Papier ist ungeduldig

Die Geschichte des Papiers ist mehrere tausend Jahre alt. Nachrichten behielten für Generationen ihren Wert. Heute werden wir von einer Informationsflut überspült, und wie es scheint, kann das Papier den flackernden Bildschirmen und Displays kaum standhalten. Von Burckhardt Gorissen
Foto: dpa | Ein Leser, der Einsichten in seiner Zeitung sucht fernab vom Getriebe. Im digitalen Zeitalter wird das immer seltener.
Foto: dpa | Ein Leser, der Einsichten in seiner Zeitung sucht fernab vom Getriebe. Im digitalen Zeitalter wird das immer seltener.

Die bekanntesten Vorläufer des Papiers sind Papyrus und Pergament. Der aus dem Stengelmark der Papyrusstaude hergestellte Papyrus ist seit 3 000 vor Christus nachweisbar. Das noch ältere, aus bearbeiteten Tierhäuten gewonnene Pergament entwickelte sich wegen seiner guten Haltbarkeit zum bevorzugten Material. Erst zum Ende des Mittelalters wurde es durch einen Beschreibstoff verdrängt, der sich schneller und besser fabrizieren ließ: Papier. Vor ungefähr 2 000 Jahren wurde es in China erstmalig hergestellt. Der Überlieferung nach, diente der Nestbau von Wespen als Inspirationsquelle. Die erste Dokumentation der Papiermacherkunst datiert aus dem Jahr 105 nach Christus; darin berichtet der Chinese Cai Lun über ein spezielles Verfahren zur Papierherstellung. Der Beamte am chinesischen Kaiserhof beschreibt das Aufschließen von Pflanzenfasern und die Methode des Verfilzens durch Schöpfen mit einer Form. Heute gilt der Palasteunuch als einer der zehn wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, 2010 wurde ein Mondkrater nach ihm benannt.

Zu allen Zeiten wurden Informationen für die Nachwelt erhalten. Die Sumerer, Träger der ältesten bekannten Hochkultur, schrieben bereits 3 200 vor Christus mit Keilschrift auf weiche Tontäfelchen. Weit- aus älter sind die Höhlenzeichnungen. Sie gelten als die ältesten Dokumente, die der Mensch jemals auf einen Untergrund gebannt hat. Bis zur Entwicklung des Papiers vergingen noch viele Epochen. Und nachdem es soweit war, gehörte sie zu den am strengsten gehüteten Geheimnissen. Erst allmählich breitete sich die Kunst der Herstellung von China über Korea und Japan aus. Im 8. Jahrhundert übernahmen die Araber sie und brachten sie 400 Jahre später nach Europa. Die erste europäische Papiermühle wurde im 12. Jahrhundert in Spanien gegründet. In der Klosterbibliothek der altehrwürdigen Abtei Santo Domingo de Silos befindet sich mit dem Missale de Silos aus dem Jahr 1151 das älteste erhaltene christliche Buch aus Papier.

Knapp 150 Jahre später gelang in Italien eine wesentliche Verbesserung der Papierqualität durch Einführung von Stampfmühlen. Ein einzigartiger Triumphzug begann. Die erste deutsche Papiermühle öffnete Ende des 14. Jahrhunderts bei Nürnberg ihre Tore. In der Folgezeit entstanden an Europas Flüssen eine Vielzahl von Papiermühlen. Die Recyclingidee lag zwar noch in weiter Ferne, aber zur Herstellung von Papier wurden damals ausschließlich Lumpen verwendet. Doch Papier blieb ein Luxusgut, das bis zum 15. Jahrhundert vorwiegend für Urkunden und Bekanntmachungen Verwendung fand. Mit der Gutenberg-Erfindung des Buchdrucks stieg die Nachfrage stark an.

Ende des 18. Jahrhunderts machten neue technische Verfahren Stroh und Holz für die Papiergewinnung nutzbar. Die einstige handwerkliche Tradition wandelte sich jetzt im Laufe weniger Jahrzehnte zu einer modernen Industrie. 1830 konstruierte der Heilbronner Mechaniker Johann Jakob Widmann die erste deutsche Papiermaschine. Auf der Suche nach einem neuen Papierrohstoff wurde der sächsische Weber Friedrich Gottlob Keller fündig, der durch Abschleifen von Holz an einem Schleifstein einen Faserbrei herstellte. Eine Revolutionierung der gesamten Papierherstellung, die Buch und die Zeitung zu Massenmedien machte. Sie stellten eine unverzichtbare Stütze zur Information und Bildung dar.

