Naturmystikerin und unorthodoxe Christin

Verschlungene Lebenswege: Zum 200. Geburtstag der englischen Schriftstellerin Emily Brontë. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Wegen zuweilen heftiger Gefühlsausbrüche in den Romanen wurde ihr Werk anfangs eher Männern zugeschrieben: Emily Brontë.
Foto: IN | Wegen zuweilen heftiger Gefühlsausbrüche in den Romanen wurde ihr Werk anfangs eher Männern zugeschrieben: Emily Brontë.

Emily Brontë ist heute besser unter ihrem eigenen Namen als unter jenem Pseudonym bekannt, unter dem sie einst ihre Werke veröffentlichte. Ihre Zeitgenossen hingegen bewunderten die atmosphärisch dichten Werke von Ellis Bell.

Emily, geboren vor 200 Jahren am 30. July 1818 in Thornton, einer kleinen Ortschaft in der Grafschaft Yorkshire, hatte fünf Geschwister. Ihr Vater, ein Ire, wurde kurz nach ihrer Geburt nach Haworth versetzt, wo er als Pfarrer wirkte. Die Kinder wurden, wie zu dieser Zeit weithin üblich und in England ja bis heute möglich, zunächst zuhause unterrichtet, wobei der Vater besonderen Wert auf die literarische Bildung legte.

Als Maria Brontë, die Mutter Emilys, 1821 an Krebs starb, war dies ein tiefer Einschnitt, denn die älteren Töchter Maria, Elisabeth und Charlotte wurden von da an in der Clergy Daughters School in Cowan Bridge unterrichtet, einer Bildungseinrichtung, die genau so schrecklich war, wie man es heute in Berichten von Kommissionen lesen kann, die Missbrauch und Gewalt gegen Kinder untersuchen. Charlotte, Emilys ältere Schwester, verarbeitete ihre Erlebnisse später in ihrem Werk Jane Eyre. Auch Emily stieß drei Jahre später zu ihren Schwestern, wurde aber nach einem Ausbruch von Tuberkulose, in deren Zuge die ältere Schwester Maria starb, gemeinsam mit ihren beiden anderen Schwestern wieder nach Hause geholt und von nun an von ihrer Tante unterrichtet.

Das zurückgezogene, eher scheue, naturliebende Kind begann schon bald kleine literarische Werke zu verfassen und kreierte, wie viele Kinder in dieser Phase, diverse fantastische Welten. Ihre Fantasie entzündete sich an einer Kiste Zinnsoldaten, ein Geschenk an ihren Bruder Branwell, die sie verschiedenste Abenteuer erleben ließ. Die meisten dieser frühen Werke sind heute verschollen, nur einige wenige Gedichte sind noch erhalten.

Emily arbeitete auch mit ihren ebenfalls literarisch ambitionierten Schwestern zusammen und entwickelte beispielsweise gemeinsam mit Anne eine fiktionale Welt, die auf einer Insel namens Gondal zuhause war und deren selbsterdachte Mythen und Legenden die beiden Schwestern ihr Leben lang begleiteten. Als sie siebzehn war, schickte ihr Vater Emily für eine kurze Zeit wieder zur Schule, diesmal eine, an der ihre Schwester Charlotte bereits als Lehrerin arbeitete, aber auch der zweite Versuch schlug fehl.

Charlotte beschreibt, warum: „Freiheit war Emilys Lebensatem, ohne sie ging sie zugrunde. Der Wechsel von ihrem zuhause in die Schule, von einer sehr ruhigen, sehr abgeschlossenen aber freien und ungekünstelten Lebensweise zu einer, die von disziplinierter Routine (wenngleich unter sehr freundlichen Vorzeichen) geprägt war, konnte sie nicht ertragen. Ich spürte in meinem Herzen, dass sie sterben würde, wenn sie nicht nach Hause gehen dürfte und so konnte sie zurückkehren.“

Die sensible Konstitution blieb ihr ganzes Leben lang prägend für Emily. Denn als sie, nun 20 Jahre alt, als Lehrerin an der Law Hill School in Halifax zu unterrichten begann, hielt ihre zarte, einem zurückgezogenen Leben zugeneigte Konstitution dem damals von Lehrerinnen geforderten 17 Stunden-Tag nur ein halbes Jahr stand.

Sie kehrte zu ihrem Vater zurück und übernahm die Führung des Haushaltes. Die Freiheit zu atmen, die sie mit dieser Lebensform verband, setzte neue Kräfte frei und sie begann, sich selbst Deutsch und das Klavierspielen beizubringen. Doch weitere Versuche als Lehrerin zu arbeiten, diesmal gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte, später in Haworth waren nie von langer Dauer, was jedoch keineswegs an ihren Talenten lag. Ihre Tätigkeit als Klavier-, Deutsch- und Französischlehrerin in Belgien war sehr erfolgreich, was den Schulleiter zu der Äußerung veranlasste, „Sie hätte als Mann geboren werden sollen“. Was sich hinter diesem bemerkenswerten Diktum verbirgt ist nicht weiter als: Wäre Emily ein Mann gewesen, hätte sie ihren Interessen folgen und ihre Talente frei entfalten können. Ihr logisches Denkvermögen, ihr starker, sogar unbeugsamer Wille, wäre ihr nicht als unweiblich und somit als Charakterfehler ausgelegt worden, sondern hätte ihr vielmehr zum Vorteil gereicht.

An Ruhm war der jungen, sensitiven und begabten Frau nicht gelegen. Sie war sogar empört, als ihre Schwestern ihr vorschlugen, einen gemeinsamen Gedichtband zu edieren und gab nur sehr zögerlich ihre Zustimmung. Doch der Band wurde ein Erfolg und es waren Emilys Gedichte, deren Musikalität und geistige Aussagekraft am meisten überzeugten.

Ihr heute bekanntestes Werk, das noch immer zum Kanon jedes englischen Literaturstudenten gehört, ist Wuthering Heights, ein atmosphärisch dichtes Opus, in dem die Autorin nicht nur eigene Erfahrungen verarbeitet, sondern auch die ihr zugeschriebenen Eigenschaften einer unorthodoxen Christin mit teilweise häretischen Ansichten und einer ausgeprägt mystischen, sich jedoch vor allem an der englischen Moorlandschaft entzündenden Grundhaltung präsentierte. Ihr Werk wurde, vor allem wegen der Leidenschaft und der häuslichen Gewaltszenen, von den ersten Rezensenten ganz eindeutig als das eines Mannes angesehen. Einer Frau mochte man die archaisch wirkenden, wild und geradezu barbarisch wirkenden Gefühlsausbrüche der handelnden Personen nicht zuschreiben.

Inwieweit sich die rigide religiöse Grundhaltung einiger der Charaktere, etwa des Knechtes, der jedem, der sich nicht schnell genug aus seiner Reichweite entfernte, vorherzusagen pflegte, dass er zur Hölle fahren werde und damit nicht nur die Kinder in Angst und Schrecken versetzte, wissen wir nicht. Es mag auch ein Gesellschaftsbild ohne engere Bezüge zu Emilys eigener Familie sein. Ihre Leser waren jedenfalls gleichermaßen erschreckt und fasziniert. Wer sich aber nun weitere Werke des begabten Autors Ellis Bell erhoffte, wurde ungeachtet der Ankündigung eines bereits in Entstehung begriffenen weiteren Romans enttäuscht.

Manuskriptteile dieses zweiten Werkes sind, wenn sie denn vorlagen, von Emilys Familie nach ihrem Tod am Morgen des 19. Dezember 1848 vernichtet worden. Die Ursachen von Emilys Tod sind – abgesehen von ihrer stets schwachen Konstitution, nicht letztlich geklärt. Neben dem rauen Klima weisen Biografen vor allem auf eine mögliche Verunreinigung des Trinkwassers hin, die durch den nahen Friedhof verursacht wurde und ihre Konstitution immer mehr schwächte, sodass sie nach dem unerwarteten Tod ihres geliebten Bruders am 24. September eine schwere Lungenentzündung und schließlich eine Tuberkulose entwickelte.

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