Poetische Hoffnung, die kein Traum ist

Die bekannte Schweizer Dichterin und Benediktinerin Silja Walter ist tot. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Die Schweizer Dichterin und Benediktinerin Anja Silja.
Foto: IN | Die Schweizer Dichterin und Benediktinerin Anja Silja.

Im Kloster habe sie „die Insel gefunden und das Meer dazu“, sagte die Schweizer Dichterin und Ordensfrau Silja Walter 1983 im Gespräch mit ihrem Bruder, dem Schriftsteller und Verleger Otto F. Walter. Er dagegen wusste sich in der „Unheilswelt“ zuhause. Ein Radiogespräch, ein Zusammenprall der Weltanschauungen nach längerer geschwisterlicher Schweigezeit, später als Buch veröffentlicht („Eine Insel finden“), das vielleicht zu den schönsten und persönlichsten Zeugnissen der Spiritualität der am Montag 91-jährig verstorbenen Benediktinerin zählt. Hier deutete Silja Walter auch jene Hoffnung an, „von der man nicht einfach träumt“. Gemeint war Christus, der Auferstandene, im Unterschied zu Karl Marx, auf den ihr Bruder seine Hoffnung setzte.

Mehr als 60 Jahre lang lebte und wirkte Silja Walter – im Orden hieß sie Sr. Maria Hedwig – im schweizerischen Fahr als Benediktinerin. Verschlossen hinter Klostermauern und doch durch ihre zahlreichen Gedichte, Erzählungen und Mysterienspiele in poetisch-mystischem Kontakt mit der Welt und der Kirche. Mehrfach wurde sie ausgezeichnet, etwa mit Literatur- und Kulturpreisen der Stadt Zürich, zweimal mit Gesamtwerkspreisen der Schweizerischen Schillerstiftung und mit dem Kunstpreis des Kantons Solothurns.

Dabei hatte zu Beginn ihres Lebens zwar schon vieles auf eine poetische Laufbahn hingedeutet, 1944 erschienen die „Ersten Gedichte“, sie begann ein Literaturstudium, wenig allerdings auf einen monastischen Lebensvollzug. Nach einem Berufungserlebnis 1947 im Zuge einer schweren Lungenerkrankung jedoch trat Silja Walter im März 1948 in das Benediktinerinnenpriorat Kloster Fahr ein. Kein leichter Weg, der der empfindlichen, manchmal allerdings auch jähzornig-rebellischen Frau einiges an Disziplin abverlangte. Doch Silja Walter hielt durch und mehr als das: im Kloster fand sie nach vielen inneren Überwindungen die ersehnte göttliche Gegenwart und Fülle, das „absolute Licht und das Ganze“, den kreativen Raum zum Schreiben. Wobei die Dichterin entscheidende Impulse aus der Musik und dem Tanz empfing.

So überrascht es nicht, dass Silja Walter auch als Autorin von Kirchenliedern für Aufsehen sorgte. Unmittelbar nach dem II. Vatikanischen Konzil dichtete sie „Eine große Stadt ersteht“, das heute unter der Nummer 642 im Gotteslob zu finden ist: „Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit. Mond und Sonne braucht sie nicht, Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit“. Verse, die eine Heiterkeit des Geistes widerspiegeln, die wohl nicht nur dem „aggiornamento“ geschuldet war, sondern auch Walters Wesensart. Wo zu Beginn von Walters Klosterleben noch Pflichterfüllung und Normengläubigkeit den monastischen Alltag prägten, pries sie die festlichen Seiten des Katholizismus. Das Schöne. Das Tanzbare.

In der Metapher des Tanzes, die sich so oft in Walters Schaffen findet, drückt sich vielleicht am besten ihr Glaubens- und Lebensbild aus. Der Tanz bedeutete für Silja Walter Auferstehung, Freiheit, aber auch Choreographie und Einordnung in das liturgische Regelwerk. Gut nachzulesen in ihrem Werk „Der Tanz des Gehorsams oder die Strohmatte“, in welchem sie ihre monastische Lebensform literarisch zu deuten versuchte. Aber auch in Werken wie „Ruf und Regel“ und „Er pflückte sie vom Lebensbaum“ thematisierte und meditierte Silja Walter ihre Erfahrungen mit der Regel des Hl. Benedikt.

In diesen Büchern, aber auch in ihrer Autobiographie „Dreifarbenes Meer – Meine Heilsgeschichte“, die vor zwei Jahren erschien, erkennt man eine Künstlerin, die sozusagen vom Alltag des Klosters geschliffen wurde. Mag zu Beginn ihres geistigen Weges auch ein Naturereignis gestanden haben, der sich dreifach im Schweizer Schwarzmeer spiegelnde Sonnenaufgang, späterhin konnte sie auch dem nüchternen Sphären, der Routine des Lebens etwas abgewinnen. Als nämlich, wie Silja Walter in ihrer Autobiographie berichtet, ein Pater die Schwestern zu einer Wallfahrt einlud, protestierte sie mit dem Hinweis, dass dieser Ausflug den Schwestern des stabilitas loci nicht erlaubt sei. Sie blieb und viele Schwestern mit ihr.

Anlässlich ihres 90. Geburtstages würdigte Bischof Kurt Koch Silja Walter mit den Worten: „Sie sind für die Kirche zur Quelle sprudelnden Wassers ins ewige Leben geworden.“ Die jetzige Priorin des Klosters Fahr, Priorin Irene Gassmann, ist sicher, dass aufgrund des großen literarischen Werkes „die Quelle weiter fließt“. Poetische Bilder für eine poetisch-gläubige Nonne.

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