Polemiker, Polterer und Polarisierer

Trierer Ausstellungen zu Karl Marx widmen sich dem Leben, blenden aber die Wirkung aus. Von Christoph Böhr
| Wer modern sein will, muss auf der richtigen Seite stehen: Der DDR-Maler Willi Sitte sah in Karl Marx den gemütlichen Vordenker des sozialistischen Staates.
| Wer modern sein will, muss auf der richtigen Seite stehen: Der DDR-Maler Willi Sitte sah in Karl Marx den gemütlichen Vordenker des sozialistischen Staates.

Zwei Trierer Ausstellungen unternehmen den Versuch, Marx als Kind seiner Zeit darzustellen. Das gelingt gut – allerdings um den Preis, einen Blick auf seine Wirkungsgeschichte zu vermeiden.

Am 11. April 1868 schrieb Karl Marx an Laura, seine Tochter, und deren Mann Paul Lafargue: „Ich bin eine Maschine, dazu verdammt, Bücher zu verschlingen und sie dann in veränderter Form auf den Dunghaufen der Geschichte zu werfen.“ Diese Selbsteinschätzung, die man auf einer großen Schrifttafel inmitten der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum lesen kann, überrascht, zumal Marx zeitlebens nicht von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt wurde – aber sie bringt sehr treffend zum Ausdruck, was Marx tagein tagaus umtrieb: er las, und schrieb, und las, und schrieb … Das Schicksal eines Arbeiters kannte er vornehmlich vom Hörensagen; das unmittelbare Eintauchen in die Lebenswirklichkeit der Industriellen Revolution war seine Sache nicht. In der Welt der Bücher lebte er und füllte 160 Notizbücher Zeile für Zeile mit Exzerpten, bevor er sich an die Niederschrift seiner Hauptschrift „Das Kapital“ machte. Marx arbeitete akribisch. Er recherchierte genau – in vielen Jahren, vor allem während der Londoner Zeit, die er Tag für Tag in der Bibliothek des Britischen Museums verbrachte.

Was beseelte diesen Mann, was gab ihm die Kraft zu einem so umfangreichen schriftstellerischen Lebenswerk? Wie kann und darf man Marx verstehen?

Die Trierer Ausstellungen unternehmen den schwierigen Versuch, dieser Frage nachzugehen. Beide folgen einem gemeinsamen Ansatz, nämlichen den Menschen aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Das Werden, das Werk und das Wirken des Menschen werden eingebettet in den Kontext und sollen so verständlich werden. Das gelingt beide Male auf anschauliche und eindrucksvolle Weise in einer ansprechenden, gut gegliederten und nachvollziehbaren Darstellung der Zeitumstände, nicht zuletzt auch durch aussagekräftige Exponate: Urkunden, Bilder, Dokumente – und zum Beispiel eine Armutskarte, die im Städtischen Museum zu sehen ist; sie zeigt, dass damals in Trier vier von fünf Einwohnern am oder unter dem Existenzminimum lebten. Die Familie Marx gehört zwar nicht dazu, aber den jungen Karl lassen diese Eindrücke nicht kalt. Er beginnt, die Verhältnisse anzuprangern – und schnell gerät er mit der preußischen Zensur in Konflikt; so beginnt eine lange Verfolgungs- und Leidensgeschichte. Marx verteidigt die Freiheit des Wortes – und 1848 scheint der erhoffte Umsturz zum Greifen nahe. Zu dieser Zeit ist Marx noch nicht der Theoretiker, sondern der pointiert formulierende Journalist, der sich auf die Seite der Armen stellt. Doch die Umsturzhoffnung hält nicht lange an. Und als 1849 die Monarchen wieder fest im Sattel sitzen, schlägt Preußen zurück: Marx wird ausgewiesen – das heißt: ausgebürgert – und ist gezwungen, mit seiner Familie nach London zu fliehen, wo er bis zu seinem Tode unter ärmlichen Verhältnissen lebt. Jetzt wird er zum Theoretiker – also zu dem Marx, den wir kennen und lesen; der Journalismus tritt zurück, die wissenschaftliche Arbeit rückt in den Vordergrund: 18 Jahre nach dem Beginn des Londoner Exils erscheint das „Kapital“, zunächst der erste Band, nach Marxens Tod mit Unterstützung von Engels der zweite und dritte Band.

Es gelingt der Ausstellung gut, wichtige Leitfragen, die Marx beschäftigten, herauszuarbeiten und dem Betrachter ausdrucksvoll bebildert vor Augen zu stellen: Marx begreift die Ökonomie als eine Sozialwissenschaft – aber das findet sich auch schon bei Adam Smith; er entwickelt die Mehrwerttheorie, aber die gilt heute unter Wirtschaftswissenschaftlern als überholt; er geht den Ursachen von Entfremdung und Verdinglichung nach – und er kämpft mit der Frage, was menschliche Arbeit eigentlich wert ist: eine Frage, auf die wir tatsächlich auch heute noch nach einer schlüssigen Antwort suchen. Das Massenelend am Beginn der Industrialisierung wirft ein grelles Licht auf die Verelendung des Arbeiters; die Produktion ist kapitalintensiver geworden als einst zur Zeit von Smith, und Kapital ist – im Unterschied zur Arbeit – ein knappes Gut. Arbeitskraft hingegen gibt es in Hülle und Fülle, während das Kapital in der Hand Weniger liegt. Ausgehend von diesem Ungleichgewicht von Arbeit und Kapital unter Markt- und Machtbedingungen entwickelt Marx seine Kapitalismustheorie. Am Ende der Ausstellung im Landesmuseum findet sich das Resümee: Zu Lebzeiten blieb Marx ohne Einfluss. Was aber hat ihn dann so überragend und wirkmächtig werden lassen, dass die Chinesen sich bemüßigt fühlten, der Stadt Trier den Mann als Denkmal übergewaltig und übergewichtig – fünfeinhalb Meter hoch und über zwei Tonnen schwer – zu schenken?

