Porno im Alltag

Pornografie hat Einzug in die Popkultur und Unterhaltungsindustrie gefunden

Das Internet macht es möglich: Was noch vor drei Jahrzehnten nur unter dem Ladentisch teuer verkauft wurde, ist heute im Überfluss frei verfügbar. Porno oder ähnliche Darstellungen sind so „normal“ und alltäglich, dass sie als solches kaum noch wahrgenommen werden. Doch genau das führt zu Grenzüberschreitungen und einer Verharmlosung der Gefahren für den Menschen.
Cardi B, Rapperin
Foto: Imago Images | „Sex sells“ und nackte Haut treibt die Zugriffszahlen im Internet in die Höhe: Die Rapperin Cardi B, die vor ihrer Karriere als Stripperin tätig war, gehört zu dem Standard-Musikprogramm von Jugendlichen.

Love is in the air“. Die legendäre Liedzeile von Sänger John Paul Young aus dem Jahr 1977 wurde 2020 von dem weltweit größten Pornokonzern Pornhub für sich beansprucht. „Porn is in the air“, so stand es in auffälligen rosafarbenen Lettern auf der Wand des ausschließlich für den Valentinstag eingerichteten Pop-up Geschäfts in New York.

Zu kaufen gab es dort den üblichen Kitsch: Teddybären, Pralinen, Rosen, mit der Ausnahme, dass auf jedem Artikel das Pornhub-Logo abgebildet war. Beim Kauf eines Produkts machte Pornhub einem ein ganz besonderes zusätzliches „Geschenk“: ein einmonatlanger freier Zugang zu der Premiumseite der Pornoplattform. Darüber hinaus bot die Internetseite am Gedenktag des hl. Valentin allen Usern einen Gratiszugang zu ihrem Premiumangebot an. Letztes Jahr wurde das Angebot von drei Millionen Accounts genutzt. Fan-Artikel bietet der Pornoriese, der im Besitz des noch größeren, kanadischen Konzerns „MindGeek“ ist, das ganze Jahr über an. Dazu zählen zum Beispiel Weihnachtspullover, die man auf der zugehörigen Instagramseite betrachten kann.

Der Playboy ist heute ein Lifestyle Magazin

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„Porn is in the air“. Was sich wie ein simples Wortspiel anhört, ist in Wahrheit Realität geworden. Längst durchdringt Pornografie den Mainstream und unsere Kultur. Manch einer mag sich noch an den skurril anmutenden Trend der beginnenden 2000er Jahre erinnern, als auf einmal Teenager Kettchen mit einem Anhänger trugen, der das Logo des Playboy-Magazins, ein schwarzer Hase mit Fliege, darstellte. Das Logo zierte weiteren Schmuck, Kleidung oder Plüschtiere in Autos. Man wurde damals das Gefühl nicht los, die Jugendlichen wissen gar nicht, was für ein Symbol sie da um den Hals baumeln haben.

Doch die Onaniervorlage von einst ist mittlerweile zu einem harmlosen Lifestyle-Magazin mutiert, das in den Läden einladend auf den Tischen gestapelt wird und in dem Interviews mit Künstlern wie der Kabarettistin Lisa Eckhart, geführt von der Schriftstellerin Ute Cohen, abgedruckt sind. Dasselbe Duo hatte auch schon einen Auftritt in dieser Zeitung (Die Tagespost vom 13.08.2020). Das Schmuddelblatt von gestern ist die Kultmarke von heute.

Einer der erfolgreichsten Kinofilme 2015 war die Buchverfilmung „50 Shades of Grey“. Den Erfolg verdankt der Erotikfilm, der fünf Goldene Himbeeren, eine Art Auszeichnung für den schlechtesten Film, erhielt, unter anderem seinen BDSM-Szenen. BDSM, eine Abkürzung für verschiedene sadomasochistische Sexualpraktiken, wurde bis dato eher in Untergrundklubs praktiziert und war auf Pornoseiten unter den bizarren Vorlieben zu finden. Dass solche Szenen in einem Mainstreamfilm, der in Frankreich ab 12 Jahren freigegeben war, zu sehen sind, war ein Novum.

Pornografie ist tief in unsere Kultur eingedrungen

Wirft man heute einen Blick auf Netflix, fällt einem auf, dass dort Filme, die Sexpraktiken aus dem BDSM darstellen, die Gewalt und das Zufügen von Schmerzen mit einschließen, keine Seltenheit sind, sondern im Gegenteil, zur Normalität geworden sind. Parallelitäten lassen sich in der Pornografie finden: Was vor 15 Jahren noch als obszön kategorisiert wurde und von ein paar Wenigen konsumiert wurde, zählt heute zur Mainstream-Pornografie. Dazu zählen Praktiken wie Würgen, Schlagen, an den Haaren reißen und verbale Degradierung.