Der Rohstoff, auf dem in der Postmoderne die Nachrichten erscheinen, ist anderer Art. Auf Flüssigkristalltechnik basierende Flachbildschirme erobern den Massenmarkt. Eine Informationskultur ist entstanden, in der jeder twittern und bloggen kann. Die Halbwertzeit einer Nachricht beträgt nur noch wenige Stunden. Doch wo jeder sein eigener Chefredakteur ist, geht nicht unbegründet die Angst vor einem massiven journalistischen Qualitätsverlust um. Selbst hyperdemokratische Graswurzeljournalisten fragen sich, ob die Webmaster, Blogger und Gatekeeper des Informationsverlustes erst gewahr werden, wenn sie merken, dass Darth Vader kein Nachrichtensprecher ist. In den Zeitungsredaktionen gärt die bange Frage, wie viel Zukunft die Zeitung noch hat. Ganze Redaktionen werden geschlossen, altehrwürdige Postillen lösen sich in Luft auf. Das Klima wird vergiftet, wenn ein ganzer Berufszweig nur noch mit der Schere im Kopf arbeitet, weil Auflage gemacht werden muss. Etlichen Journalisten könnte es bald so ergehen wie Spitzwegs armen Poeten.

Wo bleibt der viel gelobte und allseits für nötig empfundene demokratische Diskurs? Die Gesellschaft scheint zwischen Playstation und Spielekonsole in eine dornröschenartige Lethargie verfallen. Noch klammern sich viele Medienschaffende an die Illusion, dass jeder, wenn er nur über genügend Informationen verfügt, gebildet ist. Doch in den Denkkategorien des Bildungsbürgertums, die sich größtenteils aus den sozialen Phantasien des 19. Jahrhunderts speisen, kommen epidemisch verbreitete Neuigkeiten nicht vor. Dort galt als schon profunde Kulturkritik, wenn „die Journaille“ von Altmeister Goethe bis zum Gitarrenrevoluzzer Biermann, kräftig niedergemäht wurde. Immerhin, das Bürgertum verstand fein zu unterscheiden zwischen der Skrupellosigkeit pitbullartiger Paparazzi und Qualitätsjournalismus.

Früher, als die Kultur noch nicht von der Postmoderne zu einem Einheitsbrei zerrieben worden war, konnte man sich den Luxus leisten, ausgiebig neben den Politik- und Wirtschaftsseiten das Feuilleton zu lesen. Im Urlaub beispielsweise, wenn man, angeregt von mediterraner Leichtigkeit am Kiosk zwei oder drei Zeitungen erstand. „Le Monde“ oder die „Times“ fand man an jedem besseren Küstenort, wo schon am Morgen die flirrende Hitze den nordeuropäischen Bildungsurlauber zur Siesta in einem Hafencafé zwang. Man warf lässig noch ein paar Münzen auf den Teller und erstand, natürlich nur zur Ablenkung, zusätzlich eines der omnipräsenten Boulevardblätter, deren geschmacklos gestaltete Seiten sich ausschließlich mit dem Jet-Set beschäftigten. Dergleichen Schundlektüre wähnte man eigentlich den Concierges und Zimmermädchen vorbehalten, doch im Urlaub konnte man sie sich leisten, wenn auch verschämt. Dennoch offenbarte sich darin schon der postmoderne Reflex, der die schäbigste Form der Massenkultur bedient, die Neugier, selbst wenn sie ironisch gebrochen wird. „Papier ist geduldig“, der tiefe Seufzer, mit dem das „geduldig“ gehaucht wurde, gab den Ton für die durch Mitleid und Geringschätzung geprägte Distanz vor, mit der man sich abzugrenzen glaubte.

Heute bestimmt nur noch die Schlagzeile über Klicks und Quote. Das Tempo, mit der die Nachrichten auf den Markt geworfen werden, entscheidet darüber, wem der zum Nachrichtenjunkie mutierte Leser seine Gunst schenkt. Papier ist geduldig, die ständig flimmernden Bildschirme und Displays sind es nicht, sie fordern unablässig Neuigkeiten. Auf die Geschwindigkeit kommt es an, aktuell ist nur, wer schnell ist. Nachrichtenagenturen geben den Takt vor, der besagt, dass die britische „Sun“ beim Promi-Flash meistens um einen Tag schneller ist als die „Bild“-Zeitung. Nachrichten sind Entertainment geworden. Ein ironischer Unterton hat sich eingebürgert. Mitteilungen aus dem Big-Brother-Haus oder dem Dschungelcamp werden mehr oder weniger kritisch bis süffisant in den jeweiligen Gazetten ausgebreitet. Noch vor wenigen Jahren wären sie dem Spiegel oder der Zeit kaum eine Randnotiz wert gewesen. Doch die Zeiten ändern sich.

Die Medienwelt erlebt gegenwärtig eine Kulturrevolution, die in ihren Auswirkungen so gewaltig ist wie die politischen Aufstände der Neuzeit. Nur dem kulturellen Umbruch, den sie bewirkt, gehen keine blutigen Scharmützel voraus, er spielt sich nahezu unsichtbar im virtuellen Raum ab. Sämtliche Parameter verschieben sich, in wenigen Jahren wird der öffentliche Raum nichts mehr mit der Realität des Jahres 2000 zu tun haben. Doch um eine Welt, in der mehr Küchenrollen- als Zeitungspapier hergestellt werden, ist es nicht gut bestellt.

