Neue Volkskrankheit

Die österreichische Politik nimmt das Internet im Kinderzimmer unter die Lupe. Von Stephan Baier
Kind spielt mit Smartphone
Foto: dpa | Chance, aber auch Gefahr: Kinder wachsen selbstverständlich mit Smartphones und Internetzugang auf.

Ein Drittel der österreichischen Kinder verfügt im Einschulungsalter bereits über einen Internetzugang im eigenen Zimmer. Am Ende der Volksschulzeit hat ein gutes Drittel der Kinder ein eigenes Mobiltelefon, das allerdings nicht nur verwendet wird, um die Mama zuhause anzurufen. Sondern auch für Smartphone-Games, zum Versenden von Nachrichten, Bildern und Videos sowie zur WhatsApp-Kommunikation. Kinder seien „den Umgang im digitalen Raum quasi von Geburt an gewohnt“, heißt es in einem Bericht des Ausschusses für Familie und Jugend des österreichischen Parlaments. Dabei wird Digitalisierung grundsätzlich positiv bewertet. „Doch jede Chance birgt auch Herausforderungen und Gefahren: Pornografie, Gewaltdarstellungen, Cyber-Grooming, Belästigung, Cyber-Mobbing sowie Kostenfalle Internet sind einige davon.“ Mit den Stimmen der Regierungsparteien ÖVP und FPÖ, aber auch der oppositionellen SPÖ sowie der „Liste Jetzt“ (vormals „Liste Pilz“) forderte der Nationalrat die Bundesministerin für Frauen, Familien und Jugend nun auf, „die Medienkompetenz von jungen Menschen im außerschulischen Kontext zu stärken“ und Bestimmungen zum Schutz im Internet zu erarbeiten. Lediglich die liberalen „Neos“ stimmten dagegen. Zwar sei Medienkompetenz wichtig, um Kindern und Jugendlichen einen selbstbewussten Umgang mit dem Internet zu ermöglichen, erläuterte in einer nicht leidenschaftslosen Parlamentsdebatte Neos-Abgeordnete Angela Gamon. Der Antrag sei jedoch nichtssagend, oberflächlich und banal. Auch die SPÖ mühte sich, trotz ihrer finalen Zustimmung, dem Antrag eine andere Stoßrichtung zu geben. SPÖ-Parlamentarierin Irene Hochstetter-Lackner meinte: „Kinder brauchen Schutz vor Hass, Intoleranz und sexueller Belästigung im Netz.“ Zum Thema Hass im Netz fielen ihr vor allem Postings der FPÖ ein. Ähnlich wetterte Daniela Holzinger-Vogtenhuber von der „Liste Jetzt“ gegen FPÖ-Sujets: Hass im Netz sei nichts anderes als sprachliche Gewalt. Darum seien Erwachsene mit „rassistischen und homophoben Rülpsern“ im Netz kein Vorbild für junge Menschen.

Worum es der parlamentarischen Initiative tatsächlich geht, schilderte die ÖVP-Abgeordnete Gudrun Kugler: „Wir wissen dass die Hälfte aller Jugendlichen in Kontakt war oder ist mit Hardcore-Pornografie, dass die Erstkontakte zum Teil bereits in der Volksschule stattfinden und zur Hälfte ungewollt sind.“ Pornografie habe „ein ganz hohes Suchtpotenzial“ und werde „fast eine neue Volkskrankheit“. Aus der Pornografie komme „eine Verherrlichung männlicher Dominanz und weiblicher Erniedrigung, sexuelle Gewalt und eine Gefährdung der Beziehungsfähigkeit“. Auf dem Weg der „klassischen Marktdynamik“ begünstige Pornografie darüber hinaus die Kinderpornografie sowie die Ausbeutung von Frauen durch Prostitution und Menschenhandel, so Kugler. Es gehe also erstens um Medienkompetenz und „digitale Alphabetisierung“, zweitens um Prävention. Der Grundsatz sei: „Was offline verboten ist, soll auch online verboten sein.“ Gudrun Kugler kritisierte, dass in Österreich – anderes als etwa in Großbritannien – Schutzfilter teuer seien.

Claudia Plakolm, ebenfalls ÖVP, meinte, um Kinder vor den Schattenseiten im Internet zu schützen, brauche es auch Medienkompetenz für deren Umfeld, also für die Erwachsenen. Kinder würden heute häufig sexuelle Belästigung im Internet erfahren. Edith Mühlgruber von der FPÖ wies darauf hin, dass Kinder und Jugendliche „auch ungewollt schnell zur Pornografie gelangen“ könnten. Ebenso zu Horror und extremen Gewaltdarstellungen. Ziel der politischen Bemühungen müsse sein, Kinder und Jugendliche vor Pornografie und Gewaltdarstellungen zu schützen. Ihre Parteikollegin Ricarda Berger betonte: „Dieser Bundesregierung ist der Schutz der Kinder vor Pornografie und Gewalt ein Herzensanliegen.“ Pornografie sei heute Alltagsrealität für immer mehr Jugendliche. Berger zitierte im Parlament in Wien eine Umfrage des Instituts für Jugendkulturforschung unter 400 Jugendlichen zwischen elf und 18 Jahren: 27 Prozent gaben an, bereits von sexuellen Übergriffen im Internet betroffen gewesen zu sein. Mädchen dreimal häufiger als Buben. „Medienkompetenz ist in unserer digitalen Welt einfach eine Schlüsselkompetenz“, schlussfolgerte die FPÖ-Mandatarin. Mit ihrem Antrag fordern die Abgeordneten etwas ein, was die Regierungsparteien in ihrem Programm versprochen haben: „Jugendliche müssen dabei unterstützt werden, neue Medien nutzen zu können, Gefahren zu erkennen und aktive Mitgestaltung zu lernen“, heißt es da. Konkret haben ÖVP und FPÖ im Regierungsprogramm angekündigt, Schutzfilter für Handys und Computer leicht zugänglich zu machen und zu promoten, Bestimmungen zum Schutz von Kindern vor Pornografie und Gewalt im Internet zu erarbeiten, Unterrichtsmaterial für Lehrer zu Internetgefahren zu erarbeiten sowie Schüler, Lehrer und Eltern zu schulen.

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