„Neocon“, „teocon“, „teodem“, „neodem“

Was mag das sein: „neocon“, „teocon“, „teodem“? Die Lektüre italienischer Zeitungen verlangt eine spezielle Kenntnis politischer Gegenwartsbegriffe – die sich in keinem Wörterbuch finden lassen. Dass der Erzbischof von Pisa, Alessandro Plotti, jetzt gegenüber der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ erklärte, es sei eine große Gefahr und ein Irrtum, „wenn sich die Kirche ihre Agenda von den ,atei devoti‘ und den ,teocon‘ diktieren lässt“, zeigt auch bei den kirchlichen Würdenträgern eine gewisse Vertrautheit mit den Schlagworten der italienischen Innenpolitik. Um aber zu verstehen, was er damit meint, hilft nur Fingerspitzengefühl für sprachliche Verwüstungen und durch tägliche Zeitungslektüre gewonnene Begriffsbildungs-Erfahrung.

Leute, die plötzlich laufend von Gott sprechen

Alles begann mit dem Wort „Neocon“, im Deutschen als „Neokon“ bekannt, das sich von der Bezeichnung der „Neokonservativen“ ableitet. Das ist ja noch einfach. Jene Strömung in der Politik samt den dazu gehörenden „think-tanks“ geht zurück auf die Zeiten Ronald Reagans und Margret Thatchers, als sich in Verbindung mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik und im Verbund mit dem Antikommunismus Johannes Pauls II. eine Renaissance all dessen einstellte, was bisher als „konservativ“ und „rechts“ galt. Moralische Werte zählten wieder etwas, der von Papst Wojtyla hoch gehaltene Personen-Begriff begann auch amerikanische Intellektuelle zu begeistern – katholische wie aber auch protestantische –, und musste man gestern noch links sein, um als medientauglich und fortschrittlich zu gelten, so durfte man sich jetzt wieder als Neo-Konservativer outen – als „Neokon“ eben. Unter Präsident George W. Bush II begann der Abstieg der „Neokons“. Nach dem gescheiterten Irak-Krieg und dem Abgang von Leuten wie Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz war es wieder weniger chic, ein „Neokon“ zu sein – dafür machte man eine neue Gattung von Politikern aus: die „Theokons“. Jene also, die plötzlich laufend von Gott sprechen, davon überzeugt sind, dass vor 6012 Jahren die Erde geschaffen worden sei und auch sonst keine Gelegenheit verpassen, um an den „Allmighty“ zu erinnern. Oben genannter George W. Bush rückte in die Nähe dieser Spezies und in Italien gerieten stramme, konservative Katholiken in den Geruch, ebenfalls ein „teocon“ zu sein.

Die italienischen Medien waren es dann auch, die aus dem Begriff eine weitere Gattung ableiteten, die der „teodems“. Das waren keine Konservativen, sondern eher Linke, Demokraten eben, die plötzlich zugaben, mit dem lieben Gott überhaupt keine Schwierigkeiten mehr zu haben. Vom Saulus zum Paulus gewandelte Radikale und Kommunisten etwa, wie Roms Bürgermeister Walter Veltroni – jetzt auch noch Chef der neue Linkspartei „Partito Democratico“ – oder der stellvertretende Ministerpräsident Francesco Rutelli, die keine Schwierigkeiten damit haben, bei jeder passenden Gelegenheit zum Gebet des „Engel des Herrn“ mit dem Papst auf den Petersplatz zu laufen, um ihre Solidarität mit dem „Nein“ der Päpste zum Irak-Krieg zu bekunden, sind prominente Vertreter dieser Klasse,

Eine Seitenlinie stellen die „atei devoti“ dar, die frommen Atheisten, die bei jeder Gelegenheit bekunden, ein Ungläubiger zu sein, aber die gesellschaftlichen und moralischen Anliegen der Kirche mit Verve zu vertreten. Der Autor, Journalist und Fernsehmoderator Giuliano Ferrara ist ein Vorzeigeexemplar dieser Gruppierung wie auch Massimo Cacciari, Philosoph und zugleich Bürgermeister von Venedig. Ferrara hat das Moratorium in Sachen Abtreibung erfunden, Cacciari hatte die Ehre, in Rom das Jesus-Buch von Papst Benedikt vorzustellen.

Dringend nötig: Ein gewisses Basiswissen in Gesinnungskunde

Bleiben noch – um den Kreis zu schließen – die „neodems“, Linke, Demokraten also, die neoliberalen Wirtschaftsideen anhängen. Der aus der sozialistischen Partei kommende Silvio Berlusconi ist so ein Exemplar und es ließen sich noch manche freimaurerisch und populistisch angehauchte Politikerstars nennen, die man mit diesem Etikett versehen könnte.

Mit diesem Basiswissen in italienischer Gesinnungskunde ausgestattet zurück zu unserem Erzbischof aus Pisa, der offenbar Schwierigkeiten damit hat, dass die Kirche sich zu sehr mit „teocons“ und den „atei devoti“ einlässt. Und Alessandro Plotti setzte noch eins drauf. All diese neuen kirchlichen Bewegungen, gemeint sind wohl Gemeinschaften wie Comunione e Liberazione oder der „Neokatechumenale Weg“, die aus allen Landesteilen herangekarrt werden, wenn die Kirche etwa einen „Family Day“ begeht, sind dem Monsignore aus der Stadt mit dem schiefen Turm offenbar suspekt. „Leider sind es die katholischen Bewegungen“, vertraute Plotti dem Turiner Blatt an, „die diese Manie haben, überall mit Transparenten und Fahnen rumzulaufen. Wo immer die auch hingehen“, klagte der Erzbischof, „sind die nicht in der Lage, ganz normal unter den Leuten zu stehen. Wir haben sie in Loreto gesehen, beim ,Family Day', und bei den Papstaudienzen am Mittwoch. Leider“, so warnte Plotti, „haben diese kirchlichen Vereinigung und Bewegungen den Hang zum Präsenzialismus und werden so päpstlicher als der Papst. Damit besteht die Gefahr eines Bumerang-Effekts, der antiklerikale Gefühle wieder aufleben lässt.“

Hat die italienische Politik vier Seelen – die „neocons“, die „teocons“, die „teodems“ und die „neodems“ –, so hat die italienische Kirche eben mindestens zwei. Die eine Seele – sie erfüllte den verstorbenen polnischen Papst wie auch seinen Bischofsvikar für Rom, Kardinal Camillo Ruini – möchte eine starke Präsenz der Katholiken in Politik und auf den Plätzen, die andere – der ehemalige Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini wäre hier als Vordenker zu nennen – wünscht sich mehr Zurückhaltung und dafür ein diskretes, vom Glauben getragenes Wirken vor Ort. Der Erzbischof von Pisa gehört sicherlich zur zweiten Seelen-Sorte und vermutet, wenn er über den von ihm so genannten „Präsenzialismus“ klagt, einen Hang zum Fundamentalismus, den er auch bei den „teocons“ und den „atei devoti“ auszumachen scheint.

Was die Nachfolge von Camillo Ruini verraten wird

Doch nicht genug. Bei all diesen Aufspaltungen der politischen und der kirchlichen Seelen muss man noch eine weitere Unterscheidung treffen: auf katholischer Seite. Da sind solche, die die Beziehungen zur Politik lieber in den Händen der Italienischen Bischofskonferenz sehen – und andere, die dem Vatikan und hier insbesondere dem Staatssekretariat die Federführung überlassen möchten. Die Nachfolge des bald abzulösenden Bischofsvikars Camillo Ruini wird darüber Aufschluss geben, welche Fraktion die derzeit stärkere ist. Wie es weiter geht in Italien, nach dem Rücktritt Ministerpräsident Prodis und in den Beziehungen zwischen Kirche und Politik, kann jetzt noch niemand sagen. Aber wer die Entwicklung verfolgen möchte, braucht diesen Seelen-Führer, dieses kleine ABC. Sonst verfängt man sich im Nebel der Begriffe.

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