Postmoderner Existenzialist

Der britische Schriftsteller Julian Barnes bekommt den Man-Booker-Preis 2011. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Literaturpreisträger Julian Barnes.
Foto: dpa | Literaturpreisträger Julian Barnes.

Wenn man eines fernen Tages zurückschauen und fragen wird: Wer waren die Schriftsteller der Postmoderne? Wie haben sie gedacht und geschrieben? Dann wird auch der britische Schriftsteller Julian Barnes (65) genannt und untersucht werden. Immer wieder hat der 1946 in Leicester geborene Barnes, der in Oxford Jura und Französisch studierte und, bevor er Schriftsteller wurde, als Journalist bei der „Times“ arbeitete, in seinen Romanen mit Ironie und überraschenden Perspektivwechseln den traditionellen Erzählrahmen gebrochen. Ohne dabei jedoch der Oberflächenfaszination der postmodernen Epoche zu sehr zu erliegen: Die Liebe, der Tod, die menschliche Geschichte, die Frage nach dem Sinn oder Unsinn der Religion haben ihn von Anfang an beschäftigt, so dass man Barnes, dessen vier Jahre älterer Bruder Philosophie in Oxford und Genf lehrt, als eine Art postmoderner Existenzialist ansehen kann. Als Autor, dem es nun mit dem Erhalt des Man-Booker-Preises für seinen aktuellen Roman „The Sense of an Ending“ („Ein Hauch eines Endes“) gelungen ist, auch offiziell in den Olymp der britischen Gegenwartsautoren aufzusteigen, wo Barnes sich inoffiziell allerdings schon länger aufgehalten hat.

Vielleicht bereits seit der Veröffentlichung seines dritten Romans „Flauberts Papagei“, mit dem Barnes bereits 1984 für diese wichtigste Literatur-Auszeichnung der englisch-sprachigen Welt nominiert war, jedoch leer ausging. Wie später mit den Romanen „England, England“ (1998) und „Arthur & George“ (2005). Bereits in „Flauberts Papagei“ zeigt sich Barnes überragende Fähigkeit, anspruchsvoll zu unterhalten und in leichter Weise in die labyrinthischen Tiefen von Sein und Zeit hinabzusteigen. Im Zerrbild von Wirklichkeit und Fiktion, deren Grenzen nie so eindeutig zu bestimmen sind. In „Flauberts Papagei“ erzählt Barnes aus der Perspektive des englischen Witwers Geoffrey Braithwaite über das Leben Flauberts und über sein eigenes Leben, während Braithwaite versucht, jenen ausgestopften Papagei zu ermitteln, der einst den französischen Autor auf dem Schreibtisch inspiriert haben soll. Bei den Besuchen mehrerer Flaubert-Museen fällt Braithwaite aber auf, dass zwei davon behaupten, jenen ausgestopften Papagei auszustellen, der auf Flauberts Schreibtisch stand. Während Braithwaite versucht, her-auszufinden, welcher der richtige Papagei sei, muss er entdecken, dass es vielleicht keiner von beiden ist. Der Papagei ist vielleicht ganz woanders in irgendeinem Naturkundlichen Museum ausgestellt. Dieses Scheitern spiegelt sich auch in dem Versuch wider, die eine ultimative Flaubert-Biographie zu verfassen. Die Protagonisten Stuart, Gillian und Oliver, die in „Darüber reden“ (1991) und fast zehn Jahre später in „Liebe usw.“ (2000) versuchen herauszufinden, wer sie sind und wie sie zueinanderstehen. Nur scheinbar ist bei dieser Dreiecksgeschichte alles klar. „Im ersten Band“, so schrieb der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann voll des Lobes über Barnes „Liebe usw.“, „relativierten sich die Erzähler gegenseitig, diesmal aber wird, mit hinterlistiger Sympathielenkung, vor allem der Leser manipuliert. Die Wendung ins Katastrophische könnte man ahnen, sie trifft einen dann doch überraschend.“

Eine Interpretation, die auf makabere Weise in Barnes eigenem Leben Wirklichkeit wurde. Nach fast dreißig Ehejahren starb seine Frau Patricia im Oktober 2008 an den Folgen eines Gehirntumors. In dem Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ (2010) hat sich Barnes mit diesem Verlust auseinandergesetzt. Es ist sein persönlichstes Buch mit vielen autobiographischen Einschüben, das sich letztendlich um drei Dinge dreht: den Tod, den Glauben an das Ewige Leben und die mögliche Existenz Gottes. Geständnisse der Angst und der Suche nach dem Göttlichen sind nicht nur in der britischen Literaturszene selten, sondern gelten in der postmodernen Szenerie generell als verpönt. Doch mit dem Hauch des Endes, dem Alter scheint er, wovon auch seine aktueller Roman auf 150 Seiten Zeugnis gibt, die Hemmungen verloren zu haben, krampfhaft am atheistischen Common Sense Code festzuhalten. Doch man sollte auch diesen Roman nicht zu schnell autobiographisch deuten. „Das Wichtigste beim Romanschreiben scheint mir immer noch, etwas zu erfinden.“ Auch das ist ein Charakteristikum von Barnes.

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