„O Maria, siehe, Allah verkündet dir“

Um muslimische Flüchtlinge religiös zu verstehen, sollte man den Koran kennen. Dabei stößt man als Christ aber auf erstaunliche Differenzen. Von Michael Immanuel Malich
Syrer leistet Sozialdienst im Asylheim
Foto: dpa | Durch die Flüchtlingskrise prallen verschiedene Kulturen und Religionen aufeinander. Christen sollten den Koran kennen – mit all seinen Unterschieden zur Bibel.

Dann kamen Mahmoud, Ali, Talil und die anderen Flüchtlinge. Auch in den kleinen Ort im Odenwald, in dem wir nun seit einiger Zeit leben. Mit anderen ehrenamtlichen Helfern nahmen wir sie in Empfang, bevor sie in einem ehemals von der Bundeswehr genutzten Verwaltungsgebäude und in einem ehemaligen LIDL-Markt „untergebracht“ wurden – in Mehrbettzimmern und in mit verkleidetem Bauzaun umstellten Kojen. Wenig später begann der Deutschunterricht, radebrechend mit wenigen arabischen Worten wir Lehrer, radebrechend in mehr oder weniger verständlichem Englisch unsere Schüler. Dann mithilfe der Brückensprache Englisch Grundlagen der deutschen Sprache. Zu einigen von ihnen wuchs Bekanntschaft, dann schüchterne Freundschaft. Die meisten von ihnen waren Moslems, beteten fünfmal am Tag in einem extra dafür vorgesehenen Container-Raum. Einer von ihnen bat mich, ihm einen kleinformatigen Teppich zu besorgen.

Bei Unterrichtsbeginn der Gruß: „Assalamu alaikum. Kaifa halukum?“ Mahmoud fand schnell Kontakt außerhalb des Camps, lud einige von uns zu einem arabischen Essen, das er selbst aufwendig und zeitintensiv vorbereitet hatte. Während des angeregten Gesprächs – in Englisch – erwies sich Mahmoud als strenggläubiger Moslem. Dass Hunde im Haus die Engel vertreiben würden, dass Büsten von Bach und Beethoven vor dem Gebet aus einem Raum entfernt werden müssten, auch die Bilder und Poster runter von der Wand; Jesus sei Allahs Gesandter und sein Prophet, aber nicht sein Sohn, auch nicht der Messias; und überhaupt, dass nicht nur der Koran, sondern auch die Hadithe sehr wichtig seien, denn auch darin habe der Prophet, gepriesen sei er, zu befolgende Worte gesagt, die seine Gefährten überlieferten.

Das machte mich nicht nur neugierig auf den Koran, sondern führte zu einem ernsthaften Bemühen um tieferes Verständnis. Ich ging systematisch vor, vor allem las ich konsequent bis zur letzten Seite, was mir mitunter, ich gestehe es, Überwindung und Willensanstrengung abnötigte. Was mich besonders interessierte, war die Darstellung Jesu im Koran und das Verhältnis der Muslime zu den Christen. In Sure 3, in den Versen 30–56, findet sich die erste ausführliche Behandlung der Jesus-Geschichte, eine, so der Kommentar, „aus apokryphem Stoff und eigenen Gedanken gebildete Jesus-Legende“. Zacharias wird zum Pflegevater der Maria, Joseph kommt nicht vor. Engel (Plural!) verkünden: „O Maria, siehe, Allah verkündet dir ein Wort von ihm; sein Name ist der Messias (!) Jesus, der Sohn der Maria, angesehen hienieden und im Jenseits und einer der Allah Nahen.“ (Vers 40 [45]) Schon als Baby verkündet Jesus demnach aus der Wiege heraus; er erschafft aus Ton einen Vogel, der nach Anhauch lebendig wird. Und er äußert sich in ungewöhnlicher Weise: „Ich will heilen den Mutterblinden und Aussätzigen und will die Toten lebendig machen mit Allahs Erlaubnis.“ (Vers 49) Das klingt vertraut und ist doch anders, als man es aus der Bibel kennt. Jesus verkündet weiterhin die Speisegebote, bestätigt die Thora, erleichtert aber deren Bestimmungen (welche es sind, wird nicht erwähnt). Dann die erstaunliche Aussage aus dem Munde Jesu: „So fürchtet Allah und gehorchet mir“ (Vers 44 [50]). Jesus gehorchen – wäre das nicht auch die Akzeptanz seiner göttlichen Autorität, die man etwa bei Joh 10, 30 ausgedrückt findet? „Ich und der Vater sind eins.“ Im Koran ist diese Konsequenz nicht zu finden; es heißt dort unmittelbar danach aus dem Munde Jesu allerdings: „Allah ist mein Herr und euer Herr, drum dienet ihm.“ (Vers 51) Die Jünger Jesu bezeugen, dass sie als Helfer Jesu Muslime sind und versprechen, „dem Gesandten“ zu folgen. Doch wem folgen sie dann wirklich? Jesus? Was diese Unklarheit noch vermehrt, ist die folgende „Rede“ Allahs: „O Jesus, siehe, ich will dich verscheiden lassen und will dich erhöhen zu mir und will dich von den Ungläubigen säubern und will deine Nachfolger über die Ungläubigen setzen bis zum Tag der Auferstehung.“ (Vers 48 [55]) Heißt das, dass Jesus eines natürlichen Todes stirbt oder dass er lebend in den Himmel erhoben wird? Und was ist damit gemeint, dass die Jünger Jesu Autorität über die Ungläubigen erhalten sollen: sollen sie etwa die Ungläubigen „töten“? Meine Konfusion nahm bei diesen Stellen des Korans zu.

„Glaubet an Allah und seine Gesandten“ heißt es weiterhin im Vers 174. Also „glauben“ auch Muslime an Jesus? Aber wie glauben sie? Und wenn Muslime Allah bitten „Gib uns, was du uns verheißen durch deine Gesandten“ (Vers 192 [194]), sollen die Verheißungen Jesu dann auch ihnen gelten dürfen? Und was soll es bedeuten, wenn es in Sure 4, Vers 135 [136] heißt: „O ihr, die ihr glaubt, glaubet an Allah und seinen Gesandten und an das Buch, das er auf seinen Gesandten herabgesandt hat, und die Schrift die er zuvor herabkommen ließ. Diesmal ist der Gesandte Mohammed, das herabgesandte Buch der Koran, doch die „Schrift“ können das Alte und – zumindest bruchstückhaft – das Neue Testament sein. Was genau würde es bedeuten, wenn Muslime die Bibel kennen und „ihr glauben“ würden? Liegt hier ein Potenzial für Bekehrungen, Konversionen? Die vierte Sure beinhaltet sodann den sogenannten „Kreuzigungsvers“, der die Kreuzigung Jesu verneint. „Sie [die Juden] sprachen: ,Siehe, wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs, ermordet' – doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm ähnlichen ... nicht töteten sie ihn in Wirklichkeit, sondern es erhöhte ihn Allah zu sich.“ (Sure 4, Verse 156 [157f]) Das ist schon eine atemberaubende Behauptung, die mir erklärt, wieso der Dialog mit muslimischen Flüchtlingsfreunden manchmal zäh und stockend verläuft. Auch wenn manche Kommentatoren bemüht sind, auf die christlich-gnostische Überlieferung zu verweisen, zum Beispiel auf die Johannes-Akten und auf Basilides, die besagen, dass Simon von Kyrene anstelle Jesu gekreuzigt worden ist oder Jesus ohne Kreuzigung in den Himmel aufgenommen wurde, und damit suggerieren, dass diese Irrlehre ja auch im frühen Christentum kursierte – es bleibt die von allen Muslimen zu „glaubende“ Aussage, dass Jesus Christus nicht am Kreuz starb. Was für uns Christen natürlich ein Affront ist, ein Widerspruch zu der zentralen Glaubensaussage unseres Glaubens. Schließlich starb Jesus, wie Paulus schreibt, um für uns zu sühnen und uns zu erlösen von der Macht der Sünde.

Vor diesem Hintergrund mutet es zumindest merkwürdig an, dass „Allah“ in der fünften Sure die Christen auffordert, das Evangelium als Beurteilungsinstanz zu nutzen, um das „zu richten“, was er selbst „herabgesandt“ hat und „darinnen eine Leitung und ein Licht“ (Sure 5, Verse 50f [46f]) zu sehen. Die Schrift anhand der Schrift prüfen – das kommt fast einer reformatorischen Idee gleich. Ergänzt wird diese Aufforderung mit dem Hinweis, die Christen sollten gemäß des Evangeliums leben, es „erfüllen“ (Sure 5, Vers 72 [68]). Und doch werden, paradoxerweise, die Christen im Koran zugleich als Ungläubige angesehen, da sie auch an die Trinität glauben – die nach Sure 5, Vers 116 allerdings aus Gott (Allah?), Jesus und Maria besteht.

Am Ende der fünften Sure wird das neutestamentliche Abendmahlsgeschehen zu einem vom Himmel herab gesandten Tisch verkürzt (Verse112–116), ehe „Jesus“ definitiv verneint, dass er und Maria „als zwei Götter neben Allah“ geglaubt („angenommen“) werden sollen (Sure 5, Vers 116).

