Primat des Bischofs von Rom ja – aber wie?

Eine Analyse des orthodox-katholischen Dokuments von Ravenna

Der Ort war symbolträchtig: die norditalienische Stadt Ravenna, die in der Geschichte zeitweise ein Vorposten von Byzanz, also des oströmischen Reiches gewesen ist. Und damit eine Schnittstelle zwischen der östlichen und der westlichen Kirche. Dort tagte im Oktober 2007 die offizielle Dialogkommisson der römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen. Das Beratungsergebnis liegt jetzt vor in einem Dokument: „Ekklesiologische und kanonische Konsequenzen der sakramentalen Natur der Kirche. Kirchliche Communio, Konziliarität und Autorität“.

Wie der Begriff „Konsequenzen“ im weitausholenden Titel andeutet, konnte sich die Kommission bei dieser Tagung auf Vorarbeiten stützen. Rhodos 1980, München 1982, Bari 1987, Valamo 1988, Balamand 1993 und Baltimore 2000 – das sind die Stationen dieses orthodox-katholischen Dialogs gewesen, eines Weges, der nicht ohne Irritationen geblieben ist. Vor allem war es das spannungsvolle Verhältnis zwischen den Orthodoxen und den mit Rom unierten Kirchen, das den Prozess im Jahr 2000 in Baltimore ins Stocken gebracht hat. Aber das ändert nichts daran, dass in den bisherigen Beratungen und Dokumenten eine breite Übereinstimmung darüber sichtbar geworden ist, was Kirche nach beiderseitigem Verständnis ist: eine sakramentale Wirklichkeit. Diese Übereinstimmung sollte die Basis für die Beratungen in Ravenna sein – und eine Möglichkeit, den theologischen Dialog wieder aufzunehmen.

Als Ausgangspunkt für die Suche nach den rechten Konsequenzen weist das vorliegende Dokument darauf hin, dass „die Eucharistie im Licht des trinitarischen Geheimnisses das Kriterium des kirchlichen Lebens ist“ (im Dokument Nr. 3). Das will sagen: Die Kirche ist nicht nur eine menschliche Organisation, sondern ihr ist durch Wort und Sakrament göttliches Leben anvertraut – mit anderen Worten: Sie ist eine sakramentale Wirklichkeit. Deshalb kann es die Kirche nur geben, wenn sie am göttlichen Leben Anteil erhält. Das geschieht in der Feier der Eucharistie. Und weil das göttliche Leben das Leben des drei-einen Gottes ist, deshalb ist auch die Kirche trinitarisch geprägt: Sie ist die eine Kirche in der Vielheit der Ortskirchen – sie ist communio beziehungsweise koinonia (wie der biblische Begriff heißt).

Wenn diese Wesensbestimmung der Kirche stimmt, dann stellt sich zwingend die Frage nach den institutionellen und praktischen Konsequenzen. Mit den Worten des Dokumentes: „Wie bringen institutionelle Elemente der Kirche das Geheimnis der koinonia sichtbar zum Ausdruck und dienen ihm? Wie drücken die kanonischen Strukturen der Kirche ihr sakramentales Leben aus?“ (17)

Um diese Frage zu beantworten, lenkt das Dokument die Aufmerksamkeit zuerst auf zwei durchaus diffizile Begriffe: „Konziliarität“ und „Autorität“. Autorität bezeichnet die Rolle des kirchlichen Amtes in der Nachfolge der Apostel, und das nicht nur grundsätzlich und allgemein, sondern in Gestalt des je konkreten kirchlichen Amtsträgers. Der Begriff der Konziliarität auf der anderen Seite weist nicht nur auf die Bedeutung der Synoden beziehungsweise Konzilien hin, sondern auf die Verfassung der Kirche als communio, die in synodalen Strukturen ihren Ausdruck findet. Beide Merkmale, Autorität und Konziliarität, sind nach gemeinsamer Überzeugung unverzichtbar. Denn die Kirche kann nur sein, wozu sie berufen ist, wenn sie in der apostolischen Sukzession steht und so den rechten Glauben bekennt und die Sakramente feiert (vgl. 16). Das aber kann nur sichergestellt werden, wenn im kirchlichen Leben Konziliarität und Autorität zur Geltung kommen. Oder wie es im Dokument von Ravenna heißt: Es geht um „Autorität in der kirchlichen Communio“ (16). Die Vermutung liegt allerdings nahe: So prägnant das formuliert ist, so unterschiedlich kann man das auslegen und praktizieren. Hier wird die ökumenische Aufgabe konkret.