Hinweise auf mögliche Antworten zu dieser Frage gibt die Ausstellung nicht. Hier zeigen sich die Stärken, aber auch die Schwächen jener Kontextualisierung, von der oben die Rede war: Marx allein aus seiner Zeit heraus zu verstehen, kann die Hoffnung wecken, jenen Streit zu vermeiden, den man angesichts der bis heute von ihm ausgehenden Polarisierung wohl befürchtet hat; aber so bleiben wichtige Fragen ungeklärt, zumal jede Kontextualisierung Folgen auch für die Auswahl der Schwerpunktsetzungen in der Darstellung hat. Marx, wie er dem Ausstellungsbesucher begegnet, ist ein gutwilliger, mitfühlender, verfemter und verfolgter, von der schreienden Ungerechtigkeit seiner Zeit bewegter Mensch. Aber das ist nicht der ganze Marx. Und die Weichzeichnung, die der Betrachter erlebt, verführt dann zu Aussagen, die in diesen Tagen begleitend zum Geburtstagsfest zu hören sind: Marx und der Marxismus seien zwei ganz unterschiedliche Dinge; ihm zuzurechnen, was in seinem Namen Fürchterliches geschah, sei, so hört man es aus – fast – aller Munde, unzulässig, ja, verwerflich.

Ist es das? Kann man Marx vom Marxismus trennen? Ja und Nein. Marx hat nicht den Gulag erfunden und nicht das Drehbuch für den Stalinismus oder den Maoismus geschrieben. Waren also alle Diktatoren verlogene Heuchler, insofern sie sich auf Marx bezogen? Und auf diese Frage lautet die klare Antwort: Nein, denn sie hatten gute Gründe, sich auf Marx zu stützen. Und diese Gründe blenden – vielleicht um des lieben Friedens willen – beide Ausstellungen aus.

Wenn es also um Wirkung und Wirkmacht geht, dann wird man weniger die religions- und ökonomiekritischen Werke von Marx in den Blick nehmen müssen, sondern das von ihm ausgehende Verständnis gesellschaftlicher Entwicklung: Indem er Hegel nach eigener Aussage „vom Kopf auf die Füße“ stellte, formte er dessen historischen Idealismus zum historischen Materialismus – jener Theorie, die behauptet, dass Geschichte nach erkennbaren Gesetzmäßigkeiten verläuft und aus diesem Grund vorhersehbar sei: Deshalb ist für Marx der Ausgang des Klassenkampfes nicht offen, sondern durch das Bewegungsgesetz der Geschichte längst entschieden; es kommt mithin darauf an, auf der richtigen Seite, der Seite des Fortschritts, zu stehen. Genau das haben die Marxisten von Marx gelernt. Wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht, kann und darf sich auf dem Weg zur Errichtung der Diktatur des Proletariates als Geburtshelfer betätigen: Er darf die „Geburtswehen“, wie Marx schreibt, auf dem Weg zur Vollendung der geschichtlichen Wahrheit abkürzen. Und wer auf der falschen Seite, dem Fortschritt im Wege steht, ist als Klassenfeind nicht nur intellektuell, sondern vor allem moralisch im Irrtum: deshalb nicht nur Gegner, sondern Verräter, nicht nur epistemisch dumm, sondern notorisch verkommen. Der Marxismus setzt infolge denjenigen ins Recht, der diese Verräter zum Schweigen bringt. Marx hat nicht die Liquidation des Klassenfeindes gefordert, aber er dafür die theoretische Legitimation geliefert. Diesen originären Zug seiner Theorie einfach unter den Tisch fallen zu lassen, ist nicht so selbstverständlich, wie es die Trierer Ausstellungen nahelegen.

Der Clou der Marxschen Theorie ist nicht ein sie beseelender Gerechtigkeitssinn; den hatten andere vor und nach ihm auch. Der Clou liegt in der Handlungsermächtigung, die seine Theorie denen gibt, die sich anmaßen, die „objektiven“ Gesetze der Geschichte zu vollstrecken. Marx war ein Polemiker, Polterer und Polarisierer. Eine Verniedlichung wird der Wucht seines Anspruchs nicht gerecht.

Ausstellungen zu Karl Marx: Rheinisches Landesmuseum Trier, Weimarer Allee 1, 54290 Trier und im Stadtmuseum Simeonstift Trier, Simeonstraße 60, 54290 Trier. Öffnungszeiten beide: Di.–So., Feiertage: 10–18 Uhr.

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