Feuilleton

Paul Claudel: Himmel und Erde berühren sich in Versen

Wiederentdeckungen zu Paul Claudel in der „Kleinen Bibliothek des Abendlandes“. Von Urs Buhlmann
Paul Claudel
Foto: IN

Noch Ende der 1960er Jahre wurden seine Stücke an deutschen Theatern aufgeführt, die Kriegsgeneration konnte mit dem Gedanken der Aufopferung um eines höheren Zielen wegen etwas anfangen. Paul Claudels (1868–1955) Wirksamkeit lag aber zwischen den beiden Kriegen, der Zeit, in der er in seinem „Brotberuf“ Frankreich als Botschafter, unter anderen in Japan, den USA und Belgien, diente. Der Sohn einer Provinzfamilie aus der Champagne erlebte nach religiöser Gleichgültigkeit in der Jugend seine Konversion, als er – nur wegen der Musik – an der Weihnachts-Vesper 1886 im Pariser Dom Notre Dame teilnahm. „In einem Augenblick wurde mein Herz berührt und ich glaubte.“

Es wurde ihm die Gnade zuteil, bis ans Ende seines Lebens an diesem Glauben nicht mehr zu zweifeln. Das dichterische Werk, stilistisch stark von Rimbaud und den Symbolisten geprägt, war steter beruflicher Beanspruchung abgerungen. Gegen den Materialismus empfand er die Religion als Gegengewicht, wollte den Menschen von Gottes unendlicher Liebe zur Welt und zu ihnen künden, „alle Wesen in Gott zu einen“ (5. Ode). Im Prozess einer künstlerischen Emanzipation gelang es ihm, das französische Drama aus den Fesseln des vorherrschenden alexandrinischen Versmaßes zu befreien. Doch nahm er wenig Rücksicht auf das Publikum, bis zu sechs Stunden kann die ungekürzte Aufführung seines Hauptwerkes „Der seidene Schuh“ (1925) dauern. In diesem wie in „Mariä Verkündigung“ (1912) spielt er die von Calderón her bekannte Diesseits-Jenseits-Spannung in gegenseitiger Durchdringung durch, jeweils um eine Märtyrer-Legende herum. Die Seelenabgründe der Frau, bis in die Stadien der Hysterie, werden nicht tiefenpsychologisch im Sinne Siegmund Freuds enträtselt, sondern metaphysisch eingebettet und aufgehoben. Wegen seiner politisch klar auf der rechten Seite angesiedelten Ansichten, aber auch, weil seine schwere Sprache zunehmend altmodisch wirkte, geriet der zu Lebzeiten sehr geachtete und hoch geehrte Claudel in den letzten Jahrzehnten aus dem Blick. Heute sind es eher junge Dichter als das Massen-Publikum, die sich von ihm inspirieren lassen. Eine Wiederentdeckung zweier zentraler Texte ermöglicht der in der wertvollen Reihe „Kleine Bibliothek des Abendlandes“ des Heiligenkreuzer Be & Be-Verlages veröffentlichte Band mit dem „Kreuzweg“ von 1911 und eben dem gewaltigen mittelalterlichen Mysterienspiel „Mariä Verkündigung“ in der Übersetzung von Hans Urs von Balthasar. Man kann nicht genug loben, dass den beiden Werken eine „Leselicht“ genannte Einführung vorangestellt ist, ohne die Literatur in derart symbolgeladener Sprache für heutige Leser wohl nur schwer aufnehmbar ist. Noch am ehesten ist dies beim „Kreuzweg“ möglich.

Die Religionsphilosophin Gundula Harand macht auf einen Aspekt der Claudel-Forschung aufmerksam, des Dichters tiefe Verbundenheit mit Natur und Region, dem, was die Franzosen „la France profonde“ nennen: „Die Symbolsprache Claudels entfaltet sich in vielfältigen Bildern von Bäumen, Blumen und Vögeln, die nicht selten an die Heimat der Kindheit erinnern.“ Gott drücke sich in seiner Schöpfung ebenso aus wie in den Büchern der Bibel. Claudel, kein Theologe – er hatte Politikwissenschaft studiert – hatte ein großes Interesse an Thomas von Aquin, den er systematisch gelesen hatte, sowie an den Selbstoffenbarungs-Worten Jesu in den Evangelien. So kann er im „Kreuzweg“ die zentrale Aussage treffen, dass Jesus das Kreuz begrüßt, ja freudig umarmt hat. Harand: „Der Herr nimmt das Kreuz an als Auftrag des Vaters in der Freiheit seines liebevollen menschlichen Willens.“ Claudel findet ein interessantes Bild dafür: „Jesus empfängt das Kreuz, wie wir die heilige Eucharistie empfangen. ,Wir geben ihm Holz für Sein Brot‘, wie es beim Propheten Jeremias heißt.“ In seinen Worten zur 10. Station beschwört der Dichter die Not und äußerste Verlassenheit des Gottessohnes, die mit ihm auch alle, die an Jesus glauben, mit der Versuchung der Sinnlosigkeit konfrontiert: „Sie haben alles genommen. Aber es bleibt das scharlachfarbene Blut. Sie haben alles genommen. Aber es bleibt die aufbrechende Wunde. Sie haben alles genommen. Aber es bleibt der Mann der Schmerzen. Gott ist verborgen. Es bleibt mein Bruder voller Tränen.“

Doch lehrt uns Claudel darauf zu vertrauen, dass das Leiden des Unschuldigen Erlösung schafft (12. Station): „Leise bewegt sich das große Kreuz in der Nacht. Ein Gott atmet darauf. Alles ist da. Lasst nur das Werkzeug wirken.“ Die hier unmittelbar zugängliche Sprache des Dichters, die verknappte Form der Darstellung – Paul Claudels Kreuzweg könnte jederzeit an einem Karfreitag oder in der Fastenzeit kirchlich nutzbar gemacht werden. Sperriger ist dagegen das im französischen Mittelalter zur Zeit der Jeanne d' Arc angesiedelte Versdrama um ein junges Bauernmädchen, das sich mit Lepra infiziert und seiner Familie entfremdet. Im geduldigen Aushalten des Leides sah Claudel eine Parallele zum Schicksal der Gottesmutter. Veit Neumann, der St. Pöltener Pastoraltheologe und bewährte Kenner des „Renouveau catholique“, weist im „Leselicht“ darauf hin, dass in dem Moment, in dem die Heldin der bösen Schwester vergibt, das Angelusläuten zu vernehmen ist: „Als Symbol ruft das Läuten den Zentralaspekt, die Verkündigung, auf: l' Annonce faite a Marie?“. Er berichtet von der deutschen Erstaufführung 1913 in Dresden-Hellerau: Martin Buber, Franz Werfel, Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salomé, Max Reinhardt, Annette Kolb, der Jugendstil-Künstler Henry van de Velde saßen mit dem Autor im Zuschauerrund, zugleich eine der letzten Kundgebungen deutsch-französischer Verbundenheit und Geistigkeit vor der im nächsten Jahr hereinbrechenden Katastrophe. Claudel selber war überzeugt davon, durch Stücke wie „Mariä Verkündigung“ Anteil zu haben an der Sendung der Kirche. Er sprach sich selbst und den Dichter-Kollegen des „Renouveau catholique“ die Aufgabe zu, „einen Teil der Pollen aufzunehmen, um sie auf andere Stempel zu übertragen“. Neumann sieht bei dem Franzosen das „Bekenntnis jenseits dogmatischen Zuganges, nicht aber ohne einen solchen“. Offenbar gab es damals auch die Bereitschaft größerer Teile der Öffentlichkeit, Kunst, die ihre Konfessionalität nicht verleugnet, wahrzunehmen und aufzunehmen. Auch ein Thomas Mann, intellektuell ganz anders gestrickt, gehörte zu den Verehrern der Claudelschen Kunst. Heute dürfte eine ähnliche Offenheit kaum noch aufzufinden sein.

Doch lädt die Begegnung mit den freien Versen Paul Claudels und seiner archaischen Bilderwelt dazu ein, dem Wirken Gottes in dieser Welt auf die Spur zu kommen. Man darf darauf gespannt sein, was die Herausgeberinnen der „Kleinen Bibliothek des Abendlandes“, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Gudrun Trausmuth, für die Zukunft planen.

Paul Claudel: Kreuzweg – Mariä Verkündigung. Kleine Bibliothek des Abendlandes, hrsg. von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Gudrun Trausmuth, Be & Be-Verlag, Heiligenkreuz 2018, 345 Seiten, ISBN 978-3-903118-54-6, EUR 19,90

 

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