Das hier angesprochene Verhältnis von Konziliarität und (bischöflicher) Autorität ist, wie die Erfahrung der Kirchengeschichte belegt, spannungsvoll. Denn wie kann man im kirchlichen Leben beides zugleich ernst nehmen: die Autorität des einzelnen Amtsträgers und die Breite der Kirche, ihrer Berufungen und ihres Lebens? Die Geschichte zeigt, dass diese Spannung in der Praxis nach zwei gegensätzlichen Richtungen aufgelöst werden kann – und wird: Entweder dominiert das Amt so sehr, dass die Vielfalt der communio nicht mehr zur Geltung kommt; oder die Betonung der communio verhindert, dass der Amtsträger mehr ist als ein Sprecher ohne eigene Autorität.

Aber zurück zum Dokument von Ravenna: Es führt aus, dass das Verhältnis von Konziliarität und Autorität auf drei Ebenen Wirklichkeit wird (vgl. 17 ff.): in der Ortskirche, in regionaler Nachbarschaft und auf Weltebene. In der vertrauteren Terminologie der römisch-katholischen Kirche: in der Diözese, in Kirchenprovinzen und auf weltkirchlicher Ebene.

In der Ortskirche geht es um das Zusammenspiel der Gemeinden mit dem Bischof, auf der Ebene der Kirchenprovinzen um das Miteinander von Ortskirchen mit ihren Bischöfen und der Autorität, beispielsweise des Metropoliten, auf weltkirchlicher Ebene um das Zusammenspiel der Kirchenprovinzen mit dem Bischof von Rom.

Tatsächlich – das wurde zum ersten Mal in einem Dialogdokument in aller Deutlichkeit ausgesprochen: Beide Seiten stimmen darin überein, dass in der Ordnung der ungeteilten Kirche (also im ersten Jahrtausend) Rom „die erste Stelle in der Taxis (kirchenrechtlichen Ordnung) einnahm und dass der Bischof von Rom deshalb der protos (erste) unter den Patriarchen war“ (41). Daher kann als Stand der Dinge heute formuliert werden: „Primat auf allen Ebenen ist eine Praxis, die fest in der kanonischen Tradition der Kirche gründet.“ (43) Aber es gibt „Unterschiede des Verständnisses in Bezug auf die Weise, in der er ausgeübt werden soll und auch in Bezug auf seine biblische und theologische Begründung“. (43)

Klarer kann das Ergebnis des Treffens in Ravenna kaum zusammengefasst werden. Dazu noch einige Bemerkungen. Es ist bedeutsam, dass das Gemeinsame festgeschrieben wurde. So ist und bleibt es zitierbar, ein Gegengewicht gegen die Nachwirkungen einer Konfliktgeschichte, die immer noch schmerzt und manchmal in vereinfachenden Schlagworten ihren Ausdruck findet.

Auf dieser Grundlage kann der weitere Weg des orthodox-katholischen Dialogs gegangen werden. Er wird nicht einfach sein. Jetzt wird ernst, was bereits Papst Johannes- Paul II. in seiner Ökumene-Enzyklika Ut unum sint (1995) eingemahnt hat: nach Wegen suchen, wie das Papstamt von einem Hindernis für die Einheit zu einem Dienst an ihr werden kann (vgl. dort 88–96). Dabei ist und bleibt bedenkenswert, was Papst Benedikt XVI. 1976 als Professor bei einem Vortrag in Graz ausgesprochen hat: Rom müsse „vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern, als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde“.

Jeder Schritt in der Ökumene hat seine Rückwirkungen in das Leben und Denken der einzelnen Kirchen. Das gilt im Übrigen auch für die Kirchen, die an einem konkreten Dialog nicht teilnehmen. Hier sollen freilich nur einige Eindrücke formuliert werden, was Ravenna für die römisch-katholische Kirche bedeutet. Dem Leser fällt auf, wie ausgewogen das Dokument die communio der Kirche mit der Autorität des Amtes verknüpft. Das entspricht dem, was (zumal ökumenisch versierte) Theologen und Theologinnen wissen und lehren. Die Frage, wie das auf allen Ebenen gelebt werden kann, ist damit nicht erledigt, sondern erst recht gestellt. Immer noch und immer wieder drohen beide oben genannten Einseitigkeiten – Auflösung der Autorität oder Missachtung der communio. Ebenso ergibt sich aus dem Dokument die damit zusammenhängende Frage, was in einem katholischen Verständnis der in der Orthodoxie wichtige Begriff der „Rezeption“ bedeuten kann, der im Dokument ebenfalls genannt wird (vgl. 37). Und schließlich und alles in allem: Wie kann die spirituell-theologische Sicht der Kirche, die das Dokument vertritt, gegen Tendenzen der Banalisierung im alltäglichen Leben der Kirche verankert werden?

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