Désinvolture

Powell bewegt sich auf Augenhöhe des Personals

Die Macht des Lesens in Pandemie-Zeiten (III): Désinvolture-Lehrmeister Anthony Powell
Foto: Wiki | Der Tanz des menschlichen Lebens: Danse a la musique du temps - die Zeit - hier als alternder "Engel" dargestellt - spielt auf einer Lyra zum Tanz der menschlichen Altersstufen.

Abstand, gelassene Distanz, entspannte Ataraxia, Glück – diese Haltungen können sich durch Lektüre einstellen, wie ich in den düsteren Corona-Monaten mit den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon feststellen konnte. Désinvolture – ein alter Begriff, der diese Haltungen gut auf den Punkt bringt – ist dabei nicht mit stoischer Gleichgültigkeit zu verwechseln.

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Auch Désinvolture ist Gefasstheit, Disziplin, Habitus, doch verbunden mit mehr als einem Schuss Ritterlichkeit, Eleganz, Geschmeidigkeit. Der Désinvolture fehlt der Charakter des Verbissenen, Unharmonischen, Erzwungenen, Unauthentischen, das dem Stoiker immer eignet. Und außerdem hat der desinvolte Mensch mehr Humor als der Stoiker.

Über Witz verfügt Saint-Simon zweifellos auch. Doch ist es jener geistreiche Scharfsinn, der dem französischen Esprit zukommt, der Saint-Simon auszeichnet. Humor kann man das weniger nennen. Um einen Ausgleich zu schaffen zu den barocken Volten des Herzogs las ich in den stillen Corona-Tagen auch das 12-bändige Romanwerk Dance to the music of time (1951-1975) des britischen Autors Anthony Powell, der immer wieder gern als der „englische Marcel Proust“ bezeichnet wird. Solche Vergleiche sind müßig, sie verdecken mehr, als sie offenbaren, weil sie einen Bezugspunkt festlegen, an dem sich die Lektüre dann notwendigerweise ausrichtet und dadurch eindimensional werden kann. Ich würde eher sagen, dass das Schreiben Anthony Powells zwischen James Joyce und P.G. Wodehouse angesiedelt ist:

„Powell dagegen lehrt uns, wie man, ohne die Distanz
des barocken Guckkastentheaters vorauszusetzen,
mit den Windungen und Hindernissen des Jetzt so umgehen kann,
dass aus jedem alltäglichen Ereignis eine komische Szene werden kann“

Die Konstruktion des Romans, der die Schicksale einer Gruppe von englischen Dandys und ihrer außerordentlich verzweigten Familien von den 20er- bis in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts nachverfolgt, ist komplex, entsteht aber nicht aus einer architektonischen Konzeption heraus, sondern ergibt sich gleichsam aus dem humoristischen und skurrilen Fluss des Erzählens, aus dem breiten Strom der Erinnerungen. Der Titel dieses roman-fleuve – so nennt man seit Romain Rollands zehnbändigem Jean-Christophe ein mehrbändig angelegtes Romanwerk, dass ein breites Epochengemälde liefert und sich dabei wie ein, freilich unbegradeter, Fluss ausbreitet, Inselchen bildet und Arme, Sümpfe und Schilfbereiche – bezieht sich auf ein Gemälde von Nicolas Poussin: La danse de la vie humaine (1633-34), das ursprünglich Danse a la musique du temps hieß. Allegorisch wird hier ein Reigen junger Frauen dargestellt, die von einem alten Mann auf der Lyra begleitet werden. Man könnte den Begriff der Désinvolture ohne weiteres mit diesem heiteren Gemälde in Verbindung bringen, noch viel mehr aber mit Powells Roman. Allerdings ergibt sich hier ein Zugang zur Désinvolture von einer ganz anderen Seite als bei Saint-Simon.

