„Nichts, woran Sie sich erinnern können, ist vorbei“

Die Aufzeichnungen des Kulturpublizisten Henning Rischbieter

Als der promovierte Historiker und Germanist Henning Rischbieter zusammen mit Erhard Friedrich im Jahre 1960 in Hannover die Theaterzeitschrift „Theater heute“ gründete, ahnte er noch nicht, dass dieses Magazin – als westdeutsche Reaktion auf das ostdeutsche „Theater der Zeit“ gedacht – noch heute, 50 Jahre danach, das maßgebliche Organ für alle Theaterschaffenden und -interessierten sein würde. Die Berufung Henning Rischbieters auf den theaterwissenschaftlichen Lehrstuhl der Freien Universität Berlin Ende der 70er Jahre ist auch eine Folge seiner kontinuierlichen leidenschaftlichen Arbeit für das Theater.

Und doch nimmt diese große Leistung des 1927 geborenen Hannoveraners nur einen geringen Teil in seinen Memoiren mit dem lakonischen Titel „Schreiben, Knappwurst, abends Gäste“ ein. Ein deutsches Leben im 20. Jahrhundert blättert auf, beginnend mit der behüteten Kindheit des Handwerkersohns in Hannover, der früh mit den Werten der Ursozialdemokratie in Berührung kam und es dennoch als Junge begeistert in der HJ zum Jungschaftsführer brachte.

Literatur war ihm schon früh eine Antriebskraft

Die Kriegserfahrung des 18-Jährigen, der seinen linken Arm beim Endkampf um Berlin verliert und dies zeitlebens als „Bezahlung“ für das Mitmarschieren versteht, die Suche nach Identität und Lebensperspektive nach dem Krieg, mit allen persönlichen Irrwegen, die die wechselhafte Nachkriegszeit bereithielt, bei gleichzeitiger niedersächsischer Beharrlichkeit und Bodenhaftung – das erzählt Rischbieter knapp und ehrlich und lässt den Leser so an seinem Zeugnis des Jahrhunderts teilhaben. Der Theaterleidenschaft des späteren Kritikers ging die Begeisterung für Literatur voraus, der Junge lebt in Büchern und begreift früh Literatur als Agens. Als 16-Jähriger liest er Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ und wird gepackt vom ersten Satz: „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glücks ergreift.“ Wobei es ihm weniger um eine noch kaum vorhandene „Erinnerung des Glücks“ geht, als vielmehr um die Jugendlichen eigene „wilde Schwermut“ – für einige Jahre findet er sich wieder im Jüngerschen Pathos, bis die norddeutsche Nüchternheit Oberhand gewinnt.

Henning Rischbieter streift durch seine vielfältigen Lebensstationen, blitzlichtartige Momente der Erinnerung wechseln mit längeren Passagen, trocken, ohne überflüssige Worte und ohne viel Aufhebens seiner Person. Frauen, Töchter, Enkel und Urenkel werden nur kurz erwähnt. Immer wieder stellt er die eigene Erinnerung vor Fragezeichen – war es wirklich so? Beschönige ich auch nichts? Interpretiere ich mein damaliges Ich richtig?

Großartig wird er in den Porträts der für ihn bedeutenden Menschen – seiner Großeltern, der beruflichen und privaten Freunde. Er zeichnet ein berührendes Bild des früh verstorbenen Regisseurs Ernst Wendt und schildert die Zusammenarbeit mit dem späteren Dramatiker Botho Strauß, der seine Laufbahn bei „Theater heute“ begann.

Gefühlsüberschwang ist seine Sache nicht, und doch spürt man bei diesen Porträts in den scheuen zurückhaltenden Worten eine tiefe Zuneigung zu den ihm nahestehenden Personen.

Die Gewissheit, Opfer bringen zu müssen

Er habe früh gespürt, dass sich für ihn immer alles zum Guten wenden würde, sagt er an einer Stelle. Woher diese Gewissheit kam, wird nicht gefragt – denn religiös ist Henning Rischbieter nicht, auch wenn der Sohn von Freidenkern durchaus weiß um zu bringende Opfer im irdischen Leben. So eben den verlorenen Arm als Bezahlung für seine jugendliche NS-Begeisterung, und er hat sich auch wiederholt die Frage gestellt, ob dieses Opfer denn wohl ausreichen möge.

Nun, im Rückblick auf ein langes erfolgreiches Leben, sagt Henning Rischbieter: „Vor die Zumutung, sterben zu müssen, schiebe ich eine Blende, auf der steht: ,Ich habe gut gelebt, also kann ich auch gut sterben‘ (...) Die Menschen sind selbstverantwortlich, jedenfalls sollten sie sich miteinander in den Stand setzen, selbstverantwortlich zu sein. Das will mich als das wichtigste Ziel bedünken, das die Gesellschaft, das Miteinander der Menschen, haben sollte.“

Erinnern und Aufschreiben ist auch für andere wichtig

Im Erinnern und Aufschreiben des eigenen Lebens liegt ja nicht nur Bedeutung für den Biographen selbst. Die Beschäftigung mit den Lebensgeschichten anderer ruft auch wieder eigene Erinnerungen hervor, zwingt zur Reflexion der eigenen Vergangenheit und Herkunft.

Mit den Worten von Klaus Heinrich: „Nichts, woran Sie sich erinnern können, ist vorbei.“

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