Politische Partizipation ist der Schlüssel für Afrikas Zukunft

Der afrikanische Kontinent hat mit zahlreichen, immer wiederkehrenden Konflikten zu kämpfen, die sich oftmals zu gleicher Zeit abspielen – derzeit etwa in Nigeria, Mali, im Sudan und Guinea-Bissau. Angesichts der Probleme, die sich aus Krieg, Hungersnöten und religiösen, sozialen und politischen Unruhen ergeben, verlieren die meisten Afrikaner allmählich die Hoffnung auf eine demokratische Zukunft des Kontinents. „Die Tagespost“ hat einen jungen Westafrikaner gebeten, über seine G danken zur Zukunft Afrikas zu schreiben. Von Mikailla Issa
Foto: dpa | Amadou Sanogo (zweiter von rechts) hatte kürzlich in Mali geputscht – Afrikas Jugend ist dieses Spiel leid.
Foto: dpa | Amadou Sanogo (zweiter von rechts) hatte kürzlich in Mali geputscht – Afrikas Jugend ist dieses Spiel leid.

In einem Afrika, das sich Mühe gibt, glaubwürdige und solide demokratische Systeme zu etablieren, haben die jüngsten Militärputsche in Mali und Guinea-Bissau eine allgemeine politische Instabilität auf dem Kontinent hervorgerufen. Die Zeit der massenhaften Staatsstreiche in Afrika lag ja eigentlich Mitte der Sechzigerjahre, als es Einheitsparteien und keine Gegenkräfte dazu gab. Was im Falle einer Krise von größerem Ausmaß dazu führte, dass die Armee begreiflicherweise als Schiedsrichter im politischen Spiel auftrat. Auch deshalb hat Afrika heute mit der Demokratie und Wahlen, die oftmals mit einer Mobilmachung der Streitkräfte einhergehen und blutig enden, strukturell seine Probleme. Wenn von demokratischen Erfolgen geredet wird, muss man deshalb genau hinschauen. Mali etwa galt seit 1990 vielen politischen Kommentaren als Vorbild für Demokratie in Westafrika. Jetzt sind viele überrascht, weil es einen Militärputsch erlebte, der lediglich offenlegte, wie sehr in dem Land pseudo-demokratische Verhältnisse herrschten. Beinahe die meisten Wahlen, die auf dem afrikanischen Kontinent durchgeführt werden, werfen mehr Probleme auf, als sie die Leiden der Bevölkerungen lindern. Sollte also Afrika tatsächlich nicht in der Lage sein, einen echten Demokratisierungsprozess zu verfolgen?

Ein kleines Vorbild gibt es derzeit: Die senegalesische Jugend hat tatsächlich alle Versuche massiven Wahlbetrugs verhindert. Damit hat sie sich zum pazifistischen und wachsamen Arm der Demokratie gemacht. Die jungen Menschen im Senegal zeigen den Weg, den man verfolgen sollte, weil sie sich mit politischen Parolen und mit demagogischen Versprechungen nicht zufriedengeben. Sie möchten ihre Entscheidungen auf nachprüfbare und bestätigte Fakten stützen. Wären die Senegalesen nicht mehrheitlich Muslime, so hießen die Jugendlichen alle „Thomas“. Denn wie der heilige Thomas, einer der zwölf Apostel, an der Auferstehung Christi zweifelte, bevor er ihn nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, glauben diese jungen Senegalesen erst dann den öffentlichen politischen Versprechen, wenn sie mit eigenen Augen die Taten ihrer Anführer gesehen haben. Eine solche Jugend könnte für den Kontinent ein toller Trumpf sein, die die Hebel umlegen kann, damit Afrika endlich wachsen kann.

