Neue Zweifel am Hirntod

Selbst unter Lebensrechtlern ist die Definition des Hirntods nicht eindeutig. Die unterschiedlichen Lager sprechen sich gar gegenseitig die Redlichkeit ab. Licht ins Dunkel bringt ein neues Buch.

Von Alexander Riebel

Die Diskussion über den Hirntod steht kurz vor der Wiederbelebung. Denn die Zweifel häufen sich, ob der Hirntod nicht nur der Tod eines Organs, sondern auch des Menschen ist. Aber selbst unter Lebensrechtlern ist die Definition des Hirntods längst nicht eindeutig, vielmehr sprechen sich die unterschiedlichen Lager gegenseitig die Redlichkeit ab. Die Folgen der Hirntoddefinition liegen auf der Hand. So will die Große Koalition noch in dieser Legislaturperiode prüfen, wie sich die Zahl der Organspender erhöhen lässt. Auch auf der Ebene der Urteilsfindung für die angemessene Definition des Hirntods liegt einiges im Argen – Ärzte sind Transplantationsbeauftragte, die für Forschung wenig Zeit haben. Worauf kann man sich also noch stützen?

Stefan Rehder, Lebensrechtsexperte und Sonderkorrespondent dieser Zeitung, hat das Buch „Grauzone Hirntod – Organspende verantworten“ geschrieben, das umfassend und präzise argumentierend das Thema entfaltet. Er stellt die verschiedenen Auffassungen und ihre Entstehungsgeschichte dar, vor allem bezieht er auch Position. Nämlich diejenige, dass das Hirntod-Argument nicht dasjenige ist, das ein endgültiges Kriterium für den Tod des Menschen sein kann.

Auf der Frankfurter Buchmesse hat nun der Sankt Ulrich Verlag den 190 Seiten starken Band vorgestellt. Die zentralen Fragen der Hirntod-Debatte erörterte dabei Pressesprecher Andreas Laska im Gespräch mit dem Autor vor interessiertem Publikum. So wollte Laska wissen, warum der Hirntod so emotional und nicht sachlich diskutiert wird. Für Rehder ist es selbst für Christen ein schockierendes Ereignis, vom Tod bedroht zu werden, gerade weil der Tod in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt sei. Auch die Angst, bei „lebendigem Leib“ transplantiert zu werden, spiele gewiss eine Rolle. In der Vergangenheit habe es beim Thema Hirntod wenig Transparenz gegeben, aber zuviel Werbung. Dabei gab es die erste Hirntod-Definition schon im August 1968, als die interdisziplinär besetzte Ad-hoc-Kommission der Harvard Medical School in Boston mit einem Aufsehen erregenden Gutachten den Status des irreversiblen Komas klären wollte, also bei Patienten, für die man nichts mehr tun könne, und die deshalb die Kräfte der Ärzte binden. Näher besehen handelte es sich jedoch um fachfremde Interessen am Hirntod. Weshalb sich dann auch bereits einen Monat später der in den Vereinigten Staaten lebende deutsche Philosoph Hans Jonas zu dem Vorwurf an die Kommission herausgefordert fühlte, durch die Gleichsetzung des Tods des Gehirns mit dem Tod des Menschen das Zerschneiden des Patienten bei lebendigem Leib zu rechtfertigen. Der Fachausdruck hierfür hieß Vivisektion. Auch später wurde an diese Kritik angeknüpft, weil es nicht darum gegangen sei, den Zeitpunkt des Todes festzustellen, sondern Kriterien zu finden, wonach das menschliche Leben nicht mehr schützendwert ist. Beim Thema Organspende ist nach Rehder darauf zu achten, ob die Spende vor oder nach dem Tod stattfindet. Wird ein Organ gespendet, wie im Fall des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier eine Niere, sei dies durchaus ein Akt der Nächstenliebe.

Souverän stellt Rehder am Verlagsstand die unterschiedlichen Positionen gegenüber, die um die Hirntod-Definition ringen. Für die Befürworter sei das Hirn der große „Integrator“ des Organismus. Vom Tod des Gehirns hänge hierbei der gesamte Körper ab. Für die Gegner des Hirntods sei das Gehirn eben nicht der unverzichtbare Integrator. Diese Funktion habe es nur beim gesunden Menschen. Wenn das Gehirn beschädigt wird, könnten Subsysteme des Organismus lebenserhaltene Funktionen übernehmen. Schon häufig hätten für hirntot Erklärte weitergelebt, oft über viele Monate und in einem Fall viele Jahre. Und in den Vereinigten Staaten werde bereits der Hirntod als empirisch widerlegt angesehen.

Zu den hochinteressanten Themen des Buchs gehört auch das 7. Kapitel „Über die Seele“. Mit Blick auf die klassischen Theorien über die Seele bei Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin und jüngst bei Robert Spaemann fragt Rehder nach dem Verhältnis des beseelten Leibs und dem Tod. Dabei ergeben sich erstaunliche, für Christen aber eher selbstverständliche, Erkenntnisse über die Lehre von der Sukzessivbeseelung oder wo die Seele nach dem Tod zu denken ist. Die Frage, die hinter allen Hirntod-Debatten steht, bleibt immer die: Was ist der Mensch? Selbst in Rom gibt es nach Rehder verschiedene Auffassungen. Die päpstliche Akademie für das Leben hat Zweifel am Hirntod-Kriterium, die Päpstliche Akademie der Wissenschaften ist dessen Befürworter.

Ob Rehder schon den Organspenderausweis des Papstes gesehen habe, wollte sein Gesprächspartner Laska wissen. Gesehen habe er ihn nicht, meinte der Buchautor, aber man könne in einen Spenderausweis auch eintragen lassen, man sei kein Organspender. Und was bedeutet es, dass der Eintritt des Todes empirisch nicht klärbar ist? Für Rehder kann es so in der medizinischen Praxis nicht weitergehen. Zurzeit gibt es zwar die erweiterte Zustimmungslösung, wonach man sich als Organspender erklären könne, auch Verwandte können das übernehmen. Der Deutsche Ärztetag hat jedoch kürzlich die Einführung einer Widerspruchsregelung gefordert, wonach jeder von vornherein ein Organspender sein soll, und man selbst oder Verwandte diesem ausdrücklich widersprechen müssten. Das sei aber nicht akzeptabel, weil damit gefordert sei, dass jeder Bürger informiert sein muss und sich die entsprechenden Papiere besorge.

Rehder schließt sein auch für Laien gut verständliches Buch mit dem wichtigen Satz: „Soll es mit rechten Dingen zugehen, dürfen daher bis auf weiteres nur Patienten lebenswichtige Organe entnommen werden, welche die sicheren Todeszeichen aufweisen.“ Kriterien für diese Zeichen zu finden, dafür ist die Lektüre von „Grauzone Hirntod“ künftig unerlässlich.

Das Buch von Stefan Rehder „Grauzone Hirntod – Organspende verantworten“ ist im Sankt Ulrich Verlag 2010 erschienen, 190 Seiten, ISBN-13: 978-3867441490, EUR 22,-. Zuvor hatte der Autor schon „Gott spielen – Im Supermarkt der Gentechnik“ (2007) und „Die Todesengel – Euthanasie im Vormarsch“ (2009) veröffentlicht.

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