Piazza Navona mal von unten

Wenn ein Eis zum Abkühlen nicht mehr reicht, hilft nur noch der Abstieg in Roms Antike. Von Natalie Nordio
Foto: Nordio | Unter der Piazza Navona in Rom sind Reste der römischen Antike freigelegt.
Foto: Nordio | Unter der Piazza Navona in Rom sind Reste der römischen Antike freigelegt.

Wer kennt sie nicht, die Piazza Navona mitten im Herzen von Roms Altstadt. Weltberühmt und wunderschön lockt das Paradebeispiel barocker Architektur Tag für Tag Besucherscharen aus aller Welt an, die in einem der Cafés oder Restaurants, oder auch von einer der zahlreichen Sitzbänke aus sofort von dem kunterbunten Treiben in Bann gezogen werden. Unzählige Maler und Künstler stellen hier ihre Werke aus, in der Hoffnung, das ein oder andere an den Mann oder die Frau zu bringen. An allen Ecken und Enden geben Musiker ihr Können zum Besten und Straßenkünstler unterhalten die Menge mit kleinen Tricks und Kunststücken. Überall wimmelt und vibriert es. In der Adventszeit findet auf der Piazza Roms Weihnachtsmarkt statt und am 6. Januar kommen Eltern mit ihren Kindern hierher, um das Fest der Befana zu feiern, eine Art Hexe, die auf der Suche nach dem Jesuskind auf einem Besen von Haus zu Haus fliegt und braven Kindern Geschenke bringt und weniger brave straft. Schon im späten fünfzehnten Jahrhundert hatte Papst Sixtus IV. den täglichen Markt vom Kapitolsplatz an die Piazza Navona verlegt, wo er eine ganze Zeit blieb, bis man schließlich entschied, den unweit entfernten Campo de' Fiori zum endgültigen Marktplatz zu machen.

Sein barockes Aussehen verdankt der Platz dem Bestreben der Familie Pamphilj. Mit der Wahl Giovanni Battista Pamphiljs zum Papst, der als Innozenz X. von 1644 bis 1655 regierte, stieg die Familie zur wichtigsten Roms auf; vor allem der ehrgeizigen Schwägerin des Papstes, Olimpia Maidalchini, war sehr daran gelegen, der Familie nun ein standesgemäßes Domizil zu schaffen. Große Künstler wurden mit den Baumaßnahmen rund um den Platz betraut: Girolamo und Carlo Rainaldi ebenso wie Borromini und natürlich allen voran Gianlorenzo Bernini. Ihn beauftragte die Familie mit dem Bau eines großen Brunnens auf der Mitte des Platzes. Heute ist Berninis Vierströmebrunnen, auf dem Donau, Nil, Ganges und Rio de la Plata in Gestalt kolossaler Flussgötter sitzen, das Wahrzeichen der Piazza Navona.

Eines fällt jedoch beim Betreten des Platzes sofort ins Auge, seine ungewöhnliche Form. Langgezogen und an dem einen Ende abgerundet, an dem anderen gerade. So gleichen die Häuserfassaden der umliegenden Palazzi fast einer Rennbahn. Mit dieser Vermutung kommt man der Wahrheit schon recht nah. Denn tatsächlich hatte sich hier an Ort und Stelle vor etwa zweitausend Jahren einen Stadion befunden. Da die umliegenden Gebäude schon im Mittelalter die antiken Unterbauten als Fundament benutzt haben, hat sich die Form über die Zeit hinweg bis heute erhalten. Ein wichtiges Indiz, das direkt in die römische Antike und das Kaiserreich weist, liefert der Name eines Cafés an einer der Längsseiten des Platzes: das „Caffe Domiziano“. Zwar wird vermutet, Caesar hätte bereits im ersten vorchristlichen Jahrhundert hier ein provisorisches Stadion für Sportwettkämpfe errichtet, doch erst unter Kaiser Domitian bekam die Arena ihre monumentale Form.

Erst seit wenigen Monaten können Besucher nun zum ersten Mal die Reste des Stadions des Domitian besichtigen. Am nördlichen Ende der Piazza Navona, in der Via di Tor Sanguinia, befindet sich der Eingang zu den Ausgrabungen. Von einem kleinen Empfangsraum mit Bookshop geht es über einige Treppenstufen hinunter in die römische Antike. Wohin das Auge blickt erwarten die Besucher meterhohe Ziegelsteinmauern. Reste gewaltiger Torbögen und Durchgänge bilden ein antikes Mauerlabyrinth und sogar einige Treppenstufen von einem der Aufgänge in die oberen Sitzbereiche des Stadions sind erhalten geblieben. Sanierungsarbeiten an einem der Palazzi unweit der Piazza in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachten eher zufällig als gewollt, wie so oft in Rom, diesen Sensationsfund ans Licht. Zwischen den Ziegelsteinmauern ist in einer Ecke ein Modell des ursprünglichen Stadions zu sehen. 275 Meter lang und 106 Meter breit bot die Sportarena etwa dreißigtausend Zuschauern Platz. Domitian hatte von seinem Vater Vespasian und seinem älteren Bruder Titus, den Erbauern des Kolosseums, so einiges in der Bauweise übernehmen können. So weist sein um 86 nach Christus eröffnetes Stadion starke Ähnlichkeit mit dem nur wenige Jahre zuvor fertiggestellten Amphitheater auf. Über zwei Stockwerke erstreckte sich der Bau. Das äußere Gemäuer des unteren Stockwerks wurde von massiven Arkadenbögen aus Travertin gebildet, während für die Treppenaufgänge und Unterbauten der Tribünen im Inneren mit dem günstigeren und leichter zu verarbeitenden Ziegel Vorlieb genommen wurde. Es war das einzige Stadion aus Stein seiner Art, denn nicht etwa Wagenrennen oder Gladiatorenkämpfe fanden in diesen Mauern statt, sondern athletische Wettkämpfe nach griechischem Vorbild, wie jene von Olympia. Die Tradition der „Certamen Capitolino Iovi“, die Spiele zu Ehren des Jupiter Capitolinus, die es bereits unter Kaiser Augustus gegeben hatte, führte Domitian mit dem Bau des Stadions fort. Besonders große Bedeutung kam hierbei dem Wettlauf zu, der das Herzstück einer jeden Veranstaltung bildete. Beim römischen Volk waren die Agonen, vom Griechischen „agon“, das so viel bedeutet wie Wettstreit, nicht sonderlich beliebt, stand hier doch eher die sportliche Leistung im Vordergrund und nicht das blutrünstige Abschlachten des Gegners wie bei den Gladiatorenkämpfen im Kolosseum. Durch das große Dachfenster aus Glasbausteinen fällt Tageslicht auf die antiken Ruinen und verleiht den Ausgrabungen eine Art Loft-Charakter. Zahlreiche Skulpturen haben Domitians Sportarena geschmückt, von denen einige zwischen den einzelnen Mauern und Bögen stehen.

Das mit Abstand schönste Beispiel ist zweifellos der Torso des Sonnengottes Apoll, eine römische Kopie der Bronzeplastik des berühmten griechischen Bildhauers Praxiteles aus pentelischem Marmor. Immer wieder illustrieren Schautafeln und Kurzfilme, wie die Wettkämpfe sich zugetragen haben, worauf es bei den einzelnen sportlichen Disziplinen ankam und geben Antworten auf Fragen zur Bauweise und Geschichte des Orts. Wie nah sich modernes und antikes Rom sind, wird besonders schön an dem großen Travertinbogen deutlich, der sich am Ende der Ausgrabungen befindet. Gewaltig erhebt sich der Bogen und gibt den Blick auf das heutige Straßenniveau und das hektische Treiben der Stadt frei. Busse fahren quietschend vorbei und Touristengruppen hetzen von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Aber nur wenige bleiben stehen und blicken hinab auf das große Eingangstor in die Antike.

Wem ein Eis auf der Piazza Navona – deren Name weit antiker ist als zu vermuten wäre, leitet er sich doch von den hier abgehaltenen Agonen, den Wettkämpfen, ab – in den heißen Sommermonaten nicht die erhoffte Erfrischung bietet, der sollte unbedingt die wenigen Meter um die Ecke biegen und sich eine halbe Stunde zwischen den stets kühlen Gemäuern im Stadion des Domitian nicht nur abkühlen, sondern auch mit vielen neuen Eindrücken eindecken.

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