Neue Ideen brauchen Legendenbildung

Die „Süddeutsche Zeitung“ druckt Beiträge der atheistischen Gruppe „Dritte Kultur“ zur Künstlichen Intelligenz nach. Von Alexander Riebel
AI(Artificial Intelligence) concept.
Foto: Adobe Stock | Hier soll nur noch das Welt sein, was dem Geist der Wissenschaft entspricht.

Wer zu den Brights gehört, scheint einfach einen Vorsprung zu haben. Die hellen Köpfe stehen nicht nur in der Tradition der Aufklärung, viel mehr noch treiben sie diese aktiv voran: Noch weniger Religion, noch mehr Technik. Nur waren das nicht die Ziele der Aufklärung – Kant etwa hielt gegenüber seinen französischen Kollegen an Gott, Seele und Unsterblichkeit fest, und die Technik war ihm gerade nicht das Zeichen für den Fortschritt der Menschheit, sondern das war für ihn allein die Entwicklung der Rechtsprinzipien. Die Brights wollen also etwas Neues gegenüber der Aufklärung, nämlich eine verschärfte Sicht der Dinge, die sich ihre eigene Tradition schafft. Dazu gehört auch eine eigene Legendenbildung. Nicht nur die „Süddeutsche Zeitung” holt diese Ideen jetzt verstärkt nach Deutschland, bereits der frühere FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hatte engen Kontakt zu dem Kreis und dessen Ideen ins Blatt gebracht.

Die Brights sind mit ihrer „Dritten Kultur“, ihrer Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaft, seit 1996 auf der Internetseite Edge.org mit Debattenbeiträgen zur biologischen und kulturellen Evolution, zu Maschinenmenschen, Psychoanalyse, Bewusstseinstheorien oder zur Künstlichen Intelligenz. Diese Internetseite geht aus Treffen des „Reality Clubs“, von „Edge Dinners“ und diversen anderen Treffen sei 1981 unter Leitung des Literaturagenten John Brockmann hervor. Entscheidend für diese Forscher ist ihr neues atheistisches Weltbild, das jegliche übersinnlichen Aussagen ablehnt. Zu der Gruppe um Edge.org gehören unter anderem der atheistische Biologe Richard Dawkins, der Vorsitzende der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon oder ebenfalls bei der Stiftung der Philosoph Gerhard Vollmer, der Philosoph Daniel Dennett sowie der Psychologe Steven Pinker, früher auch der Atheist Christopher Hitchens. Aus einer „John Brockmanns jüngsten Tafelrunde zur Künstlichen Intelligenz ist eine Textsammlung entstanden“, hieß es kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“, die diese Texte nun als Serie abdruckt.

In dem Einführungsartikel zur Serie „Der Geist der unbegrenzten Möglichkeiten“ (15. März) geht John Brockmann gleich zur Sache: Künstliche Intelligenz, die „Geschichte hinter allen anderen“, ist „Wiederkehr des Messias und Apokalypse in einem: Gute KI gegen Böse KI“. Warum die KI die Geschichte hinter allem ist, belegt Brockmann jedoch nicht. Er hätte etwa auf die Kybernetik-Forschungen Gotthard Günther zu einer die klassische Logik überholenden Logik verweisen können, die die US Air Force in den fünfziger Jahren immerhin für so wichtig hielt, dass sie Günther dafür bezahlte; damit wäre zumindest das Besondere der KI herausgestellt worden. Stattdessen flüchtet sich Brockmann in Legendenbildungen. Er spricht von gemeinsamen Abendessen mit Künstlern wie Nam Jun Paik, Lee Levine, Andy Warhol oder mit dem Komponisten John Cage – letzterer sei begeistert gewesen von der Idee, dass „wir mit der Erfindung elektronischer Technologien unser zentrales Nervensystem externalisiert hätten, also unseren Geist”. So simpel geht es auf Edge.org auch heute noch zu – das Nervensystem als Geist. Und immer wieder der Bezug zum Kybernetiker Norbert Wiener, über den der Wissenschaftshistoriker George Dyson geschrieben habe: „Keine Elite konnte seiner Kritik entkommen, von den Marxisten über die Jesuiten (der gesamte Katholizismus ist eigentlich eine totalitäre Religion)...“

Die Mischung aus Religionskritik und Gebanntheit durch die Technik gibt es auch beim Psychologen Steven Pinker. So schrieb er in seinem 2011 erschienenen Buch „Der Stoff aus dem das Denken ist“ Sätze wie: „Für die Wissenschaft des Geistes ist es och ein großes Rätsel, warum unsere Gesprächsthemen angesichts einer unangenehmen Erfahrung – wir schneiden unseren Daumen gemeinsam mit dem Brötchen auf oder kippen uns ein Glas Bier in den Schoß – abrupt in die Bereiche der Sexualität, Ausscheidung oder Religion wechseln.“ Eine Feststellung, der Pinker keineswegs ablehnend gegenübersteht. In seinem Debattenbeitrag „Die einzige Gefahr ist der Mensch“ (SZ, 21. März). sieht Pinker, eigentlich Psychologe, sieht in der Künstlichen Intelligenz kein Problem, besonders nicht darin, dass Maschinen einmal die Kontrolle über Menschen übernehmen könnten. Woher er die Sicherheit nimmt, sagt er nicht. Ob solche Beruhigungsartikel Sinn machen, bevor die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz in der Artikelserie geklärt wurde, wie es im Untertitel jedes Mal angekündigt wird, ist fragwürdig. Eine Antwort auf die Frage nach der Künstlichen Intelligenz bleiben die Artikel bisher schuldig. Edge.org hat die beiden bisherigen Beiträge der „Süddeutschen“ abgebildet und so wollen sich offenbar Geistesverwandte einer atheistisch-technischen Weltsicht gegenseitig spiegeln.

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