Pilgern auf den Wegen der Schönheit

Die Volksfrömmigkeit ist ein Motor der Neuevangelisierung: Warum wir die falsche Scheu vor Devotionalkopien ablegen sollten. Von Prälat Wilhelm Imkamp
Foto: KNA | Der Verdacht auf Kitsch greift in den Augen des Volkes zu kurz. Die gekrönte Madonna gegenüber der Rosenkranzbasilika von Lourdes zieht jeden Tag Beter an.
Foto: KNA | Der Verdacht auf Kitsch greift in den Augen des Volkes zu kurz. Die gekrönte Madonna gegenüber der Rosenkranzbasilika von Lourdes zieht jeden Tag Beter an.

Die Frage nach dem Schönen führte zur „Ästhetik“, die zum philosophischen Modefach im 19. Jahrhundert avancierte. Der wohl berühmteste deutsche Maler der Gegenwart, Gerhard Richter, hat in einem seiner seltenen Interviews ironisch darauf hingewiesen, dass der Begriff der Schönheit heikel geworden sei, ja: „Die ist ja überhaupt ganz anrüchig. Dabei streben wir sie an, wo immer wir können“. Für den großen Künstler gilt: „Es ist diese elementare Schönheit, die das Leben ermöglicht und erhält. Sie gibt Hoffnung, weil sie jene von allen angestrebte, konstruktive andere Seite ist, die der Intaktheit, Unversehrtheit, Gesundheit, der Freiheit und Lebendigkeit. Sie umfasst alles, was gut und somit auch schön ist.“

Die Reflexion über Schönheit, Wahrheit und Gutheit gehört zu den Themen der Gotteslehre und findet sich in allen theologischen Schulen bis hin zu einer theologisch geprägten Ästhetik, die auch, nachdem die Ästhetik zu einer philosophischen Modedisziplin geworden war, im 19. Jahrhundert bei katholischen Theologen einen breiten Raum einnahm. Charakteristisch für die katholische Ästhetikrezeption war ein sehr konkreter Praxisbezug.

Die Schönheit konnte in der philosophischen Gotteslehre, aber auch unter „de Deo Deique proprietatibus“ theologisch behandelt werden. Bei der theologischen Reflexion über die Schönheit wurde in der Regel auf die philosophischen Voraussetzungen ausdrücklich hingewiesen. Die Reflexion stand zwar nicht im Zentrum, aber sicherlich auch nicht am Rande der theologisch-philosophischen Gotteslehre, wie manchmal behauptet wird. Die theologische Reflexion über die Schönheit Gottes entfaltet eine mariologische Relevanz, denn das „Pulchrum integrum“ erscheint nicht nur in Gott und im Menschgewordenen, sondern auch in Maria, worauf schon der Dominikaner Reginald Garrigou Lagrange OP in seinen Schriften hinweist.

Papst Benedikt XVI. hat in dieser Linie die christologische Grundlegung der Schönheit Mariens präzise formuliert: „Meine Lieben, in Maria, der Unbefleckten Empfängnis, betrachten wir den Abglanz der Schönheit, die die Welt rettet: die Schönheit Gottes, die auf dem Antlitz Christi erstrahlt. In Maria ist diese Schönheit ganz rein, demütig, frei von jeglichem Stolz und aller Eitelkeit. So ist die Jungfrau vor 150 Jahren in Lourdes der heiligen Bernadette erschienen, und so wird sie in vielen Heiligtümern verehrt“ (Angelus, 8. Dezember 2008).

Der Papst führt hier einen mariologischen Gedanken weiter, den er schon im gleichen Jahr bei seiner Begegnung mit dem Klerus von Brixen am 6. August 2008 geäußert hatte. Er spricht dort vom Logos, „der Liebe ist und daher ein solcher, der sich in der Schönheit und in der Güte ausdrückt, und in der Tat, ich habe einmal gesagt, dass für mich die Kunst und die Heiligen die größte Apologie unseres Glauben sind. […] Ohne einen Grund, der wirklich die schöpferische Mitte der Welt aufdeckt, kann solche Schönheit nicht entstehen.“ Für Benedikt ist die christliche Kunst rationale Kunst, „sie ist künstlerischer Ausdruck einer weit gewordenen Ratio, in der Vernunft und Herz sich miteinander berühren, und darum geht es; das denke ich, ist irgendwie der Wahrheitsbeweis des Christentums: Dass Vernunft und Herz zueinander finden, dass Schönheit und Wahrheit einander berühren, und je mehr wir selber aus der Schönheit der Wahrheit leben, desto mehr wird der Glaube auch in unserer Zeit wieder kreativ werden und sich in einer überzeugenden künstlerischen Gestalt ausdrücken können.“