Die Désinvolture ist hier keine Voraussetzung, sondern ein Ergebnis. Was bedeutet das? Saint-Simon blickt aus der Höhe seiner Unabhängigkeit auf das theatrum mundi herab. Sein Blick durchmisst dabei eine außerordentlich weite Strecke, die die Konturen der Personen und des Geschehens klar und deutlich erscheinen lässt, gefiltert durch die Distanz. Der erzählerische Blick Powells ist dagegen stets auf Augenhöhe des Personals. Er ist sozusagen ganz nah dran am Geschehen – und vor allem an den Gedanken und den endlos verschlungenen Raisonnements seiner Protagonisten. Noch die allerkleinsten Gedankengänge und Gefühlsabwägungen werden aufgezeichnet, doch nicht mit jener sentimentalen Rekonstruktionsgeste, die wir von Proust kennen, sondern stets in einer Gegenwart, die den Leser, der sich darauf einlässt, fesselt und ihn an sein eigenes Präsens erinnert.

AUs dem Alltag komische Szenen machen

Proust ist kein Autor der Désinvolture. Er ist der Gefangene seiner Erinnerungen, die das schreibende Ich immer weiter schwächen, weil sie es aus dem Präsens hinausführen in eine bewußtseinsmäßig rekonstruierte Vergangenheit. Proust ist kein Corona-Autor. Mit ihm würden wir sang- und klanglos untergehen. Powell dagegen lehrt uns, wie man, ohne die Distanz des barocken Guckkastentheaters vorauszusetzen, mit den Windungen und Hindernissen des Jetzt so umgehen kann, dass aus jedem alltäglichen Ereignis eine komische Szene werden kann.

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Es ist eine Désinvolture der Unmittelbarkeit, die Powell uns beibringt, bei der die Eleganz die Haltung überwiegt. Wahrscheinlich ist diese Form des Sich-Entwindens in einer Echtzeit-Epoche wie der unsrigen angemessener, in der jedes Ereignis sofort zur Information und jedes flüchtige Gefühl sogleich zum Posting erstarrt, ohne die Chance zu haben, heranzureifen und sich zu entwickeln. Die Kraft und die Ressourcen, einen Horch- und Sehposten a la Saint-Simon zu entwickeln, von dem aus die Welt überblickt werden kann, haben wir kaum noch. Dazu sind die Kräfte des Jetzt zu ausgeprägt, zu mächtig. Dazu sind wir durch Erziehung und soziale Konditionierung zu stark partizipativ veranlagt. Das Jetzt hält uns mit seinen täglich weiterwachsenden Tentakeln umschlungen.

Die Lektüre in unübersichtlicher Gegenwart, bringt Freiheit

Désinvolte Selbstverteidigung ist heute daher so etwas wie ein emotionaler Häuserkampf, bei dem hinter jeder Tür, hinter jeder Ecke eine neue Überraschung auf uns wartet – und nicht immer eine erfreuliche. Das erfordert Hellsichtigkeit und geistige Anwesenheit. Auch die überzeichnete Bewußtheit, die Powells Prosa mit der stream-of-consiousness-Technik eines James Joyce in Verbindung bringt, ist ein Merkmal der Jetztzeit: Wir sind Teil jeder nur möglichen Gegenwart, und wir nehmen Anteil an ihr. Das kann jeder an sich selbst überprüfen. Auch das schwächt freilich die Haltungen des Ich, das sich in multiplen Szenarien und Opportunitäten zu verlieren droht.

Powell hat das erstaunlich präzise vorhergesehen – und dabei zeigt er uns, dass das, was wir heute erleben, gar nicht so neu ist, sondern sich nur in einem neuen, technischen Gewand präsentiert (alle großartigen Maschinen sind bereits erfunden worden, sagt Botho Strauss). Die Rolle des sozialen Internets nehmen bei ihm die genealogischen Verbindungen ein, die die Personen seines Romans untereinander verknüpfen. Gesellschaft erscheint schon hier als social network, das die Freiheit des Einzelnen konditioniert. Désinvolture der Distanz und Désinvolture der Nähe – beides ist mithin möglich. Das zeigt, dass Désinvolture nicht unbedingt eine Angelegenheit des Elfenbeinturms ist, der ohnehin nicht mehr zeitgemäß ist. Seine letzten Exemplare stehen übrigens unter Denkmalschutz. Saint-Simon und Powell sind die Lehrmeister der Désinvolture. Lektüre ist der Schlüssel. Aber es ist nicht in erster Linie die Lektüre selbst, die uns nach und nach zu einem desinvolten Individuum werden lässt. Sondern es ist jene Zeit, die wir der unübersichtlichen Gegenwart in der Lektüre abringen, die uns die Freiheit bringt.

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