Was ist noch ein „normaler“ Film, wo beginnt Pornografie? Die Grenzen zwischen Pornografie und Filmen verschwimmen zunehmend. Pornos sind zu einem festen Bestandteil der Unterhaltungsbranche wie Film, Fernsehen und Internet geworden.

Musikvideo? Nur Strip-Szenen

In der jüngeren Vergangenheit eroberten Porno- und Playboystars wie Pamela Anderson oder Carmen Electra Hollywood. Schauspielerinnen und Sängerinnen der jüngeren Generation tummeln sich auf dem Webdienst Onlyfans, der seit 2016 existiert. Dort werden überwiegend erotische Inhalte gegen Bezahlung bereitgestellt. Die 22-jährige U.S.-Schauspielerin und ehemaliger Disney-Star Bella Thorne sorgte für Aufsehen, indem sie innerhalb der ersten 24 Stunden auf der Plattform eine Million Dollar für „sexy Fotos“ verdiente.

Auf Onlyfans tummelt sich auch die 28-jährige Rapperin Cardi B (das „B“ steht für Bacardi), deren Album „Invasion of Privacy“ 2019 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. In dem Text ihres 2020 erschienenen Songs WAP, was die Abkürzung für „Wet-Ass Pussy“ ist, beschreibt die Sängerin ihre sexuellen Vorlieben, zu denen die Benutzung von Handschellen und Halsbändern gehört. Das dazugehörige Musikvideo besteht praktisch rein aus Strip-Szenen.

Wie kann man Kinder schützen?

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Unter dem Eindruck all dieser Ist-Zustände wird man das Gefühl nicht los, dass die Porno-Branche ihr Ziel erreicht hat, nämlich gesellschaftlich voll akzeptiert zu werden und als selbstverständlich hingenommen zu werden. Die Frage steht im Raum, welche sexuellen Inhalte, die in der Unterhaltungsbranche vorkommen, noch als „normal“ bezeichnet werden können und welche Grenzen, seien sie moralisch-ethischer Natur oder aus Gründen des Kinderschutzes, denkbar wären.

Oder ist die fast absolute Pornisierung der Popkultur die neue Normalität, die unhinterfragt vor sich hin blühen darf? Ist es überhaupt möglich, sie in Schranken zu verweisen? Fakt ist, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. Dass „sex sells“, ist ein ungeschriebenes Gesetz, genauso, dass das gierige, unstillbare menschliche Herz nach immer extremeren, immer krasseren visuellen Sensationen verlangt. Im Letzten liegt die Quelle all der Gewalt und der Obszönitäten in uns selber. Letztendlich füttert der Markt das Bedürfnis danach nur.

Die Soziologin Gail Dines, Professorin am Wheelock College in Boston und eine Aktivistin der Anti-Pornobewegung, schreibt: „Pornografie ist so tief in unsere Kultur eingebettet, dass sie fast Synonym für Sex geworden ist. Das bedeutet: Wer Pornografie kritisiert, wird mit dem Label ,Sexfeindlich' geohrfeigt.“

Realer Sex? Problematisch!

Nein, Pornografie ist nicht Sex. Sie ist eine virtuelle Welt, die wenig mit der realen Welt, mit der Wirklichkeit eines komplexen Beziehungsgeflecht, in dem die menschliche Sexualität eingebettet ist, zu tun hat. Gerade der echte Sex kommt der Generation Z, den heute 18- bis 24-Jährigen, immer mehr abhanden, wie U.S.-Studien zeigen. Die Wiener Sexualtherapeutin Bettina Bückelmayer bestätigt diesen Trend. Viele ihrer männlichen Klienten würden ihre intimen Erlebnisse und Erfahrungen kaum noch im „echten“ Leben machen, sondern ausschließlich virtuell. „Die Generation Z ist immer online, entwickeln auch ihre Sexualität durch das Internet“, schreibt Bückelmayer. Aus der Praxis weiß die Therapeutin, dass die jungen Menschen, sobald sie sich in einer realen Partnerschaft befinden oder für realen Sex entscheiden, Probleme damit haben.

Der Pornografie und Unterhaltungskultur nachzugehen und den Trieb vollkommen von Liebe und Beziehung zu trennen, ist kein guter Ratgeber. Da kann man nur hoffen, dass sich der Wind dreht und wieder mehr „Love in the air“ ist.

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