Paradies Babel oder: Wider den drohenden Sprachverlust

Sprachliche Ungenauigkeiten können, auch wenn sie nicht beabsichtigt sind, leicht zu einer Veränderung der Wirklichkeit führen. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Der Turm von Babel, wie Pieter Bruegel der Ältere ihn sah.
Foto: IN | Der Turm von Babel, wie Pieter Bruegel der Ältere ihn sah.

Keine Frage, die Lage war ernst damals, am Fuße des Turmes zu Babel, als plötzlich einer den anderen nicht mehr verstand. Die Verwirrung, die sich unweigerlich unter den Menschen ausbreitete, die zusammengekommen waren, um ihr höchsteigenes Schöpfungswerk zu bewundern, ist nur zu verständlich. Denn die lingua franca, das allgemeine Kommunikationsinstrument, war ihnen abhandengekommen. Dennoch war der Gesprächsfaden nicht völlig abgerissen, gab es doch genügend Menschen, die eine oder mehrere der vielen Sprachen beherrschten.

Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt. An die babylonische Grundstimmung, die Sprachenvielfalt, haben wir uns seit langem gewöhnt. Gefahr droht nun plötzlich aus einer ganz anderen Richtung. Denn wir drohen, schleichend aber scheinbar unaufhaltsam, unserer eigenen Sprache verlustig zu gehen.

Einige Beispiele: Die allgegenwärtige Griechenlandkrise kann ebenso wie der Schuldenstreit laut unverwüstlichen Optimisten wie Jean-Claude Juncker gelöst werden. Das klingt hoffnungsvoll, ist aber leider falsch und das liegt nicht an der regierenden Koalition aus Linken und extremen Rechten, sondern daran, dass man zwar einen Knoten lösen und einen Streit schlichten, eine Krise aber allenfalls bewältigen kann. Das scheint spitzfindig, ist sprachlich gesehen aber korrekt und darüber hinaus leider nur die Spitze des Eisbergs. Wer in Deutschland einen Bankautomaten bedient, um, was bei uns gottlob ja täglich möglich ist, Geld abzuheben, erhält die Auskunft: Ihr Vorgang wird bearbeitet. Korrekt wäre hier die Aussage: Ihr Auftrag wird ausgeführt. Denn eine Bearbeitung bedeutet immer eine Veränderung. Es wird aber niemand wollen, dass der Automat eine andere als die Summe ausgibt, die in die Tastatur eingegeben worden ist. Und es wird noch schlimmer. Da gibt es Physiotherapiepraxen, die Handrehabilitationen nach Amputation anbieten. Das ist erheiternd, solange man nicht selbst vom Verlust der Hand betroffen ist und zeigt aber auch, wie weit das Sprachgefühl bereits geschwächt ist, denn das Praxisteam erwies sich als komplett beratungsresistent, als es auf die Inkohärenz hingewiesen wurde. Die freundlichen Therapeutinnen begriffen einfach nicht, was genau an ihrem Schild falsch ist.

Mit dieser Haltung sind sie nicht allein. Wenn man es sich zum Anliegen macht, den Puls der Sprache zu fühlen, stellt man schnell fest, dass deren Lebensfunktionen bereits geschwächt sind. Gleich einem Grauschleier über dem Auge eines Patienten mit Linsentrübung hat sich eine unscharfe Wahrnehmung sprachlicher Strukturen in der Gesellschaft verbreitet. Wer an dieser Stelle zusammenzuckt, dessen Sprachgefühl ist noch in Ordnung, denn dieses bildhafte Wortspiel ist insofern unzulässig, als man einem abstrakten Begriff keine Lebensfunktionen zusprechen kann. Dennoch passiert genau dies allenthalben. Besorgt nehmen wir wahr, wenn die Märkte schwächeln und sind erleichtert, wenn der Dax sich von seinem Fieber erholt, als ob es sich um einen nahen Verwandten oder ein geliebtes Haustier handelt. Das gefährliche dabei ist: Sprache schafft Wirklichkeit. Wer ein Finanzinstitut oder die Märkte wie Lebewesen behandelt, muss sich der Folgen bewusst sein. Lebewesen agieren selbstständig, sie haben einen eigenen Willen und können dazu neigen, Macht auszuüben. Die Verlebendigung der Märkte und des Daxes ist deshalb so fatal, weil ihnen genau diese Macht de facto zukommt. Im Gegensatz zu einem Menschen lassen sie aber nicht mit sich reden. Sie sind keine Partner, mit denen man sich an einen Tisch setzen und Kompromisse aushandeln kann. Ihre Macht ist absolut, weil sie keine Gesprächsrunden besuchen, Supervisionen verweigern, auf Coaching resistent reagieren, per E-Mail nicht erreichbar sind und niemals ans Telefon gehen. Nun wird sich bei näherem Nachdenken jeder bewusst sein, dass die Märkte nicht aus eigener Machtvollkommenheit handeln. Ihr scheinbar unbegrenzter Einfluss speist sich vielmehr aus dem Machtwillen derjenigen Menschen, die über dieses anonyme Instrument ihre Interessen vertreten. Die aber wollen lieber ungenannt bleiben, um sich der Ansprechbarkeit zu entziehen. Wer dies ändern will, sollte mehr Wert auf sprachliche Genauigkeit legen.

Das fängt schon im Kindergarten an und zwar nicht bei den Kleinen. Die orientieren sich nämlich an der Sprache der Erzieherinnen. Wenn die aber Sätze wie „Du tust das jetzt ausmalen“ formulieren, muss man sich nicht wundern, wenn die Lehrer in der Grundschule Korrekturbedarf sehen. Wenn sie den Fehler bemerken. Denn auch manch ein Pädagoge ist unterdessen ein Opfer der sprachlichen Unschärferelation geworden. Dabei kann man sich über mangelndes Bewusstsein für das Thema Sprache nicht beklagen. Im Bayerischen Rundfunk, dessen Informationskanal übrigens, wie der aufmerksame Hörer schnell bemerken wird, eine doppelt so hohe Formulierungsfehlerquote aufweist wie der Deutschlandfunk, bemüht man sich beispielsweise um eine kreative, faire und geschlechtergerechte Sprache. In dem zu diesem Thema erstellten Leitfaden wird die Gendergerechtigkeit so zielführend behandelt, dass das männliche Geschlecht, von der weiblichen Autorin dieser Zeilen zutiefst bedauert, komplett auf der Strecke bleibt. In einer alltagstauglichen, gut les- und hörbaren Sprache haben männliche Endungen keinen Platz mehr. Der Teilnehmergebühr wird zugunsten der Teilnahmegebühr ebenso das Aus erklärt wie den Feuerwehrmännern, die durch Einsatzkräfte der Feuerwehr ersetzt werden müssen. Aus Experten werden Fachleute und illegale Migranten dürfen ab sofort nur noch illegalisiert oder irregulär sein.

Unbeantwortet bleibt in der Broschüre „Faire Sprache“, wer diese verklausulierten Formulierungen noch verstehen soll. Denn leider verstärkt das, was hier unter dem Aspekt der Fairness und Gendergerechtigkeit propagiert wird, den Grauschleier, der ohnehin bereits die Wahrnehmung unserer Sprache trübt. Da ist es dann kein Wunder, wenn (ehemalige) Familienministerinnen wie Christina Schröder ebenfalls dem Genderismus verfallen und vorschlagen, Kinder nicht mehr mit dem Bild eines männlichen Gottes zu indoktrinieren und stattdessen lieber von „das liebe Gott“ zu sprechen, damit der oder die Kleine später selbst ganz eigenständig entscheiden kann, ob er oder sie lieber zu einem Gott oder einer Göttin beten möchte. Wenn das dann noch klappt. Denn es ist zu befürchten, dass der sächliche Gottesbegriff mit der Personalität zugleich auch die Transzendenzwahrnehmung abschirmt.

Auch innerhalb der Kirche selbst ist die Fähigkeit, Sprache korrekt zu verwenden, in vielen Bereichen rückläufig. Der durchaus wohlmeinende Dank an die, um es gendertechnisch korrekt auszudrücken, Kirchenmusikausübenden, für die „schöne Umrahmung“ ist allgemein üblich und das, obwohl es sich beim gesungenen Gotteslob nicht um Umrahmung, mithin etwas nett Schmückendes, aber durchaus Entbehrliches, sondern vielmehr um Verkündigung handelt. Die Entwicklung geht aber noch weiter. In einer katholischen Kirchenzeitung wurde unlängst der gesamte Gottesdienst zum dekorativen Beiwerk erklärt, als der Redakteur in einer Meldung verlauten ließ, das Bistumsjubiläum würde von einem Pontifikalamt umrahmt. Mal ganz abgesehen davon, dass sich – wer mathematisch korrekt denkt – unwillkürlich fragt, wie ein einziger Gottesdienst ein Jubiläum umrahmen könne (dazu benötigte man doch rechnerisch betrachtet mindestens zwei) ist es skurril, zu formulieren, dass eine Eucharistiefeier, mithin das Zentrum des Glaubens, das dekorative Element eines Bistumsjubiläums sein könne.

Bleibt die Frage, worin der allenthalben zu diagnostizierende Sprachverfall seine Wurzeln hat und wie man ihm entgegenwirken könne. Eine mögliche Lösung des Problems kann in der Entschleunigung des Alltags im Hinblick auf den Umgang mit der Sprache bestehen. Wer weniger twittert und mehr schweigt, lernt unweigerlich genauer hinzuhören. Der Vorteil einer solchen Lebenshaltung liegt auf der Hand, sie bietet Orientierung, denn, wie die Regel Benedikts zu Recht betont: Der Schwätzer hat keine Richtung auf Erden.

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16.09.2021, 13 Uhr
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