens und Südafrikas ins Wanken geraten. Wie sollte es auch möglich sein, dass geistig Minderbemittelte jene perspektivisch exakten und zugleich anmutig schönen Bilder von allerlei urzeitlichen Tieren zustandebringen, die unser Auge auch mehr als 30 000 Jahre nach ihrer Entstehung noch entzücken?

Vielleicht nur, weil diese Menschen noch nicht das Rad kannten, fühlten sich ihnen gewisse Philosophen des 18. Jahrhunderts meilenweit überlegen. Seltsamerweise kommt von denen, die heute für die französischen Aufklärer schwärmen, niemand auf die Idee, deren Zeitgenossen bloß deshalb für dösige Klippschüler zu halten, weil sie Dampfmaschine, Eisenbahn, Automobil und Flugzeug noch nicht erfunden hatten. Es käme doch auch niemand auf die Idee, einem Albert Einstein das Genie abzusprechen, nur weil er gleich nach seiner Relativitätstheorie nicht auch noch die mathematischen Grundlagen für Google, Facebook und Twitter geliefert hat.

Bekanntlich ist in den „Gesammelten Werken“ von Karl Marx und Friedrich Engels der „Kommunismus“ ziemlich genau das, was in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht das Sesam-Öffne-Dich für Ali Baba und seine vierzig Räuber war. So wie sich dort mit dem Zauberwort das Felsentor zur fest verrammelten Schatzkammer öffnen ließ, so träumte sich das deutsche Theoretikerpaar mit dem „Kommunismus“ in eine schöne neue Welt hinein. Der nämlich, schreiben sie in „Die deutsche Ideologie“, „ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

Wer nach so einer kuriosen Beweisführung noch zu widersprechen wagte, wurde von Karl und Friedrich in ihren „Zwei Reden in Elberfeld“ darüber belehrt, wo Bartel den Most holt: „Sind diese Folgerungen richtig, meine Herren, ist die soziale Revolution und der praktische Kommunismus das notwendige Resultat unserer bestehenden Verhältnisse, so werden wir uns vor allen Dingen mit den Maßregeln zu beschäftigen haben, wodurch wir einer gewaltsamen und blutigen Umwälzung der sozialen vorbeugen können. Und da gibt es nur ein Mittel, nämlich die friedliche Einführung oder wenigstens Vorbereitung des Kommunismus.“

Das klingt ziemlich genau wie „Geld oder Leben!“ Doch Marx lockt die Erpressten mit der Verheißung, die „klassenlose Gesellschaft“ werde den „totalen Menschen“ schaffen, in der deswegen nicht mehr gearbeitet werden muss, weil alle einer „freien Tätigkeit“ nachgehen und jedermann „heute dies, morgen jenes tun“ könne. Denn der Kommunismus werde es jedem Einzelnen ermöglichen, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie (er) gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Wenn all das nicht so albern wäre, könnte man darüber lachen. Doch das Lachen ist bald all den Millionen Menschen vergangen, die in den roten Diktaturen des Proletariats leben mussten, wo ihnen der oben zitierte Schmarrn als „wissenschaftlicher Sozialismus“, also als „unwiderlegbare Wahrheit“ vom Aufwachen bis zum Einschlafen um die Ohren gehauen wurde.

Um sich ihre gottlose Variante einer Geschichtsteleologie zu basteln, brauchten die Kommunisten allerdings bloß den letzten Absatz im Evangelium nach Matthäus für ihre Zwecke umzumodeln. Dort heißt es: „Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat (der auferstandene) Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Genau das taten die Jünger und ihre Nachfolger. Sie missionierten zunächst im Heiligen Land, dann im Nahen Osten und in Europa und schließlich weltweit solange mit wachsendem Erfolg, bis mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Hypothesen Gottes Schöpfung zur Evolution umgedeutet wurde und der Mensch nicht mehr Ebenbild Gottes sein durfte, sondern ein haarloser Affe. Soviel „Fortschritt“ musste schon sein. Wer alle überlieferten Bindungen für reaktionär hält und ihre Auflösung dem „Fortschritt“ opfert, will selber wie Gott sein. Handelt mithin so, wie die Schlange im Paradies es gewollt hat.

Was daraus erwuchs, war die allmähliche Verfertigung der Gleichsetzung von technischem und geistigem Fortschritt. Bis zu dem Punkt, an dem auch nach dem Ende des real existierenden Sozialismus nach dem Musterbuch der Sowjetunion, die Fortschritts-Corona aus Freidenkern, Freimaurern und vom Sponsoring eines Milliardärs finanzierten Nichtregierungsorganisationen mit ihrer Diktatur des Relativismus all das für „fortschrittlich“ erklärte, was nicht seins-gemäß und anti-naturrechtlich ist. Man möge sich keinen Illusionen hingeben: Die Agitatoren des „Fortschritts“ werden in ihrem Kampf gegen das sittliche Sollen, das in der Natur des Menschen begründet ist, nicht eher ruhen, bis die Erinnerung an die Zehn Gebote des Dekalogs auch noch im letzten Erdenwinkel vollständig verblasst ist.

Dieses Nein zum Schöpfergott führt über die Verdunstung des christlichen Glaubens und die Verdunkelung des Verstandes zur Hinneigung zum Bösen. Wer sich dem nicht widersetzt, wer sich nicht täglich um die Gnade Gottes bemüht und durch das Gebet und die heiligen Sakramente der römisch-katholischen Kirche in der Gemeinschaft mit Gott zu leben, muss damit rechnen, beim Jüngsten Gericht am Ende der Zeiten dorthin verbannt zu werden, wo alle landen, die auch noch in ihrer Sterbestunde meinen, auf die Liebe Gottes verzichten zu können. Hölle heißt dieser Ort. Dort regiert Satan, den Jesus, nach Lukas, Kapitel 10, Vers 16 bis 20, „wie einen Blitz (hat) vom Himmel fallen“ sehen.

Zu lernen wären aus all dem vor allem wohl dies: Wer gegen Gott der Agenda Luzifers folgt, wird am Tag des Jüngsten Gerichts zur Kasse gebeten werden. Oder um es mit Matthäus zu sagen: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten sammeln, die Böcke zu seiner Linken. (...) Und die Ungerechten werden die ewige Strafe erhalten, die Gerechten das ewige Leben.“

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier