Augsburg

Neues aus der Volkskammer Gottes

Mit Inbrunst betreibt das "Zentralkomitee der deutschen Katholiken" (ZDK) den sogenannten Synodalen Weg. Die Methoden, die dabei zur Anwendung kommen, erinnern unseren Autor an die Geschäftsordnungstricks der alten Despoten aus der Volkskammer der DDR.
Pressekonferenz zur Eröffnung der ersten Synodalversammlung
Foto: Nadine Malzkorn | Mit fragwürdigen Methoden bringt das Präsidium des sogenannten Synodalen Weges das Verfahren mehr und mehr in Verruf.

Ein Hauch von DDR liegt über dem Synodalen Weg – nicht nur wegen der wunderlichen Gottesvolksvertretung namens „Zentralkomitee“. Im real existierenden Katholizismus orientiert man sich – best practise – auch in Sachen Demokratie an der einstigen Berliner Volkskammer. Das Präsidium arbeitet mit Geschäftsordnungstricks, wie Teilnehmer auf Nachfrage en Detail nachweisen. Informiert werden erst mal die Richtigen, die von der „Bauernpartei“ gar nicht oder zu spät. Korrekturen am Protokoll werden erst nach Verzögerung und auf Protest akzeptiert, Eingaben zum Text nur selektiv eingearbeitet, unliebsamer Einspruch ganz zurückgewiesen. Er entspräche „nicht der bisherigen Linie“, heißt es. Klar, „die Partei, die Partei, die hat immer Recht!“ An das Präsidium darf man sich aber vertrauensvoll wenden, wenn man sich zum Beispiel im Synodalforum III ("Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche) nicht auf die Anzahl der Geschlechter einigen kann. Wer nicht auf Linie ist, scheidet aus, wie der Kölner Weihbischof Schwaderlapp der die Lehre der Kirche im Parteiprogramm vermisste. Was sucht er die auch dort? 

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Ein Beispiel für den Umgangsstil gefällig? Das Präsidium lässt die Mitglieder des Synodalen Weges abstimmen, ob die zweite Vollversammlung als Video-Konferenz durchgeführt werden soll. 61% sprechen sich dafür aus. Klare Sache? Von wegen! Das Präsidium (die Bischöfe Bätzing und Bode, Thomas Sternberg, Karin Kortmann) sagt die dreitägige Vollversammlung ab. Ach! Nachfrage der „Bauernpartei“: Wieso denn das? Antwort des Hohen Hauses: Ja, es hätten sich halt nur 78 % an der Umfrage beteiligt – und 61 % von 78 % das seien nach Adam Riese nun mal nur 48 %, also weniger als die Hälfte. Nanu? Bei der letzten Bundestagswahl hatten sich doch auch nur 76,2 der Bundesbürger an der Wahl beteiligt. Sollte die Merkel ...? Nun hat das vollmächtige Präsidium aber doch für Februar eine zweitägige Videokonferenz aller Mitglieder angeordnet. Beschlossen werden soll nichts; ein „Hearing“ soll es dieses Mal sein. Oder nicht doch ein Schaulauf für die Presse, damit die heute schon gähnende Öffentlichkeit die synodale Nullnummer nicht vollkommen vergisst?

Auf der falschen Seite

Aber es geht nicht nur um den Stil in Verfahrensfragen. „Leider, leider vertreten Sie eine Minderheitenposition!“, wird denen beschieden, die an die Grundzüge kirchlicher Sexualmoral erinnern. Wie kann man nur so bockig sein und dem Votum einer breiten Mehrheit widersprechen? Was ist die Lehre der Kirche gegen die Meinung von Frau Mock? Nun kann man der unzeitgemäßen Auffassung sein, dass Mehrheiten auf dem Gebiet der Wahrheit ungefähr so essentiell sind wie Kamillentee für den Betrieb eines Zweitaktmotors. Um auf der Höhe der Zeit zu sein und dem „merkwürdige(n) Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ gerecht zu werden, möchten die synodalen Vertreter einer „neuen Sexualmoral“ die Lehre der Kirche ändern, ein Lustrecht für alle etablieren, und Sexualität aus der dauerhaften Verbindung eines Mannes mit einer Frau in der Ehe herauslösen – „kein Sakrament mehr, sondern ein Spielzeug“ (N.T. Wright) für alle mit Triebdruck. 

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Der sexuellen Revolution in der katholischen Provinz würde man ja gerne zustimmen, könnte sie „Wahrheit“ für sich beanspruchen. Nun ist es ihren Betreibern aber, wie es Jürgen Habermas für den herrschaftsfreien Diskurs fordert, noch nicht ansatzweise gelungen, eine „Entscheidung durch den Zwang des besseren Arguments“ herbeizuführen. Die Vision von der ethischen Entgrenzung sexueller Selbstverwirklichung steht auf den Hammelbeinchen einer Mehrheitsmeinung. „Polyvalenz“ heißt das Zauberwort, das mit pseudowissenschaftlichem Geschwurbel vorgetragen wird. In der Sexualität, sagen sie, gebe es eben viele Werte – und mal könne doch das Eine im Vordergrund stehen, und dann wieder das Andere. Dazu muss man freilich eine konsistente Logik der Liebe in Abrede stellen, den inneren Zusammenhang der relativ dazu beitragenden Werte leugnen und ihr „Wozu“ sophistisch unterminieren. Dann ist man endlich so divers und plural, dass man sich auf dem Markt der Meinungen wieder blicken lassen kann. Kraft Kamillentee. So ist das halt in einer Mangelwirtschaft.

Klammheimlicher Wechsel der Ebenen

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Schon der platonische Sokrates nimmt in seiner Auseinandersetzung mit den Sophisten den Wert der „Meinung“ auseinander; er besteht auf „wahrem Wissen“. Was ist das für ein lausiger Stil, der da gerade in die Kirche einzieht, Sexualmoral zwischen Mehrheiten und Minderheiten auszukungeln? In Ermangelung durchschlagender Argumente, wird die kirchliche Lehre in einem Mix aus demokratischem Pathos und Sensus Fidelium (= Sensus der Gläubigen) als Minderheitsvotum weggebügelt. Und die einfachen Leute merken nicht, worin das falsche Spiel besteht: im klammheimlichen Wechsel der Ebenen: Von der Wahrheit in die Macht. Von der Vernunft zum Willen. Vom Diskurs zur Gewalt. Von der Theologie in die Politik. Nicht einmal dort sind Mehrheiten auch Wahrheiten. „Demokratie“, war schon Benjamin Franklin skeptisch, „ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.“ Und wo Gender vor der Tür der neuen Moralisten steht, lobe ich mir Willy Brandt selig, der einmal meinte: „Demokratie darf nicht so weit gehen, dass in der Familie darüber abgestimmt wird, wer der Vater ist.“ 

Witzig nur, dass die Jungen und die Frommen – das sind die Leute, die auch morgen noch im Schiff der Kirche zu finden sein werden - Kamillentee hassen, auf die ´Theologie des Leibes´ schwören und den leisen Verdacht haben, es sei nicht der Sensus Fidelium, der sich auf dem Synodalen Weg Luft verschafft, sondern der Sensus Infidelium –der Lifestyle, wonach aller Welt der Sinn steht.

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