Nicht ohne meinen Rollenkoffer

Jason Reitmans Spielfilm „Up in the Air“ zeigt mit viel Witz die Kehrseite des beruflichen Reisens

Zur „Generation Rollenkoffer“ gehören meistens junge Leute, die berufsbedingt ständig unterwegs sind. Nicht ganz so jung, dafür aber dauernd auf Reisen ist in der dritten Regiearbeit Jason Reitmans „Up in the Air“ Ryan Bingham (George Clooney), der im Jahr mehr als 300 Tage im Hotel verbringt. Warum Vielflieger mit einem Rollenkoffer reisen, wird dem Zuschauer in diesem amüsanten, aber auch nachdenklich machenden Spielfilm sehr anschaulich vor Augen geführt.

Basierend auf Walter Kirns Roman „Mr. Bingham sammelt Meilen“ erzählt das von Regisseur Jason Reitman zusammen mit Sheldon Turner verfasste Drehbuch von einem Manager, dessen unliebsame Aufgabe darin besteht, quer durch die Vereinigten Staaten zu reisen, um im Auftrag der jeweiligen Firma Mitarbeiter möglichst schmerzfrei über ihre Entlassung zu informieren. Wenn er nicht gerade diese unangenehme Tätigkeit ausübt, wird Ryan eingeladen, vor vollen Sälen Vorträge zu halten. Dabei verwendet der erfahrene Manager gerne ein Sinnbild: Jeder Mensch trage einen Rucksack durchs Leben – je weniger er mit sich schleppe, desto schneller könne er sich bewegen.

Ryan Bingham selbst hat lediglich ein Ziel: Er will der erst siebte Mensch werden, der als „Frequent Flyer“ die sagenumwobene zehn Millionen-Meilen-Schallmauer durchbricht. Dabei empfindet der Manager getreu seinem Vortrag alles, was nicht in einen Rollenkoffer passt, als Ballast. Regisseur Reitman setzt einen anschaulichen Kunstgriff ein, damit Binghams Weltbild erste Risse bekommt: Seine jüngere Schwester Julie wird bald ihren Verlobten Jim heiraten. Weil ihr Geld für eine Hochzeitsreise nicht ausreichen, bittet die ältere Schwester Kara Ryan darum, bei seinen Reisen Fotos von Julie und Jim vor Sehenswürdigkeiten verschiedener Städte zu machen – dafür muss Ryan Bingham eine Pappversion der Brautleute mit sich führen, die nicht in den Rollkoffer passt.

Weil Binghams Rede von leichtem Gepäck nicht nur auf materielle Gegenstände, sondern auch auf zwischenmenschliche Beziehungen abzielt, lässt ihn das Drehbuch auf einer seiner Reisen in einer Hotellobby eine Gleichgesinnte, die selbstbewusste Geschäftsfrau Alex (Vera Farmiga), kennenlernen. Aus einem anfänglichen Spiel darum, wer die besseren Kredit- und Clubmitgliedskarten besitzt, wird eine Liebesaffäre. Fortan stimmen Alex und Ryan ihre Terminkalender aufeinander ab, um sich immer wieder für ein paar Stunden in einem Hotel einer beliebigen Stadt zu treffen. Bald merkt jedoch Ryan, dass er für Alex mehr empfindet, und so bittet er sie darum, ihn zur Hochzeit seiner Schwester zu begleiten.

Ryans perfekt organisiertes Berufs- und Reiseleben könnte ohnehin bald vorüber sein. Denn die ehrgeizige junge Harvard-Absolventin Natalie (Anna Kendrick) hat Ryans Chef Craig (Jason Bateman) davon überzeugt, das von ihr entwickelte System einzusetzen, um die Entlassungen via Videokonferenz abzuwickeln, wodurch sich Ryans Reisetätigkeit erübrigen würde. Allerdings schafft es der (noch) Vielflieger, das offensichtlich Unvermeidbare aufzuschieben: Vorerst soll Natalie persönliche Erfahrungen sammeln, wofür sie den alten Hasen auf seinen letzten Reisen begleiten soll.

Jason Reitmans Inszenierung sprüht nur so vor witzigen Einfällen, wobei er von der exzellenten Kameraarbeit Eric Steelbergs, der immer wieder geistreiche Einstellungen findet, von Dana E. Glaubermans beschwingtem Schnitt sowie von der atmosphärisch-dezenten Musik von Rolfe Kent hervorragend unterstützt wird. Mit ausgeprägter Liebe zum Detail wird so etwa veranschaulicht, wie Ryan seinen Rollenkoffer packt, oder auch wie er am Flughafen die richtige Schlange vor der Sicherheitskontrolle auswählt. Ein besonderer Coup des Regisseurs besteht indes darin, immer wieder schnellgeschnittene Sequenzen mit Laiendarstellern, die selbst vor kurzem aus ihrem Arbeitsverhältnis entlassen wurden, in die Handlung einzuflechten. Diese halbdokumentarischen Szenen, bei denen die Betroffenen vor der Kamera von ihrer Sorge um ihre Zukunft und um ihre Familie oder auch von Selbstmordgedanken sprechen, verleihen der Filmhandlung erheblich mehr Authentizität.

Reitmans Satire auf die Globalisierung und auf ein Leben aus dem Rollenkoffer geißelt bei allem Humor eine Gesellschaft, die einen materialistischen, entmenschlichten Individualismus fördert: „In Gesellschaft lebt sich's besser“, lautet denn auch Ryan Binghams Fazit. „Up in the Air“ plädiert auf witzige, aber eindringliche Weise für Werte wie Liebe, Familie und Solidarität.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer