„Obsessive Dringlichkeit“

Fehlentscheidung: Josef Winkler erhält den Büchner-Preis

„Jener unfassbare Glanz des Himmels ist der des Todes./ Mein Kopf dreht sich im Himmel./ Und nie dreht der Kopf sich herrlicher als im Tod.“ In diesem verächtlichen Zitat von Georges Bataille, mit dem das zuletzt erschienene Buch „Roppongi – Requiem für einen Vater“ des österreichischen Schriftstellers Josef Winklers endet, bündelt der Autor alle seine Wut auf Transzendentes. Im November bekommt Winkler den Büchnerpreis, genau zehn Jahre nach Elfriede Jellinek und ein Jahr nach Martin Mosebach.

Nach Mosebach ist jetzt offenbar mal wieder etwas Drastisches an der Reihe. Die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung spricht das jedenfalls mit klaren Worten aus. Die vollständige Begründung für die Preisverleihung lautet: „Josef Winkler hat auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig ist. Was Winkler seit seinem ersten Roman ,Menschenkind‘ (1979) in einer barock-expressiven Sprache immer neu anklagt, bildet zugleich das produktive Element einer Hassliebe, in der Blasphemie und Frömmigkeit, Todessehnsucht und Todesangst sich zu einem bewegenden Abgesang auf eine untergehende Welt vereinen. Winklers neuere Bücher erweitern, nach der eindringlichen Beschreibung der Erfahrung Roms (,Friedhof der bitteren Orangen‘, ,Natura Morta‘), seinen dichterischen Kosmos noch um die fremde Nähe Indiens.“

Winkler gehört zu dem Gros der Autoren, die sich in der Negativität ihres Welterlebens suhlen und nur Verfallssymptome wahrnehmen und zu schildern bereit sind: Es ist der „Abgesang“ auf eine angeblich „untergehende Welt“, wie die Akademie zu wissen behauptet.

Winkler wurde am 3. März 1953 als Jüngster von sechs Geschwistern in dem Dorf Kamering in Kärnten mit damals 200 Einwohnern geboren. Mit Blick auf seine siebenjährige Zeit als Ministrant sagt er: „Ich bin in einem katholischen Dorf aufgewachsen, und die Kindheit und Jugend sind für jeden Schriftsteller etwas ganz Einprägendes.“ Auch über die Kirche beklagt er sich: „Den Glauben hat mir die katholische Kirche in meiner Kindheit endgültig ausgetrieben, indem sie mir unendlich Angst gemacht und die Unterwerfung gefordert hat.“ Klar, dass auf den Zug solcher im Bauch bis ins Alter konservierten Gefühle ganze Heerscharen von Rezensenten aufgesprungen sind. Im gehobenen Kritikerdeutsch war Winkler denn auch ein „Grenzgänger“, der „schreibend seine Angst in Lust verwandelt und mit dem riskanten Balanceakt knapp am Abgrund langfristig zu solidem Gleichgewicht findet. Nicht Jenseitsverherrlichung betreibt er in ,Roppon-gi‘, sondern Selbstbefreiung im großen Stil.“ Und weiter: „Raffiniert dabei, wie er die Szenerie der katholischen Bestattungsrituale im Heimatdorf mit den indischen Verbrennungszeremonien gegeneinander schneidet.“ (FAZ). Iris Radisch, Literaturkritikerin der Wochenzeitung „Die Zeit“ schlug in dieselbe Kerbe, als sie über Winklers Buch „Leichnam, seine Familie belauernd“ schrieb: „Eine fulminante literarische Totenfeier, nebst der melodiösen Litanei aller Wundmale, die der bäuerliche Katholizismus einer empfindsamen Seele geschlagen hat.“

Doch angesichts solch eines Literaturpreises fallen die Reaktionen der Zeitungen jetzt überwiegend kritisch aus. Tilmann Krause schreibt in der „Welt“ unter der Überschrift „Die Entscheidung für Josef Winkler ist falsch“: „Nur den Katholizismus zu verdammen, reicht nicht aus. Willkommen in den Siebzigern. Rolle rückwärts zur alten Suhrkamp-Kultur.“ Und der Beitrag endet mit den Worten: „Hinter die Entscheidung vom letzten Jahr für den bekennenden Katholiken Martin Mosebach, der im Christentum auch eine ästhetische Produktivmacht zu erkennen vermag, fällt diese Büchnerpreis-Auszeichnung zurück.“

Doch nicht genug mit der Kirchenkritik Winklers, seit seinem ersten Buch „Menschenkind“ ist auch die Homosexualität sein Thema. Ausgehend von eigenen Erfahrungen beschreibt Winkler hier die obszönen homosexuellen Handlungen zweier Jungen, begleitet von Tiraden gegen den Vater und den Glauben. Winkler schreibt in „Menschenkind“: „Ich bin dabei, meine Kindheit, die sich zwischen zuckenden, blutigen Hahnenköpfen, trottenden Pferden, tänzelnden Kalbstricken bewegte, zu ermorden.“ Die Auslöschung von Identität und Tradition werden zum Programm erhoben. Schriftsteller wie Jean Genet und Hans Henny Jahnn stehen als Paten für den expressionistisch-exstatischen Stil, der sich bei Winkler bis heute durchzieht. Aber genau deshalb ist Winklers Art zu schreiben nicht nur völlig überholt, sie ist auch so extrem einseitig-subjektiv, dass sie nie Literatur werden konnte. Das Schreiben vom Tod her, geschult an den Werken des Franzosen Georges Bataille, dessen Ideal der Acephalus war, der „kopflose Gott“, spricht heute niemanden mehr an. Und den kleinbürgerlichen Blick, den Winkler in seiner Heimat zu sehen glaubte, hat er nun selbst durch die Welt getragen und damit seine körperlichen Gefühlszustände in Indien oder Japan beschrieben. Solche bloße Blut-, Sperma- und Todesliteratur zu prämieren war ein schwerer Missgriff der deutschen Sprachakademie.

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