„Neue Sicht der sittlichen Wirklichkeit“

Ein Gespräch mit dem irischen Moraltheologen und Papstschüler Vincent Twomey SVD über die Kontroverse um das Interviewzitat des Heiligen Vaters. Von Regina Einig
Foto: Archiv | Pater Vincent Twomey SVD.
Foto: Archiv | Pater Vincent Twomey SVD.
Herr Professor Twomey, die Äußerungen des Heiligen Vaters über Kondome in seinem aktuellen Interviewbuch „Licht der Welt“ werden als eine Relativierung der geltenden Sexualmoral ausgelegt. Trifft das zu?

Nein. Das Problem ist, dass sich die Berichterstattung auf den Osservatore Romano berufen hat. Der Osservatore Romano hat die italienische Übersetzung zitiert, die den Ausgangstext nicht korrekt wiedergibt. Darüber hinaus wird der Text gesondert vom eigentlichen Kontext zitiert. Im deutschen Ausgangstext ist von „begründeten Einzelfällen“ die Rede, in der italienischen Ausgabe des Osservatore Romano hingegen von „singoli casi giustificati“, also von „gerechtfertigten Einzelfällen“.

Was bedeutet das?

„Gerechtfertigt“ ist ein moraltheologischer Fachbegriff, der in diesem Zusammenhang irreführend sein kann. Wäre der Gebrauch von Kondomen gerechtfertigt, dann hätte die Tat eine positive moralische Qualität, aber die hat sie nicht. Der Gebrauch von Kondomen ist noch immer schwer sündhaft. Die englischsprachigen Medien beispielsweise stellen die Interviewpassage so dar, als ob der Papst gesagt hätte, dass es manchmal gerechtfertigt sei, Kondome zu benutzen, um die Verbreitung von AIDS zu

stoppen. Das hat er nicht gesagt. Er hat nur von „einem ersten Schritt“ zur Verantwortung gesprochen. Es soll dem Betroffenen um das Bewusstsein gehen, dass nicht alles gestattet ist. Die Tatsache als solche wird damit nicht gerechtfertigt. Man braucht nicht zu sagen, dass Prostitution in sich schlecht ist. Das Benutzen eines Kondoms mag das Infektionsrisiko ein wenig reduzieren, rechtfertigt aber nicht die Tat als solche.

Welche lehramtlichen Aussagen stehen der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang zur Verfügung?

Die Enzyklika „Humanae vitae“ hat alle Antikonzeptiva für verboten erklärt. Fälle, in denen das Kondom etwa bei männlichen Prostituierten zur AIDS-Prophylaxe eingesetzt wird, sind nicht deswegen gerechtfertigt, weil es nicht in erster Linie um Verhütung geht. Außerhalb der Ehe suggeriert der Gebrauch des Kondoms eine (falsche) Sicherheit (gegenüber Schwangerschaft und neuerdings, wenn auch weniger „wirksam“, HIV-Infektion) und so ist das Kondom in sich schlecht. Der Papst selber hat im Interview gesagt: „.. die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass die Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen.“ Dieser Satz ist viel wichtiger als der die Kontroverse erregende Satz.

Sind mit „begründeten Einzelfällen“ nur männliche Prostituierte gemeint?

Das ist schwer zu sagen. Zunächst war ich geneigt „ja“ zu sagen, aber wenn er das Adverb „etwa“ benutzt, denn hat er den Prostituierten nur als ein Beispiel erwähnt. Wichtig ist zu bemerken, warum der Papst diesen Fall erwähnt hat, auch wenn ich hier nur spekulieren kann, nämlich um zu zeigen: Man kann Prostitution nicht gutheißen, aber jeder Prostituierte hat eine unsterbliche Seele und soll gerettet werden. Es geht um den Fall, dass die Ansteckungsgefahr bei ihm einen Bewusstseinswandel auslöst und ihn anregt, die Lage noch einmal zu überdenken und sich auf seine Verantwortung sich selbst und dem anderen gegenüber zu besinnen. Der Papst will diesen Fall nicht als eine Ausnahmesituation darstellen, sondern als Beispiel, wie das Bewusstsein der Gefahr der Infektion seiner selbst oder der anderen Partner das Verantwortungsbewusstsein des Prostituierten wecken könnte, der sonst seine Sexualität missbraucht beziehungsweise banalisiert.

Prostitution bedeutet in vielen Fällen auch Missbrauch Minderjähriger und Zwangsprostitution.

Das ist tragisch. Es ist wichtig, vor Augen zu haben, dass Kondome keine Lösung darstellen, sondern ein Problem, vor allem mit Blick auf die allgemein unkritische Annahme, Kondome seien sicher. Sie mindern die Ansteckungsgefahr mit dem HIV-Virus nur zu einem gewissen Grad. Die moderne Gesellschaft muss eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, dass sie sich auf jedes Wort des Papstes zu diesem Thema stürzt, wie es auch bei seiner Afrikareise der Fall gewesen ist. Die moderne Gesellschaft will um jeden Preis eine Bestätigung von der Kirche für ihren Lebensstil haben, die es nicht geben kann. Dahinter steckt meiner Meinung nach ein schlechtes Gewissen. Und das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Es kann zur Reue führen.

Ist die strikte Ablehnung von Kondomen grundsätzlich gerechtfertigt?

Ja. Darf ich hinfügen, dass die Interviewaussage des Heiligen Vaters nur eine Meinung ist und er nicht die Absicht hat, die kirchliche Lehre zu ändern. Papst Benedikt XVI. hat in „Licht der Welt“ geäußert, dass der Papst in seiner Privatmeinung auch irren kann. Es ist erstaunlich, dass eine meines Erachtens falsche Deutung seiner Worte über Kondome nun als fast unfehlbar dargestellt wird, also ob sie die festgelegte kirchliche Lehre geändert hätten. Das ist eine vollkommen verzerrte Perspektive.

Entspricht die Vorstellung, man könne Kondome in stark eingeschränktem Maß dulden, der Realität? Es gibt sie bei uns in jedem Drogeriemarkt.

Der Papst kennt die Realität, besser: die allgemeine Praxis. Er hat bereits früher festgestellt, dass Kondome überall zur Verfügung stehen – ganz unabhängig davon, wie die Kirche ihren Gebrauch beurteilt. Mehr noch: Internationale Organisationen wie die UNO verteilen sie gezielt. Einer meiner afrikanischen Studenten hat mir erzählt, dass Kliniken in seiner Heimat oft nicht einmal einfache Medikamente wie Aspirin zur Verfügung haben, Kondome aber immer. Dahinter steckt ein Versuch westlicher Nichtregierungsorganisationen, anderen ihre eigenen Wertvorstellungen aufzupfropfen und außerdem steckt dahinter oft ein geschäftliches Interesse der Produzenten solcher Antibaby-Pillen und Kondome. Das Endergebnis ist ein Ansporn zu der ungebundenen sexuellen Praxis, die HIV/AIDS begünstigt. Die Kirche predigt Abstinenz und Treue als Verhaltensweise, die der Realität eigentlich entspricht.

Wäre eine Null-Toleranz-Haltung der Kirche gegenüber Kondomen vor diesem Hintergrund ein Zeichen der Solidarität mit den Armen?

Ja, in gewissem Sinn, auch wenn die Medien dies als lächerlich hinstellen würden. Die Äußerung des Papstes muss vor dem Hintergrund der fortgesetzten Auseinandersetzung in der Moraltheologie betrachtet werden. Seit vierzig Jahren setzen sich Moraltheologen damit auseinander, welche Handlungen nicht nur im Bereich der Sexualität in sich schlecht sind und ob sie in der Tradition der Kasuistik in bestimmten Ausnahmesituationen gestattet werden können oder, um die Sprache der italienischen Übersetzung zu benutzen, „gerechtfertigt“ werden können. Die kirchliche Lehre lehnt gerade diesen Kompromiss ab. Sie betont, dass es sittliche Taten gibt, die in sich schlecht sind, und dass es deshalb keine Ausnahmesituationen gibt, die sie sittlich erlaubt machen. Wenn der eine Satz des Papstes im Interview so verstanden worden wäre, dass der Papst im Gebrauch von Kondomen eine Ausnahmesituation sieht, bedeutete diese Interpretation nicht nur eine Rückkehr zur Kasuistik, sondern auch eine Umwälzung der kirchlichen Lehre, die zum Beispiel in Veritatis splendor lehramtlich festgestellt worden ist. Gerade das will Papst Benedikt XVI nicht. In der neuesten Entwicklung in der Moraltheologie hat man die Tugendlehre wieder entdeckt, die die innere Dynamik des sittlichen Werdens betont, sodass jede menschliche Tat den Täter in eine moralische Entwicklung entweder in Richtung Tugendhaftigkeit oder Lasterhaftigkeit bringt. Eine moralische Tat kann auch entweder die festgelegte Richtung (erworbene Disposition oder Habitus) bestätigten oder den ersten Schritt ins Gegenteil bedeuten. Wenn der Papst von einem ersten Schritt des Prostituierten auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität, spricht, so meint er meines Erachtens gerade diese Dynamik. Diese ist eine neue Sicht der sittlichen Wirklichkeit, die die althergebrachte Kasuistik überschreitet, in der die Diskussion über das Interview bis dato geführt wurde.

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