Dabei ist dem Papst natürlich bewusst, dass die Ästhetik unseres Glaubens letztlich vom Kreuz bestimmt ist. Glauben heißt für Benedikt XVI. daher auch verwundet sein vom Pfeil des Schönen, es geht um die „Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit als wahre Weise der Erkenntnis“. Deutlich sieht der Papst, dass damit eine konkrete Aufgabe für die Seelsorge verbunden ist, „die den Menschen wieder die Begegnung mit der Schönheit des Glaubens vermitteln muss“. Seltener und wenn, dann häufig mit eher abwertend-kritischem Unterton, wird die Frage nach dem Schönen in theologischen Reflexionen zur Volksfrömmigkeit behandelt. Sie war Forschungsobjekt vor allem der Volkskunde und kam in der Pastoraltheologie kaum vor. Inzwischen scheint auch hier ein Wandel absehbar: Mit dem Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie erfolgt eine lehramtliche Aufwertung der Volksfrömmigkeit, die in dem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (EG) von Papst Franziskus noch einmal eine erhebliche Steigerung erfährt: Volksfrömmigkeit ist „ein authentischer Ausdruck des spontanen missionarischen Handelns des Gottesvolkes. Es handelt sich dabei um eine in fortwirkender Entwicklung ergriffene Wirklichkeit, in der der Heilige Geist Protagonist ist“ (Nr. 122). Der Papst fasst seine Äußerungen zur Volksfrömmigkeit zusammen: „Da die Volksfrömmigkeit Frucht des inkulturierten Evangeliums ist, ist in ihr eine aktiv-evangelisierende Kraft eingeschlossen, die wir nicht unterschätzen dürfen. Andernfalls würden wir die Wirkung des Heiligen Geistes verkennen. Wir sind vielmehr aufgerufen, sie zu fördern und zu verstärken, um den Prozess der Inkulturation zu vertiefen, der niemals abgeschlossen ist. Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit haben vieles, das sie uns lehren können und für den, der im Stande ist, sie zu deuten, sind sie ein theologischer Ort. Diesem sollten wir Aufmerksamkeit schenken, besonders im Hinblick auf die neue Evangelisierung“ (Nr. 126). Lorenzo Baldisseri führt diese ausführliche Würdigung auch auf die pastorale Erfahrung des Papstes zurück: „Dieser pastoralen Erfahrung ist auch der breite Raum zu verdanken, der der Volksfrömmigkeit gewidmet wird, welche die Bischöfe in Lateinamerika und der Karibik auch ,Volksspiritualität‘ oder ,Volksmystik‘ nennen. Es handelt sich um eine wahre ,in der Kultur der Einfachen verkörperte Spiritualität‘“ (Nr. 124).

Die Frage nach dem Schönen stellt sich in der Wallfahrtsseelsorge im Hinblick auf die sogenannten „Devotionalkopien“. Als wertvolle Orientierungshilfe erweist sich dabei die Ansprache Papst Paul VI. vor dem siebten mariologisch-marianischen Kongress am 6. Mai 1975. Wir folgen Papst Paul VI. auf den Wegen der Schönheit, die angesichts der Reflexionen zur zeitgenössischen Kunst von einer überraschenden Aktualität sind. Paul VI. stellt die Frage, wie man heute dem christlichen Volk Marienverehrung nahebringen könne. Seine Antwort: „Zwei Wege können hier verfolgt werden. Der Weg der Wahrheit, das heißt vor allem der biblisch-historisch-theologischen Spekulation, die sich mit der genauen Stellung Marias im Geheimnis Christi und der Kirche befasst: Dies ist der Weg der Gelehrten, der Weg, den Ihr verfolgt, der sicherlich notwendig ist und der die mariologische Lehre fördert. Doch darüber hinaus gibt es auch einen Weg, der für alle, auch für die einfachen Menschen zugänglich ist: Es handelt sich um den Weg der Schönheit, zu dem uns am Ende die geheimnisvolle, wunderbare und großartige Lehre führt, die das Thema des Kongresses bildet: Maria und der Heilige Geist. Maria ist das Geschöpf, das ,tota pulchra‘ ist; sie ist der ,speculum sine macula‘; sie ist das höchste Ideal der Vollkommenheit, das die Künstler zu allen Zeiten in ihren Werken darzustellen versucht haben; sie ist ,eine Frau, mit der Sonne bekleidet‘ (Offb 12, 1), in der die reinsten Strahlen menschlicher Schönheit auf die höheren, aber zugänglichen der übernatürlichen Schönheit treffen.“

Paul VI. unterscheidet zwei Wege, den Weg der Wahrheit und den Weg der Schönheit. Der Weg der Schönheit ist dabei nicht nur einer gelehrten Geschmackselite, sondern gerade auch den einfachen Menschen zugänglich. Und an dieser Stelle benennt der Papst dann die Gottesmutter mit dem Hohelied 4, 7 „tota pulchra“. Etwas zeitverzögert löste dieser Hinweis des Papstes eine erhebliche Wirkung aus: Die „via pulchritudinis“ und ihre Bedeutung für die Mariologie wird mit großer Intensität diskutiert. Die Theologie beschäftigte sich mit der Frage nach der Schönheit häufig im Kontext der Exegese des Hohenliedes und dessen marianisch-mariologischer Interpretation, die dann auch ihr Echo in den Dokumenten des päpstlichen Lehramtes fand. Mit der Zitierung von Hohelied 4, 7 stellt sich Paul VI. in den Traditionsstrom marianischer Hohelieddeutung. Die Schönheit Mariens wurde nämlich vor allem in der mariologischen Deutung des Hohenliedes besungen. Spätestens seit Rupert von Deutz OSB, dem „genialen Bahnbrecher der marianischen Interpretation auf dem Festland“, wurde das Hohelied zunehmend häufiger auch auf die Gottesmutter bezogen, denn eine Exegese, die im Hohenlied „einfach nur ein historisches Dokument über die hochzeitlichen Gepflogenheiten oder die Liebeslieder des hebräischen Volkes“ (Kardinal Gianfranco Ravasi) sieht, bleibt in Plattitüden stecken: „Das Hohelied, das Liebeslied schlechthin, ist also besonders das Lied von Maria“, unterstrich der französische Theologe Henri de Lubac.

Die marianische Deutung des Hohenliedes ist stark von der Liturgie abhängig, wie sich ganz besonders auch in der Entwicklung des Festes der Unbefleckten Empfängnis zeigt. Im Offizium dieses Festes findet Hohelied 4, 7 in der ersten und zweiten Vesper und ebenso in den Laudes Verwendung. Als aus dem „Breviarum Romanum“ die „Liturgia Horarum“ wurde, blieb dieser Vers als erste Antiphon zur zweiten Vesper erhalten.

Ein Meilenstein auf dem „Weg der Schönheit“ ist in der Bulle „Ineffabilis Deus“, mit der der selige Pius IX. am 8.12.1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündete, erreicht. Der Begriff „pulchritudo“ durchzieht das ganze Dokument. Die Schönheit Mariens ist von dogmatischer Relevanz. Schriftauslegung, Liturgie, mystische Versenkung und theologische Reflexion stellen diese Schönheit gerade mit dem Hohelied besonders heraus. Diese marianische Symphonie über die Schönheit findet natürlich einen großartigen Widerhall in der Kunst, die so wiederum zu einem „locus theologicus“ werden kann.

Der Weg der Schönheit, den Papst Paul VI., ein Kenner und Sammler zeitgenössischer religiöser Kunst, aufzeigt, ist hier der Weg der Volksfrömmigkeit, die durch das „Direktorium der Volksfrömmigkeit und der Liturgie“ eine erhebliche Aufwertung gefunden hat. Die konkrete bildliche Gestaltung der „Gefühlsschwingungen“ wird aber immer noch sehr schnell von einer ästhetisierenden theologischen „Geschmackselite“ als „Devotionalienkitsch“ abqualifiziert; dabei werden Lourdesmadonnen häufig als Paradebeispiel für Devotionalienkitsch präsentiert.

Dabei hatte die Verehrung der „tota pulchra“ mit den Erscheinungen von Lourdes einen kräftigen Schub erfahren. Die Erscheinung setzt die „unbefleckte Empfängnis“ sehr emotional ins Bild, und zwar auch gerade für Menschen mit einfacher Bildung. Die Statue Unserer Lieben Frau von Lourdes, die der Akademiekünstler Joseph Hugues Fabisch (1812–1886) nach langen Gesprächen mit der heiligen Bernadette Soubirous schuf, wurde zum „Exportschlager“, wie die vielen Lourdesgrotten gerade in Deutschland und dort besonders im Süden zeigen, und damit wird auch die erhebliche emotionale Wirkung deutlich: „Welche Wirkkraft das Bild von Grotte und fließendem Wasser hat, zeigt auch die Entstehung unzähliger Lourdesgrotten landauf und landab. Wo immer in katholischen Gegenden sich geeignete Naturgegebenheiten dafür finden. Sie sind Orte der Volksfrömmigkeit und eines lokalen Pilgerwegs, der voller Devotion begangen und oft liebevoll gepflegt wird. Freilich ist auf diesem Hintergrund in Lourdes die erschienene Jungfrau selbst zum Lebensquell geworden, wie es alten Traditionen der Marienverehrung entspricht“, schrieb Ulrich Bernauer in seiner tiefenpsychologischen Deutung des Geschehens in Lourdes.

