Ordnungswandel in der späten Salierzeit

„Die Salier – Macht im Wandel“: Das Historische Museum in Speyer zeigt die Geschichte der Kaiser in ihrer Auseinandersetzung mit der Kirche. Von Alexander Riebel
Foto: Katalog | Codex Aureus: Kaiser Heinrich III. und seine Gemahlin Agnes übergeben der Gottesmutter und Kirchenpatronin des Speyerer Doms den ihr gewidmeten Codex.
Foto: Katalog | Codex Aureus: Kaiser Heinrich III. und seine Gemahlin Agnes übergeben der Gottesmutter und Kirchenpatronin des Speyerer Doms den ihr gewidmeten Codex.

Den kostbaren Edelsteinen und Perlen auf vergoldetem Untergrund konnte sich kein Blick entziehen. Es ist der prächtige Schmuck des sogenannten Heinrichskreuzes, das wohl um die Zeit zwischen 1130 und 1150 in Fritzlar entstanden ist. Das fast fünfzig Zentimeter hohe Kreuz gehört zu den bedeutendsten sakralen Kunstwerken, die aus der Romanik überliefert sind. Im Schnittpunkt der beiden Kreuzschenkel werden hinter einem großen Kristall Partikel vom Kreuz Christi vermutet. Gezeigt wird die außergewöhnliche Goldschmiedearbeit in der Ausstellung „Die Salier – Macht im Wandel“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer.

Die faszinierende Ära der Salier an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert war eine Umbruchzeit, die von der Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Macht gekennzeichnet war. So kreist auch die Ausstellung um das dramatische Jahr 1111 mit der von Heinrich V. erzwungenen Kaiserkrönung, der Beerdigung seines Vaters IV. und der Verleihung der Privilegien an die Bürger Speyers. Hatten Heinrich IV. und dessen Vater ihre Herrschaft noch auf die Gottesunmittelbarkeit gegründet, so verstand Heinrich V. seine Regierung als eine konsensuale Herrschaft durch das Miteinander der kirchlichen und weltlichen Großen des Reiches. Damit war bei den Saliern das direkt von Gott verliehene Königtum ins Wanken geraten. Die Ausstellung gleich neben dem Speyerer Dom als Zentrum des salischen Herrschaftsgebietes lässt die Geschichte der Salier nachvollziehen, ebenso auch die Baugeschichte des Doms. Die Vitrinen des historischen Museums der Pfalz zeigen das Panorama der Salierzeit, von den Grabbeilagen bis zum Landleben der Bevölkerung.

Was die Öffnung der Kaisergräber im Speyerer Dom im Jahr 1900 ans Licht brachte, war überwältigend. Zumeist unberührt, wenn auch vermorscht, fanden die Ausgrabenden der Königlichen Akademie in München die toten Kaiser. Der Sarkophag von Heinrich V., in der Ausstellung ist der im Alter von 39 Jahren gestorbene Kaiser als „Rebell und Tyrann“ bezeichnet, stammte als Zweitverwendung aus spätrömischer Zeit, das Fußende war abgeschlagen und durch Backsteine für seinen Körper verlängert. Es mag auch überraschen, dass auf der Grabinschrift der Sterbemonat zunächst falsch angegeben wurde, um dann überschrieben zu werden. Zu den erhaltenen Grabbeilagen gehörte ein Kreuz, Sporen seiner Reitstiefel und Goldfäden aus seinem Gewand, von deren Herstellungsart bereits die Bibel berichtet. Den Sarkophag dieses letzten der salischen Kaiser bestattete man 1125 schräg versetzt über den Gräbern seiner salischen Vorfahren, weshalb er durch seine erhöhte Position während des Pfälzischen Erbfolgekriegs 1689 von französischen Truppen geplündert wurde, während die anderen tieferliegenden Gräber unbeschädigt blieben. Die kupfernen und feuervergoldeten Grabkronen der früheren salischen Kaiser sind daher ebenso erhalten, wie weitere Grabbeigaben.

Auf dem eingesunkenen Haupt des ersten Herrschers der Salier, Konrad II., ruhte bei der Ausgrabung noch die Grabkrone mit ihrem acht Zentimeter hohen Kronreif aus dünnem Kupferblech, einem Kreuz an der Stirnseite und stilisierten Lilien an den Seiten. Man geht auch hier von einem Fehler aus, dem der Goldschmied wohl als Flüchtigkeitsfehler unterlaufen ist, denn auf der Krone steht PAVS ARATOR ET VREBIS anstatt PACIS ARATOR ET VREBIS. Diese Grabkrone ist überhaupt die älteste erhaltene aus dem Mittelalter, was aber die Kronenbeigaben als Herrschaftszeichen damals bedeutet haben, dafür fehlen die Quellen. Sie werden aber wohl zur Jenseitsausstattung der Kaiser gehört haben, weil deren irdische Herrschaft als Vorstufe der himmlischen Mitherrschaft gedacht wurde. Eine Besonderheit im Grab Heinrichs III., dem Sohn Konrads II., ist der Reichsapfel, der in nur wenigen Herrschergräbern belegt ist und in den meisten späteren Reichen Westeuropas nicht üblich wurde. Der nur 13,5 Zentimeter hohe Reichsapfel, der eigens für das Grab angefertigt wurde, besteht im Kern aus Tragant, einem asiatischen Gummi, das Kreuz aus Holz. Zusätzlich wurde der Reichsapfel mit Leder umhüllt. Und bei den Grabfunden Heinrichs IV. fällt ein Bischofsring auf, der Bischof Adalbero III. gehört haben soll. Nach dessen Tod hat Heinrich IV. seinen Nachfolger investiert und dabei könnte der Ring in den Besitz des Kaisers übergegangen sein.

Eine Weltgeschichte vom Anfang an bis ins Jahr 1125 hat Ekkehard von Aura geschrieben. Diese „Chronik“ ist einer bedeutendsten historiographischen Texte der Salierzeit, deren fünfter und letzter Teil mit der Übergabe der Reichsinsignien an den fünften Heinrich beginnt. Ekkehard macht deutlich, dass mit diesem Kaiser eine neue Zeit angebrochen ist, der die Zwietracht zwischen Reich und Kirche überwunden und den Frieden wiederhergestellt hat, aber auch die Dynastie der Salier sicherte.

In der recht konservativ angelegten Ausstellung, die im Wesentlichen Vitrinenschätze zeigt, war besonders auffällig ein Schaukasten mit einer Computersimulation, die die Wege von Heinrich IV. und Heinrich V. durch das Reich nachvollziehen lassen. Der epochale Konflikt des Älteren mit Papst Gregor VII., die Versuche, das Reich zu sichern, die Auseinandersetzung mit Gegnern aus der eigenen Familie und die Gefangennahme durch den zweiten Sohn, Heinrich V., werden im Überblick vermittelt.

Die wichtigsten politischen und administrativen Stützen im Reich waren die Bischöfe, darum war der Verlust der Einflussnahme des Kaisers auf die Bischofsbesetzung zugleich ein Machtverlust. Die Kirche versuchte ihrerseits ihre Souveränität auszubauen, weswegen Päpste und Bischöfe der Salierzeit auch ein besonderes Thema der Ausstellung sind. „Der Papst kann Kaiser absetzen“, heißt es in dem erst spät bekannt gewordenen Dokument „Dictatus Papae“ von Gregor VII. Der Streit um die Investitur ist jedoch nur eines von vielen Ereignissen in dem Differenzierungsprozess zwischen Kirche und Staat. Urkunden belegen auch auch die engen Verknüpfungen zwischen Kirche und Reich. So die Urkunde des Edlen Herimannus für das Kloster Hördt vom 9. Februar 1103, der auf Anraten von Heinrich IV. und Bischof Johannes von Speyer das Kloster der Domkirche von Speyer schenkte, um seine Stiftung auch nach seinem Tod vor weltlichem Zugriff zu schützen. Heri-mannus legte sogar genau fest, dass der Vogt, der einmal im Sommer und Winter ins Kloster kam, um nach dem Rechten zu sehen, genau ein Schwein sowie eine bestimmte Menge Brot und Wein erhalten sollte, weil schon bekannt war, dass die Vogte zu einer teuren Last für die Klöster werden konnten. Eine weitere Urkunde, die eine Schenkung des erst sieben Jahre alten Heinrich IV. an das Speyerer Domkapitel dokumentiert, zeigt, dass die Stiftung weltlicher Güter zu den vornehmsten Aufgaben der Könige gehörte, auch weil sie sich selbst Früchte ihrer Gaben erhofften sowie stärkenden Einfluss Gottes auf ihre Herrschaft.

Ein eigenes Thema der Ausstellung ist die Dombaukunst rund um den Speyerer Dom. Filme zeigen die mühevolle Baugeschichte unter den damaligen Bedingungen, Kapitelle, Säulen und Türsturze sind zum Berühren da. Der umfangreichste Teil der Ausstellung widmet sich aber dem Alltag zur Salierzeit. Zwischen den Zinnen einer Burg, durch die der Betrachter hindurch einen Wald auf einer Leinwand sehen kann, ist ein Mühle-Spiel eingeritzt, mit dem sich die Ritter und Knappen die Zeit vertrieben. Ein Krug voller ausgeschütteter Münzen gibt Einblicke in die damalige Münzprägung, um die gerade in der Salierzeit Kaiser und Geistliche wetteiferten. Die Interessenkonflikte während der Kirchenreform und des „Investiturstreits“ führten schließlich zur Dominanz der geistlichen Münzprägung, besonders in der Stauferzeit. Die Kataloge zur Ausstellung sind überaus informativ und führen detailliert in die Epoche der Salier ein.

Über die historischen Hintergründe der Salierzeit wird in einer der kommenden Ausgaben berichtet.

– Ausstellung „Die Salier. Macht im Wandel“ bis 30. Oktober im Historischen Museum der Pfalz Speyer Domplatz, 67346 Speyer, Besucherservice 06232/62 02 22, im Internet: www.museum.speyer.de

– Begleitbücher in zwei Bänden, her-ausgegeben vom Historischen Museum der Pfalz Speyer: Band I: 320 Seiten, ca. 200 Abbildungen größtenteils in Farbe; Band II: 320 Seiten, ca. 400 Abbildungen größtenteils in Farbe. Im Museumsshop: beide Bände zusammen 39,90 Euro, einzeln je Band 24,90 Euro. Im Buchhandel: beide Bände zusammen 54, Euro, einzeln je Band 29,80 Euro, Edition Minerva München Herrmann Farnung GmbH.

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