Überhaupt Maria. Die 19. Sure trägt ihren Namen als Titel. Ausführlich geht sie auf deren Vita ein, allerdings in Anlehnung an apokryphe Kindheitsevangelien und mit Motiven aus Lukas 1,5–25,57–80. Wieder wird betont, dass Jesus nur der menschliche Sohn Mariens sei. Vehement wird die Gottessohnschaft abgelehnt. Das christliche Bekenntnis wird abgeschmettert: „Wahrlich, ihr behauptet ein ungeheuerlich Ding. Fast möchten die Himmel darob zerreißen, und die Erde möchte sich spalten und es möchten die Berge stürzen in Trümmer, dass sie dem Erbarmer [= Allah, d. Verf.] einen Sohn beilegen, dem es nicht geziemt, einen Sohn zu zeugen. Keiner in den Himmeln und auf Erden darf sich dem Erbarmer anders nahen wie als Sklave.“ (Sure 19, Verse 91 [89]- 94 [93])

Allerdings wird in Sure 21 die Zeugung Jesu in Maria durch Allahs Geist behauptet: „in die wir bliesen von unserem Geiste“ (Vers 91). Jesus ist demnach von Allahs („Gottes“) Geist gezeugt und mit dem Heiligen Geist ausgerüstet worden, aber gleichwohl nur Mensch. Ein etwas anderes „Weihnachts“-Verständnis als das christliche wird deutlich. Die 23. Sure deutet die Himmelfahrt Jesu und Mariens an: „Wir machten den Sohn der Maria und seine Mutter zu einem Zeichen und gaben beiden eine Höhe zur Wohnung, eine Stätte der Sicherheit und eines Quells“ (Vers 52 [50]).

Aber was war nun eigentlich mit dem Heiligen Geist im Koran? Als schöpferische und wunderwirkende Kraft war er mir ja schon begegnet. Doch erst bei der Lektüre der 61. Sure erfuhr ich Erstaunliches: der Heilige Geist, den Jesus laut Neuem Testament den Jüngern verheißen hat, war – Mohammed! Das jedenfalls ergibt eine mögliche Verwechslung der griechischen Bezeichnung Paraklet – parakletos (Helfer, Tröster, Fürsprecher) mit dem ähnlich lautenden periklytos (rühmenswert, lobenswert); periklytos entspräche im Arabischen das Wort ahmad, das inhaltlich das Gleiche wie der Name Mohammed ausdrückt, eben „der Rühmenswerte“. Und Jesus verkündet in Vers 6 „einen Gesandten ... der nach mir kommen soll, dessen Name Ahmad ist.“ Aus dem Geist Gottes wurde so im Koran „ein Rühmenswerter“, eben Mohammed.

Könnte das etwa schon eine Verleugnung des Geistes Gottes sein? Hatte ich wirklich recht verstanden? Jesus, zwar von Gottes Geist gezeugt und mit der Kraft des Heiligen Geistes begabt, ist nur ein Mensch; er ist Gesandter Gottes und Prophet; er verkündet das Evangelium, das später vom Koran bestätigt oder korrigiert wird. Er stirbt nicht am Kreuz, sondern wird als natürlich Gestorbener oder als noch Lebender zu Gott erhöht, ist im Endgericht Fürsprecher, aber kein Erlöser. Christen sind auch Offenbarungsempfänger, glauben aber falsch, da sie an die Trinität glauben, die aus Gott Vater, Jesus und Maria besteht und nicht an den einen einzigen „Gott“ eben Allah, glauben. Christen sind demnach Ungläubige, die entsprechend zu „behandeln“ sind.

Ich gestehe, dass mich diese fundamentalen Differenzen zwischen muslimischem und christlichem Glauben – zumindest wie sie aufgrund der Darstellung im Koran wohl zu folgern möglich sind – zunehmend mit geschärften Ohren hinhören ließen und zwar immer dann, wenn beispielsweise in Talk-Runden nie die – für mich – wirklich wichtigen Themen zur Sprache kamen, und es nur etwa darum ging, ob nun das Kopftuch erlaubt oder nicht erlaubt sei, ob in Kantinen kein Schweinefleisch mehr angeboten werden solle, ob es während des Unterrichts Gebetszeiten in extra dafür vorgesehenen Räumen geben solle. Das alles ist nicht unwichtig, aber eben nicht der Kern der kulturellen Konflikte und religiösen Differenzen.

Gibt es sie also tatsächlich – was Tilman Nagel einmal mit einem Buchtitel formulierte – die „Angst vor Allah“? Verhindert diese Angst, ganz genau hinzuschauen und die Differenzen ohne Umschweife zu benennen? Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Koran.

Der Autor arbeitet als Flüchtlingscoach. Vorher war er Chefredakteur der von „Jugend mit einer Mission“ herausgegebenen Zeitschrift „Der Auftrag“.

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