Viele schon seit Jahrhunderten bestehende Wallfahrtsorte wurden um eine Lourdesgrotte reicher. Damit war gerade auch im deutschen Sprachraum eine Verstärkung des katholischen Selbstbewusstseins verbunden: Deutsche Nationalisten errichteten Bismarck-Türme. Deutsche Katholiken bauten Lourdesgrotten.

Dieser Prozess der „Kultfiliation“ ließ viele „Sekundärheiligtümer“ entstehen. Ein Prozess, der, wenn man zum Beispiel an die Verehrung des Heiligen Grabes und des Loreto-Hauses denkt, deutlich zeigt, dass die Lourdesgrotten in der katholischen Tradition der „Kultfiliation“ stehen. Damit wird gleichzeitig und untrennbar die Möglichkeit des Ersatzes einer Fernwallfahrt und eine Anregung zu einer ebensolchen geboten. Dabei kommt der Statue „Unserer Lieben Frau von Lourdes“ eine erhebliche Bedeutung zu. Gerade die serielle maschinelle Massenproduktion hat zu heftiger Kritik auch im katholischen Bereich geführt: „Die Fabisch-Statue bot eine erste Vorlage für zahlreiche Repliken, jedoch hatten die bis heute verbreiteten Kopien bald größere Ähnlichkeit mit der im Jahr 1876 gekrönten Madonnenstatue, die auf dem Platz vor der Kirche des Heiligtums steht“, so Andreas J. Kotulla in „Lourdes und die deutschen Katholiken. Ja, die Lourdes-Muttergottes wurde zu einer gewissen Verlegenheit. Die ökonomischen Begleiterscheinungen wurden ständig wiederholt und waren ein entscheidender Kritikpunkt. Dabei war gerade der wirtschaftliche Kollateralnutzen ebenso verdächtig wie der künstlerische Wert der Fabisch-Statue und vor allem dann die massenhafte Verbreitung der entsprechenden Repliken.

Letztlich geht es um die Frage nach der Legitimität einer via pulchritudinis für Menschen in bescheidenen Lebensverhältnissen. Susan Sontag hat sehr zu Recht festgestellt: „Die interessanteste und schöpferischste Kunst der Gegenwart ist dem durchschnittlich Gebildeten nicht zugänglich, sie fordert eine spezifische Leistung, sie spricht eine spezialisierte Sprache.“ Damit wären breite Schichten gar nicht mehr fähig, Kunst wahrzunehmen. Deshalb kommt Sontag zu der überzeugenden These: „Die Unterscheidung von ,hoher‘ und ,niederer‘ Kultur beruht zum Teil auf der unterschiedlichen Bewertung von einmaligen Objekten auf der einen und Massenproduktion auf der anderen Seite. Die Werke der volkstümlichen Kultur dagegen (und selbst der Film wurde lange Zeit dieser Kategorie zugeordnet) galten als wenig wertvoll, weil sie fabrikmäßig hergestellt waren und jeder Individualität entbehrten. Man tat sie als Produkte ab, die von mehreren Leuten für ein undifferenziertes Publikum zusammengebaut wurden. Im Lichte der zeitgenössischen Tendenzen in den Künsten jedoch entpuppt sich eine solche Unterscheidung als sehr oberflächlich.“

Diese Oberflächlichkeit führt in der Reflexion über Mariendarstellungen schnell zur abwertenden Deutungstrias Kunsthandwerk, Frömmigkeit, Kitsch. Doch kann in Devotionalkopien Religiosität im Alltag präsent sein. Diese Präsenz ohne Angst vor Schönheit, Kitsch und Frömmigkeit ist Ziel der „via pulchritudinis“. Kultfiliation und Sekundärheiligtümer sind authentischer Ausdruck einer pastoralen Devotionsästhetik.

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24.09.2021, 10 Uhr
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