Aber dieses eine Vorbild ist noch zu wenig. Es hilft auch wenig bei zwischenstaatlichen territorialen Konflikten, in denen Souveränitätsfragen und Wirtschaftsinteressen eine große Rolle spielen. Der Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien etwa schwelt trotz des Friedensabkommens immer weiter. Ebenso verhält es sich bei den beiden Teilen des Sudans. Sowohl der Norden als auch der Süden verweigert noch immer die Anerkennung der neuen Grenzlinien und die Souveränität der beiden unabhängigen Staaten. Das Vorbild der senegalesischen Jugend hilft auch wenig bei Konflikten innerhalb afrikanischer Staaten, bei der es vor allem um die höchste Macht im Staate geht. So ist es beispielsweise an der Elfenbeinküste, in Mali und in Guinea. Am bedrohlichsten für die demokratische Entwicklung in Afrika sind jedoch die regionalen Konflikte, in denen ein Land den Unfrieden in das andere trägt. Dazu zählen etwa die Anzettelung von Rebellionen, Waffenhandel oder mafiöse Netzwerke, mit deren Hilfe Nachbarn gegenseitig Einfluss gewinnen wollen. Die Lösung derartiger Konflikte ist besonders schwierig.

Die Jugend Afrikas bewegt sich also zwischen kleiner Hoffnung und großer Verunsicherung. Es ist höchste Zeit, dass sich Afrikas Jugend bewusst wird, dass nur Afrika allein sich von allen seinen riesigen Problemen befreien kann, die seine Entwicklung behindern. Die Afrikaner müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Es ist etwa vollkommen irrational, dass Afrikas Staaten mit den anderen Wirtschaftsmächten der Welt jeweils getrennt verhandeln. Die Regierungschefs müssen weiter begreifen, dass freie und in Sicherheit lebende Bürger am ehesten dazu bereit sind, ihre Interessen zu verteidigen. Das Wohl Afrikas vom Blickwinkel des Wachstums aus betrachtet, wird von einer Generation von Männern und Frauen kommen, die den Wert strategischer Arbeit verstanden haben und die nicht mehr außerhalb Afrikas nach Leitbildern suchen, sondern aus den Quellen ihrer eigenen Kultur schöpfen, um Formen zu schaffen, die den afrikanischen Gegebenheiten politischer Verwaltungsstrukturen und den Wirtschaftsprozessen besser angepasst sind.

Natürlich hat Afrika gelitten und leidet noch immer zweifellos. Umso mehr, wenn sich die Afrikaner ihrer eigenen Emanzipation entgegenstellen. Daher muss man gemeinsam kämpfen, um die Probleme zu meistern, die die Existenz und die Entfaltung der Völker Afrikas schwächen.

Das hat auch Papst Benedikt XVI. schon in seiner Ansprache am 19. November 2011 an den Präsidenten der Republik Benin in Cotonou gesagt, was viele Afrikaner beeindruckt hat: „Wenn ich sage, dass Afrika der Kontinent der Hoffnung ist, tue ich dies nicht aus reiner Rhetorik, sondern ich drücke ganz einfach eine persönliche Überzeugung aus, die auch die der Kirche ist.“ Dann beklagt er die zahlreichen Konflikte, die auf dem Kontinent aufgrund der Blindheit, die die Würde des Menschen oder der Natur missachtet, entstehen. Denn, so der Papst: „Der Mensch strebt nach Freiheit; er will in Würde leben; er will gute Schulen und Nahrung für die Kinder, würdige Krankenhäuser für die Pflege der Kranken; er will respektiert werden; er verlangt eine transparente Regierung, die persönliche Interessen nicht mit allgemeinen Interessen vermischt; und vor allem will er Frieden und Gerechtigkeit.“ Und der Papst prangert die Übel an, die den Kontinent heimsuchen: „Derzeit gibt es zu viele Skandale und Ungerechtigkeiten, zu viel Korruption und Gier, zu viel Verachtung und Lüge, zu viel Gewalt, die zu Elend und Tod führt.“ Und er betont: „Jedes Volk will die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen nachvollziehen, die in seinem Namen getroffen werden. Es nimmt Manipulation wahr, und seine Vergeltung ist manchmal gewalttätig. Es möchte teilhaben an der guten Regierung. Wir wissen, dass kein menschliches politisches System ideal und keine wirtschaftliche Entscheidung neutral ist. Aber sie müssen stets dem Gemeinwohl dienen.“ Das war ein leidenschaftlicher Appell an die Verantwortung, den der Papst im vergangenen Herbst an die Verantwortlichen in den Ländern Afrikas gerichtet hat. „Beraubt eure Völker nicht der Hoffnung! Schneidet ihnen nicht die Zukunft ab, indem ihr ihnen die Gegenwart verstümmelt! Nehmt auf ethischer Grundlage mutig eure Verantwortung wahr, und – wenn ihr gläubig seid – bittet Gott, euch Weisheit zu gewähren!“

Womit sich für den Papst auch die Notwendigkeit ergibt, eine Pädagogik des Dialogs, vor allem unter den Jugendlichen, zu fördern, um zu erkennen, „dass das Gewissen eines jeden ein Heiligtum ist, das es zu achten gilt, und dass die geistliche Dimension die Brüderlichkeit aufbaut.“ Mit den Völkern Afrikas sprechen, jungen Menschen Perspektiven geben, sie träumen lassen – es gibt so viele Anliegen der afrikanischen Jugend, die der Heilige Vater aufgegriffen hat und aktuell sind.

Es geht vor allem um tatsächliche Teilhabe der afrikanischen Jugend am öffentlichen Leben in Afrika. Diese Jugend entwickelt mehr und mehr ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der politischen Partizipation. Obwohl die Jugend in Afrika durchaus den Ruf genießt, sehr gut ausgebildet zu sein, ist sie doch lange Zeit desillusioniert und verbittert gewesen und kämpft jetzt noch damit, sich von den stereotypen Vorstellungen zu lösen, die manche ihr anheften wollen, um sie besser manipulieren zu können. Den Jugendbewegungen in Afrika geht es um Probleme der Ausbildung, der Erwerbstätigkeit, des Unternehmertums, sie wollen zur Verbesserung der Lebensbedingungen aller Bürger beitragen. Aber staatliche Apparate verhindern immer noch mehr die Partizipation der Jugend als dass sie sie fördern. Selbst wenn Verantwortliche in den Staaten vernünftige Entscheidungen mit Blick auf die Jugend treffen, integrieren sie diese Jugend nicht in die Entscheidungsprozesse. Das ist keine Partizipation. Und es liegt manchmal auch an den Jugendlichen selbst, wenn sie keinen ernstzunehmenden politischen Einfluss haben, der die Gesellschaft demokratisch verändert. Sie lassen sich durch materielle Interessen oft noch zu schnell entzweien und entsolidarisieren.

Bei all diesen Probleme ist die entscheidende Frage für die Zukunft Afrikas aber die des Friedens. Der Frieden ist eine notwendige Vorbedingung, um die ökonomische Entwicklung des Kontinents sicherzustellen. Die Lösung der heutigen Konflikte staatlicher und zwischenstaatlicher Natur zerreißt Afrika seit 40 Jahren. Afrika ist der Teil der Welt, in dem man die größte Anzahl an Kriegen, instabilen Staaten und humanitären Krisen zählt. Manche sprechen gar von einer „chronischen Krise“ Afrikas.

Dabei gilt auch hier, dass sich Stabilität aus den einzelnen Nationen selbst heraus entwickeln muss und Interventionen von außen sich nicht immer als wirksam erwiesen haben. Trotz der Bemühungen durch die Afrikanische Union und weiterer Institution, die Wiederherstellung oder die Bewahrung des Friedens zu fördern, um damit religiöse und politische Konflikte zu verhüten, sind der Frieden und die Stabilität einiger Länder auf dem Kontinent permanent weiter ernsthaft bedroht. Das politische und wirtschaftliche Regime dieser Krisenländer selbst sind das wahre Hindernis für den Frieden, weil sie keine Institutionen geschaffen haben, die wirklich Demokratie und Beteiligung der Bürger garantieren. Die Frage der Gewaltenteilung und wie sie gut funktioniert, ist in den meisten afrikanischen Ländern immer noch ein ungelöstes Problem. Es geht darum, dass Afrika zu seiner eigenen, schwarzen, Demokratie findet. Leider aber ist die Entwicklung Afrikas immer noch eine Utopie, die die meisten der Verantwortlichen auf dem Kontinent ihren Völkern in den schönsten Farben ausmalen – um sie damit einzulullen.

Der Autor studiert Kommunikationswissenschaften in Benin und arbeitet als freier Journalist. Aus dem Französischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

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