Ortlose Kultur

Digitalisierung und Kommerzialisierung reduzieren unsere Denkmäler und Jahrhundertbauten auf Ressourcen. Über den richtigen Umgang mit dem kulturellen Erbe. Von Björn Hayer
Foto: dpa | Hat sich im Herzen der Hauptstadt als kultureller Ort bewährt: Das Holocaust-Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden im Nationalsozialismus.
Foto: dpa | Hat sich im Herzen der Hauptstadt als kultureller Ort bewährt: Das Holocaust-Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden im Nationalsozialismus.

Wer einmal einer Messe in der Pariser Notre-Dame, dem spirituellen Herzen Frankreichs, beiwohnen durfte, wird vielleicht gespürt haben, was es bedeutet, von einer erneuernden Aura erfasst worden zu sein. Mehrmals täglich finden dort Gottesdienste für Besucher aus aller Welt statt. Begleitet von einer mit mehreren hundert Pfeifen ausgestatteten Orgel und getragen von ariosen Kantorengesängen eint die dortige Begegnung mit dem Glauben Erhabenheit und Demut – eine heilige Stätte, die uns an das Menschsein erinnert, sowie an unsere Hoffnung auf eine göttliche Eingebundenheit.

Vom Überkommen ähnlicher Gefühle wissen auch Besucher des Petersdoms, der Kathedrale von Chartres oder des Mont Saint Michel. Doch nur wer ein hohes Maß an geistigem Asketismus mitbringt, also dazu in der Lage ist, sich gänzlich auf die Spannung zwischen dem Raum und dem Selbst einzulassen, dürfte über die strömenden Touristenmassen, das japanische Blitzlichtgewitter und etwas kitschige Souvenirstände hinwegsehen können, an denen sich das Sakrale oft allzu leicht mit dem Profanen mischt. Wahrlich, die Begegnung mit sakralen Bauten, aber auch die mit säkularen Denkmälern leidet unter der Annexion durch die Unterhaltungs- und Konsumindustrie. Was passiert mit diesen Orten der Kultur im kommerziellen Zeitalter?

Wo zumeist so etwas wie ein Urgeist wohnte, überlagern inzwischen mehr und mehr von Profitgeneratoren kreierte Sekundärmythen die imposanten Topografien. Die eklektizistische Basilika Sacré-Coeur inmitten des französischen Szenequartiers Montmartre etwa steht für die meisten Fotojäger kaum noch im Zeichen der Martyriumsgeschichte des ersten Bischofs von Paris, die dem unter ihr befindlichen Berg einst den Namen gab. Stattdessen pflegt man dort noch immer die Klischees vom seit dem 2. Weltkrieg längst nach Montparnasse umgesiedelten Künstlerviertels. Neben Straßenporträtisten machen hier vor allem Nippesbuden und fliegende Händler ihr Geschäft. Gleiches (wenn nicht sogar Schlimmeres) gilt leider auch für viele Kirchen in den Niederlanden, die inzwischen zu Restaurants oder Buchläden umfunktioniert worden sind oder gegen Eintritt als Museum oder Kunst-Ausstellungsort besucht werden können.

Nachdem dort über Jahrhunderte hinweg die Schätze des Wissens und der Weisheit dem Gläubigen frei zugänglich waren, zahlt der Besucher von heute, um den wirtschaftlichen Druck des neuen Besitzers abzumildern, horrende Eintrittspreise. Doch die Inflation heiliger und kultureller Orte allein auf ökonomische Entwicklungen abzuwälzen, trägt der Gesamtdimension kaum Rechnung. Denn daneben trägt ebenso der digitale Wandel zur förmlichen Abschaffung der materiellen Lokalität bei. Wer muss heute schon noch ins Pergamonmuseum fahren, um die Nofretete zu bestaunen? Zumal sie längst schon auf unzähligen Detailaufnahmen im Netz für jedermann verfügbar ist. Wer braucht schon den Reichstag besuchen, wenn er ohnehin virtuell begehbar ist?

Mit der Ausbreitung des Internets erleben wir eine umfassende Phase der Entkörperlichung. Wissensgüter gerieren zu Daten, Substanzen zu Informationen. Immer abrufbar. Copy and paste. Und das Schockierende besteht darin, dass sich jene, die gerade auf den Schutz des kulturellen Erbes der Menschheit bedacht sein sollten, inzwischen zu den Handlangern der „Pixelisierung“ unserer Welt selbst erklärt haben. Das Innere der restaurierten Anna-Amalia-Bibliothek könnte in hundert Jahren eher noch ein Postkartenmotiv als ein wirklich erfahrenswertes Denkmal sein. Kein Zweifel: Dass die Digitalisierung der Schriften schon vor dem Brand dazu verholfen hätte, vieles, was verloren ging, zu bewahren, steht außer Frage. Doch hierin äußert sich auch ein komplexes Symptom einer desensibilisierten Gesellschaft. Wir verlernen, ein Buch fühlbar zu würdigen, einen Text in seiner geschriebenen Darbietung und all der ihm innewohnenden Mühe wertzuschätzen. Indem Bibliotheken an ihrem eigenen Ast sägen und alle Dokumente sukzessive ins Web stellen, sind die manchmal großartigen Zufallsfunde beim Stöbern zwischen den Bücherreihen bald Vergangenheit. Es ändert sich grundsätzlich unser Verhältnis zum Wissen. Seines Standortes beraubt, entpuppt es sich als reine Ressource. Wir finden nur noch in den digitalen Katalogen, ohne suchen zu wollen. Wir konsumieren Daten und bemerken nicht mehr das Wissen, das darin steckt. Inwiefern die Gesellschaft Web 2.0 also tatsächlich auch der Wissensgesellschaft von morgen den Weg bereiten sollte, gilt es vor diesem Hintergrund kritisch zu hinterfragen. Ein Mehr an Transfer und Produktion verspricht eben nicht automatisch ein Mehr an Tiefe und Qualität.

Nicht nur die wahren Kenntnisse und Fertigkeiten leiden unter dem Impuls der Entkörperlichung. Der Verlust des kulturellen Ortes geht auch mit Vereinzelungstendenzen einher. Insbesondere der Bedeutungsschwund des Kinos firmiert als Menetekel einer sich individualisierenden Cybergemeinschaft. Kürzlich begann der US-Gigant „Netflix“, eine der größten Online-Videotheken der Welt, den europäischen Markt zu erobern. Sein Zukunftsszenario ist klar: Er will den Mediennutzern dazu verhelfen, ihre Lieblingsserien und -Filme immer dann zu schauen, wann oder wo sie wollen. Ob Kinematografenkunst oder Blockbuster – bis Filme es in die Heimkinos schaffen, bedarf es bald nur noch weniger Klicks. Das Warten auf die Starttermine der Verleiher ist dann passé.

Auch die TV-Sender haben die Zeichen der Zeit erkannt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Abruf von Formaten via Mediathek das Modell der Einschaltquote revidiert haben wird. Schon in der Programmkonzeption zeichnet sich ein entsprechender Perspektivwechsel ab. Wo Familienshows wie „Wetten, dass…“ nicht mehr ziehen, werden nun verstärkt Serien oder ständig neue Sendungsentwürfe (die eigentlich nur das Alte mit neuem Anstrich sind!) erprobt. Einzig der Tatort gilt derzeit noch als eine von wenigen Bastionen, die noch das Ritual gemeinsamen Fernsehens jeden Sonntag um 20.15 Uhr forttradieren. Mehr als das Fernsehen gerät aber tatsächlich das Kino in Legitimationsnöte: Die Konkurrenz unter den amerikanisierten Mainstream-Tempeln dürfte sich weiter verschärfen. Letztlich bleibt dabei nur zu hoffen, dass die kleineren Programmkinos mit ihren ausgewählten Arthaus-Reihen der virtuosen Filmkunst eine letzte Heimstätte geben und wahre Freunde der Kinematografie dort noch ihrer Leidenschaft frönen können. Was die Konzentration des Medienkonsums auf wenige Online-Verleiher für die Finanzierung der Branche bedeuten wird, bleibt bislang nur eine eher finstere Spekulation. Doch – so viel steht fest – Netflix & Co. werden kaum daran interessiert sein, Spartenformate zu fördern. Die Masse macht bekanntlich das Geschäft, nicht der Anspruch.

Was die traditionsreiche Rolle der Lichtspielhäuser anbetrifft, hat übrigens der Film „The Congress“ von Ari Folman, eines der ganz wenigen Meisterwerke, an die man sich noch nach Jahren erinnert, eine beeindruckende Dystopie entworfen. Durch das Einscannen der Schauspielerin Robin Wright, die sich selbst als einstige Hollywood-Diva verkörpert, wird sie für alle kommenden Filmproduktionen zur frei einsetzbaren Avatarfigur. Als sie Jahre danach an dem „Futurologischen Kongress“ in einer gänzlich animierten Stadt teilnimmt, wird sie der nächsten Entwicklungsstufe gewahr. Inzwischen ist nicht mehr nur der Mensch ersetzbar, auch die Leinwand, auf der er bislang zu beschauen war, strebt die Pharmaindustrie durch eine Wunderdroge zu ersetzen. Von nun an kann jeder mittels Pille in sein eigenes Bilderdelirium eintauchen, wo Kubrick und andere Helden der Filmgeschichte, wie das Werk wunderbar melancholisch entfaltet, nur noch als Zitate vorkommen. Unterdessen ist die Wirklichkeit zum rohen Durchgangsstadium verkommen. Denn als Robin Wright dahin zurückkehren kann, entdeckt sie den Trug hinter den künstlichen Paradiesen. Der Geist ist scheinbar frei und befindet sich doch nur im Netz der Manipulation. Die Realität ist ein Nicht-Ort geworden, arm, wüstenartig, ohne Vision und Liebe.

Kulturelle und religiöse Orte, die immer etwas gegenüber schnelllebigen Moden konservieren, sind vor ungezügeltem Fortschritt nicht gefeit. Sie müssen bewusst verteidigt werden. Nur so können sie bestehen. Oftmals mangelt es aber schon an der politischen Einsicht. Noch immer monieren Kritiker die Sprengung des Palastes der Republik in Berlin als Geschichtsklitterung. Da der ehemalige DDR-Bau im Laufe der Jahre marodierte und man seitens der Entscheidungsträger darum bemüht war, jedwedes Denkmal der SED-Diktatur auszulöschen, wurde dessen Zerstörung und anschließende Ersetzung durch den Neubau des Berliner Stadtschlosses angeordnet – ein Millionenprojekt, bei dem fraglich ist, ob die Epoche der einstigen Fürstenresidenz wirklich auf ein politisch integereres Regime verweist als die vorige Sowjetkonstruktion. Welche Sensibilität ein kulturelles Zentrum erfordert, belegt zudem das Holocaust-Denkmal für die Ermordung der deutschen Juden im Nationalsozialismus im Herzen der Hauptstadt. Nachdem das beklemmende Feld schwarzer Stelen – Sinnbilder für die Millionen anonymer Toter – in letzter Zeit verstärkt Schmierereien und Vandalismus ausgesetzt war, gibt es nun Überlegungen bezüglich denkbarer Schutzmaßnahmen. Soll es nun am Ende doch einen Zaun oder Plexiglaswände geben? Verständlicherweise sind die Politiker mit dieser Frage überfordert, zumal das Monument eigentlich gerade aus seiner offenen Begehbarkeit heraus wirkt. Seine Schutzbedürftigkeit und Zielsetzung stehen einander gegenüber. Was sich hierzu sagen lässt, ist, dass dieser wichtige kulturelle und (für nicht wenige auch religiöse) Ort seine Unschuld wohl eingebüßt haben dürfte. Dennoch hat er sich trotz jahrelanger Kontroversen bewährt. Er markiert inmitten des metropolischen Treibens eine Leerstelle, eine Zone des Gewissens und der Reflexion, die sich eben nicht problemlos in die angrenzende Architektur integriert.

Angesichts der allgemeinen Bedrohung kultureller Erinnerungsräume sind es vielleicht jene Monumente, die Grenzen bewusst machen, uns ganz bewusst einem Erkenntnisschock aussetzen und sich dadurch auch als nicht ersetzbar erweisen. Die Planung des Denkmals anlässlich der massenmörderischen Untat Anders Breiviks auf der Insel Ut?ya im Jahr 2011, bei der 77 Menschen ums Leben kamen, ist dafür ein gutes Beispiel. Indem das Eiland durchschnitten werden soll, wollen die Künstler eine Spur in der Landschaft zurücklassen. Während auf der einen Seite die Namen der Getöteten abgedruckt sein sollen, stehen die Besucher auf dem Steg gegenüber. Es ist die Ferne und die sichtbarste Form des Verlusts, was sich hierin manifestiert. Und möglicherweise liegt in dieser Exklusivierung auch eine Strategie, die traditionellen Kulturplätze und -stätten zu retten. Das Stichwort lautet Entsagung, Verzicht auf Uniformisierung und bloße Vermarktung. Kirchen und Museen müssen wieder ihren Eigenwert behaupten und zu Gegen-Orten werden – wider die Einheitsorte der Konsumparadiese. So wird ihre Weihe neu lebendig. Wer mit finanziellen Argumenten dagegenhält, muss wissen: Denkmäler und Kulturschätze waren nie Säulenhallen des Profits. Sie wurden erst dazu erklärt und anschließend mit dem Mythos des alternativlosen Erhalts durch Vermarktung belegt. Aber eine Gesellschaft, die den Wert ihres Erbes nicht ehrt, ist unfähig dessen Wert zu verteidigen.

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