Hoffnungen auf ein Wertesystem, in dem der megaschnelle Informationszugriff den Partikularismus von sozialer Schicht, Nationalität, Religion und ethnischer Zugehörigkeit überwindet, erweisen sich bislang als trügerisch. Die Medien werden zunehmend als Deckmantel für Machtinteressen betrachtet, und die Aussichten, dass Ethik und Vernunft den Nachrichtenmarkt bestimmen, scheinen dürftiger zu sein als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt des noch jungen 21. Jahrhunderts.

Der total informierte Weltbürger, der Prototyp des Zukunftsmenschen, wie die Interfacedesigner der Medienindustrie ihn entwarfen, ist weitgehend Fiktion geblieben. Wir haben einen universellen Nachrichtenmarkt, aber dieser Markt besitzt allenfalls jene paradoxen zivilisatorischen Wirkungen, die in Neil Postmans düsteren Medienanalysen auftauchen.

Ob sich die guten alten Printmedien mit dem altmodischen Hinweis auf das haptische Vergnügen retten lassen, ist längst beantwortet. Moderne Smartphones und Tablet-PCs verfügen über sogenanntes „haptisches Feedback”. Um einen Tastendruck zu simulieren und die glatte Oberfläche eines Touchscreens natürlicher wirken zu lassen, vibrieren die Geräte beim Drücken von grafischen Bedienelementen kurz. Willkommen im Reich der Sinne, wo die intellektuelle Diät uns die sozialistisch nivellierende Postmoderne per Mausklick verordnet.

Nun dürfen Werbeagenturen von haptischer Kommunikation reden, womit sie wahrscheinlich auch jenen Boulevardschmarrn meinen, mit dem die Bedeutsamkeitsblase aufgeblasen wird, bis sie wie eine Spekulationsblase platzt und uns eine noch ärgere intellektuelle Rezession beschert. Seit man uns in die virtuelle Realität geschleudert hat, verstehen manche Medien offenbar das Wort „Pressefreiheit“ als moralischen Nihilismus. Wir befinden uns in einem dritten Zustand, den der Müsli-Philosoph Sloterdijk mit dem Habitus verkaterter Gelassenheit als „immunitäre Verfassung des Menschenwesens“ bezeichnet. Die schlimmste Folge der Informations-Obsession ist die Unterminierung der Autorität des Wortes. Die alltägliche Redeweise beginnt den Mitteilungen auf Facebook-Seiten zu ähneln. Eine katastrophale Entwicklung, von der sich unsere Sprache kaum erholen wird.

Es werden sich Nischen bilden, das Zeitungsprofil entscheidet jedoch über diese Nischen nicht. Zeitungen, die profiliert ein bestimmtes Klientel ansprechen, Fachzeitschriften und Bildmagazine werden aber immer ihr Publikum finden. Die haptischste aller Kommunikationen sind und bleiben Buch und Zeitung. Gewiss, die Frage ist nicht, wie sich das Konstrukt Zeitung retten lässt, sondern wie das Prinzip Zeitung in der digitalen Welt aussehen kann. Zeitungs-Websites sehen gegenwärtig größtenteils noch aus wie eine Zeitung hinter Glas. Das wird sich ändern, die Texte werden kürzer, die Formulierungen griffiger und wortkarger werden, und das meiste wird sich auf das Bild konzentrieren.

News-Websites wie die von Buzzfeed deuten an, wie die Artikel der Zukunft aussehen könnten. Das Experiment „Firestorm“ des britischen Guardian zeigt, wie sich die Internetzeitung der Zukunft gestaltet, eine Kombination von Texten und Fotos, wie es sie auf Papier nie geben könnte. Im konzeptionellen News-Bereich wird das Bild Oberhand gewinnen.

Als Li Tai-Bo, der berühmteste chinesische Dichter der Tang-Zeit, um 750 seine wunderbar verklärten Gedichte über den Wein und den Mond schrieb, hatten die alten Chinesen noch keinen Gedanken an Massenkommunikation verschwendet. „Ein zitterndes Leuchten ist es, ein Traum, / er täuscht uns nur und entflieht. Komm, auf zum Tanz! Die Sonne verglüht!“ Li Tai-Bo soll ertrunken sein, als er im Rausch versuchte, das Spiegelbild des Mondes im Wasser zu umarmen. Man muss nicht den Dichtern folgen oder auf einen Stromausfall warten, um der postmodernen Malaise zu begegnen, Papier hat eine lange Lebensdauer, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Gutenberg-Bibel noch viele technische Entwicklungen überlebt. Die Zukunft des Glaubens ist weder vom Papier abhängig, noch von Displays. Trotzdem ist die Frage zu stellen, wie Print und die neuen Medien für das Apostolat genutzt werden können.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann