Natalia Sanmartin Fenollera: „Gott ist ein toller Pädagoge“

Der internationale Durchbruch der spanischen Wirtschaftsjournalistin Natalia Sanmartin Fenollera kam mit ihrem ersten Roman „Das Erwachen der Senorita Prim“ („Die Tagespost“ berichtete am 18. Juli). Im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert sie ihre Beziehung zur Literatur, zum Glauben und zur Tradition. Von Regina Einig
Schriftstellerin Natalia Sanmartin Fenollera
Foto: Ricardo Martín

Viele Leute fragen sich: „Wie kann eine Wirtschaftsjournalistin einen Roman wie „Das Erwachen der Senorita Prim“ verfassen? Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Literatur interessiert mich vor allem als Leserin. Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen, in der ich von klein auf Zugang zu allen Büchern hatte. „Das Erwachen der Senorita Prim“ habe ich also nicht geschrieben, weil mich die Literatur als berufliche Tätigkeit interessiert hätte, sondern weil ich bestimmte Themen ansprechen wollte. Eine fiktive Geschichte schien mir da genau das Richtige zu sein. Ich wollte zwei entgegengesetzte Weltbilder darstellen: die Moderne und die Tradition. Und mir lag daran, auch die Wahrheitssuche zu thematisieren. Literatur ist für mich ein ganz wichtiges Instrument, um das zur Sprache zu bringen: wie notwendig wir alle diese Suche haben. Für mich ist es kein Zufall, dass Christus im Neuen Testament sehr oft in Gleichnissen spricht. Darum ging es mir vielmehr als darum, bloß eine Geschichte zu erzählen. Ich habe es aber in eine Geschichte verpackt und dabei kam San Ireneo de Arnois heraus, ein rebellisches Dörfchen, das der modernen Welt den Krieg erklärt hat – und auch die Senorita Prim.

Wollten Sie dem Leser eine Brücke schlagen, um ihm das Evangelium näherzubringen oder ihn vom Skeptizismus zu bekehren?

Nein, eigentlich wollte ich die Aufmerksamkeit auf bestimmte Begriffe lenken, die heute anscheinend ganz aus dem Blick geraten sind. Viele davon betreffen göttliche Attribute: das Gute, die Wahrheit und die Schönheit. Evangelisieren war zwar nicht meine Absicht, aber ein christliches Weltbild ins Spiel zu bringen, das viele ablehnen, weil sie es nicht kennen. Eine Geschichte über drei Eckpfeiler zu erzählen – das Gute, die Wahrheit und die Schönheit, und darüber, dass der Mensch danach suchen muss – mehr wollte ich nicht.

Glauben Sie, dass neben dem Guten und der Wahrheit auch die Schönheit eine Spur sein kann, die Menschen hilft, die Wahrheit zu entdecken?

Ich glaube, dass Gott ein toller Pädagoge ist und auf verschiedenen Wegen wirkt. Ein ganz besonderer und wichtiger Weg ist die Schönheit; allerdings haben wir in gewisser Weise die Fähigkeit verloren, das wahrzunehmen. Es ist doch kein Zufall, dass das 20. und das 21. Jahrhundert mit seinen fürchterlichen Pathologien – Kriege, soziale Probleme, die Auflösung der Familie, alle möglichen Formen der Gewalt – auch die Jahrhunderte sind, in denen brutal mit dem Ideal der Schönheit gebrochen worden ist. Das ist in der bildenden Kunst geschehen, in der Literatur, in der Architektur und hat seine Gründe. Das Christentum hat immer versucht, den Weg der Schönheit durch die bildende Kunst, die Poesie und die Literatur darzustellen. Als man sich von der christlichen Kultur abgewandt hat, ist dieser Weg aus den Augen geraten.

Geistliches Zentrum des Romans ist eine Benediktinerabtei. Stand Ihnen dabei ein bestimmtes Kloster vor Augen?

Ja, sogar mehrere, aber das eigentliche Vorbild, an dem ich mich orientiert habe, ist Le Barroux in Frankreich. Der Roman kann auf drei verschiedenen Ebenen gelesen werden. Am einfachsten ist die erste: als Sittengemälde und Liebesgeschichte. Bei dieser Lektüre bleiben viele Leser stehen. Als Liebesgeschichte endet der Roman allerdings etwas enttäuschend, denn nach den zeitgemäßen Regeln der Kunst bleibt die Geschichte sehr gemäßigt. Die zweite Ebene spiegelt den Zusammenprall zweier völlig entgegengesetzter Weltbilder, die beide nicht miteinander vereinbar sind: nämlich die Moderne und die Tradition. Am wenigsten erschließt sich auf den ersten Blick die dritte und wichtigste Ebene. Sie handelt von der Geschichte einer religiösen Bekehrung. Wegen der zweiten und dritten Erzählebene habe ich San Ireneo im Umfeld einer Abtei platziert.

Warum?

Weil ich einen Gemeinschaftstyp darstellen wollte, der in der DNA Europas steckt und das Modell begründet, nach dem Europa entstanden ist. Ein Dörfchen, dessen Mittelpunkt eine traditionalistische Benediktinerabtei ist, ein Ort, an dem nachbarschaftliche Kontakte gepflegt werden, stabile Familien da sind, Traditionen gepflegt werden und die Wirtschaft klein und familiär ist. Ich brauchte San Ireneo nicht zu erfinden, denn das Modell gab es schon. So ist Europa entstanden.

Haben Sie Le Barroux gekannt, als Sie den Roman geschrieben haben?

Ich war noch nicht dort gewesen, als ich den Roman geschrieben habe. Aber ich hatte über Le Barroux gelesen und Freunde hatten mir davon erzählt. Ich bin katholische Traditionalistin und habe über die Tradition und die überlieferte römische Liturgie wieder zum Glauben gefunden. Als das Buch in Frankreich erschien, bin ich nach Le Barroux gefahren und habe die Nonnen in der Abtei Notre-Dame de l'Annonciation und die Mönche der Abtei Sainte Madeleine kennengelernt. Die Mönche hatten das Buch gelesen und mich eingeladen. So kam der Besuch zustande. Es war wunderbar, und ich bin aus ganzem Herzen dankbar dafür, dass ich sie kennenlernen konnte. Wir halten weiterhin Kontakt. Le Barroux ist ein ganz besonderer Ort für mich. Im Buch gibt es aber auch noch Anspielungen auf zwei weitere Klöster. Das eine ist San Benedetto in Nursia – dort endet die Geschichte –, und das andere ist die Abtei Our Lady of Clear Creek in den Vereinigten Staaten. Die Geschichte hat eine Menge mit dieser Abtei zu tun, die von Schülern eines US-amerikanischen Intellektuellen namens John Senior gegründet wurde.

Welchen Einfluss hatte er auf die katholische Tradition?

In den 70er Jahren gaben John Senior und zwei andere Professoren ein Seminar über Geisteswissenschaften an der Universität Kansas, das sogenannte Pearson-Programm. Mit diesem Programm zeigte er, dass sich die Wahrheit vermitteln lässt, ohne direkt über Religion oder Theologie zu sprechen, indem man die Tradition in der klassischen Kultur des Westens veranschaulicht. Fast 200 Studenten aus diesem Seminar traten zur katholischen Kirche über. Eine Gruppe entschloss sich für das Ordensleben. John Senior gab ihnen den Rat, nach Europa zu gehen und dort ihren Glauben in einem traditionellen Kloster zu bekennen. Die Schüler wählten Notre Dame de Fontgombault in Frankreich. Nach 15 Jahren kehrten sie in die Vereinigten Staaten zurück und gründeten dort die Abtei Clear Creek. Im „Erwachen der Senorita Prim“ ist die Rede davon, dass der Mann im Armsessel, der männliche Protagonist des Romans, eine Zeitlang das Seminar der Universität Kansas besucht hat und dass das ein Teil auf seinem Weg zum Katholizismus war. In Clear Creek ist dieses Detail aufgefallen. Der Abt hat mir geschrieben und gefragt: Ist das möglicherweise eine indirekte Anspielung in Ihrem Buch auf meinen Lehrer John Senior? Ich habe ihm geantwortet: Ganz genau. Diese Anspielung steht im Buch, damit Sie sie lesen. – Das war eine der vielen Freuden, die mir das Buch bereitet hat.

Sehen Sie das gegenwärtige Bildungssystem genauso kritisch wie Ihre Romanfigur Senorita Prim?

Ja, ich stehe dem gegenwärtigen Bildungssystem kritisch gegenüber. Das Problem gibt es überall; es lässt sich nicht auf ein Land eingrenzen. Es ist auch nichts Neues. Voriges Jahr habe ich das Buch in Deutschland vorgestellt und mit vielen Menschen über das Thema Bildung gesprochen. Alle Leute haben den Eindruck, dass es mit der Kulturvermittlung allgemein hapert. In Frankfurt habe ich mit einem pensionierten Lehrer gesprochen, dem es in der Seele wehtat, dass Jugendliche in Deutschland Goethe nicht lesen. In den Schulen wird mittlerweile vorwiegend technologieorientiertes Wissen vermittelt. Dabei wird vergessen, was eigentlich das Wesen der Bildung ausmacht. Furchtbar ist, dass viele Leute keine Ahnung haben von den Schätzen der europäischen Kultur. Dieses Problem fängt schon zu Hause an. Das Schulmodell von St. Ireneo von Arnois ist etwas Besonderes. Auch wenn es erfunden ist, steckt da etwas aus meiner Kindheit drin.

Und was ist das?

Ich bin in den 70er Jahren in einer Welt aufgewachsen, in der Kinderbücher nicht wie heute nach Altersstufen und Zielgruppen unterteilt wurden. Wir waren eine große Familie und ich durfte alle Bücher aus der Bibliothek nehmen – auch die Klassiker. Bei uns zu Hause sind die Klassiker voller Kinderzeichnungen, weil wir uns Bücher genommen und darin herumgeblättert haben. Manchmal haben wir Auszüge gelesen und sogar hineingemalt. Diese Freiheit, der Literatur näherzukommen, mit Märchen, Mythen und Legenden aufzuwachsen bedeutet einen unglaublichen Reichtum. In den Schulen und auch in den Familien ist er verloren gegangen. Im Buch wollte ich diese Freiheit nachahmen. Sie beruht auf einem System, das nicht so durchgestuft ist, und keine rigiden Lehrpläne kennt wie das System, in dem ich unterrichtet worden bin. Kindern sollen lernen, Kultur zu lieben – aber was man selbst nicht liebt, kann man nicht weitergeben. Und in den Schulen wird Wissen oft auf eine Art und Weise vermittelt, bei der genau das fehlt, was jahrhundertelang das Wesen der Bildung ausmachte: die Liebe zum Wissen, zur Schönheit und zur Wahrheit.

Was bedeutet für Sie die Vorstellung von „Exzellenz“, ein Ausdruck aus dem Buch?

Das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was in der modernen Welt als Professionalisierung bezeichnet wird, das heißt, eine akademische Bildung, die sich ausschließlich am Arbeitsmarkt orientiert. Das ist zwar wichtig, genügt aber nicht. Sich in der Bildung und bei der Arbeit um Exzellenz zu bemühen setzt voraus, dass man die Dinge mit der größtmöglichen Sorgfalt erledigt und dabei versucht, das Beste um seiner selbst willen herauszufinden – zweckfrei und nicht nur, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Im Buch werden mehrere theologische Werke erwähnt. Welche davon spielen für Sie als Leserin eine besondere Rolle?

Es gibt viele Hinweise im Buch, aber nicht in erster Linie auf die Theologie. Drei Autoren haben das Buch stark beeinflusst: einer ist C.S. Lewis – er ist auf vielen Seiten präsent, wenn auch oft nicht in ausdrücklicher Form. Für mich persönlich spielen auch John Henry Newman und G. K. Chesterton eine wichtige Rolle. Über diese angelsächsischen Autoren habe ich wieder zum Glauben zurückgefunden, und dieser Einfluss macht sich im „Erwachen der Senorita Prim“ stark bemerkbar. Es gibt auch Bezüge zur Patristik. Ich glaube nämlich, dass der natürliche Weg, um dem Glauben näherzukommen, darin besteht, von vorne zu beginnen. Als ich zur Kirche zurückgekehrt bin, schien es mir ganz logisch, zunächst einmal das Evangelium zur Hand zu nehmen und es aufmerksam zu lesen. Danach habe ich die christlichen und nicht-christlichen Historiker gelesen und die ursprünglichen Texte, die Hinweise enthalten auf das Geschehen im ersten Jahrhundert. Von da an begann ich, die Kirchenväter zu lesen. Ich habe sie nicht gründlich studiert, wie ich es eigentlich gerne tun würde – diese Aufgabe wird mich den Rest meines Lebens beschäftigen. Aber es scheint mir wichtig, von dort anzufangen.

Wie haben Leser, die der Kirche fern stehen, auf das Buch reagiert? Haben sie bemerkt, dass der Roman ein katholisches Ferment hat?

Im Allgemeinen nicht. Teilweise liegt das daran, weil das Buch nicht für Katholiken geschrieben worden ist, obwohl sie die natürliche Zielgruppe wären und die Geschichte am besten verstehen können. Ich habe für die geschrieben, die nicht glauben – in einer Sprache, die überhaupt nicht religiös ist –, vielleicht weil diese Schlüsselbegriffe heute in Vergessenheit geraten sind und die meisten Menschen die christliche Sprache nicht mehr verstehen. Was man nicht versteht und nicht kennt, lehnt man ab. Wenn man diese Hürde nicht überwindet, nützt der Rest nichts. Ich sage immer, „Das Erwachen der Senorita Prim“ ist ein Buch voller Geschütze unter einem Zuckerguss. Viele Leser haben mir geschrieben, die das nostalgische Gefühl wegen etwas unwiederbringlich Verlorenem nachvollziehen können, das im Buch zum Ausdruck kommt. Es gehört zu einer Suche, die wir alle im Herzen tragen. Viele Menschen können dieses Gefühl nicht einordnen: Sie haben den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. So geht es ja auch Prudencia Prim am Anfang: da ist eine Art Unruhe, die sich nicht beschwichtigen lässt. Andere sagen, ich weiß nicht, ob ich alles sehe, was in der Geschichte dargestellt werden sollte, aber es gibt interessante Dinge, von denen ich mich beim Lesen persönlich angesprochen fühle. Und mehr als ein Leser hat mir geschrieben und gefragt, was er über das Christentum lesen könnte. Chesterton ist zum Beispiel ein guter Weg, um dabei weiterzukommen.

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