Musik mit Sogwirkung

Sie gilt als Kircheninstrument par excellence: die Orgel. Doch das war keineswegs immer so. Die frühen Christen lehnten sie ab, dann vergaß man sie, erst ab dem 9. Jahrhundert begann ihr christlicher Siegeszug. Ein kurzer Blick hinter die Fassade eines wichtigen Instruments. Von Barbara Stühlmeyer
Vorschau Silbermann-Tage
Foto: dpa | Gebaut wurde die erste Orgel in der Antike von einem Mann namens Ktesibios, gespielt aber von seiner Frau. Im Bild die Silbermannorgel in Dresden.

Nur wenige Instrumente sind so vielseitig, so voller Technik und verschiedener Materialien wie die Orgel. Orgelbauer ist ein Beruf mit antiken Wurzeln und einer langen mittelalterlichen Geschichte, die bis in die Neuzeit hineinreicht.

Im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungen, die irgendwo irgendwann einmal angefangen haben, kennen wir für die Orgel sowohl den Zeitpunkt der Erfindung als auch den Namen des Erfinders. 246 v. Chr. entwickelte der Techniker Ktesibios ein Instrument, das er Hydraulos nannte. Diese Bezeichnung setzt sich aus den griechischen Worten für Wasser – hydor – und aulos, dem Namen einer Flöte, die eine Vorform der Oboe ist, zusammen. Die Windversorgungsanlage dieses Instrumentes bestand aus einer Kolbenpumpe, das Wasser diente zum Druckausgleich, um gleichmäßigen Wind für die Pfeifen zu erreichen. Das Instrument hatte eine einzige Pfeifenreihe, also ein Register, dessen Pfeifen jeweils eine Taste mit Rückstellvorrichtung zugeordnet war, die ein relativ virtuoses Spiel ermöglichte. Die von Ktesibios erfundene Orgel wurde übrigens von seiner Frau Thais gespielt. Frauen sind in der Antike ebenso wie Männer bei öffentlichen Orgelwettbewerben aufgetreten. Die Zulassung der Orgel als Instrument für solche Wettbewerbe bedingt, dass sie weit verbreitet war. Dies scheint relativ bald der Fall gewesen zu sein. Ein amüsantes Beispiel hierfür gibt es in den Öllampen in der Form kleiner Orgeln, die im 2. Jahrhundert offenbar die neueste Kreation auf dem Lampenmarkt waren und sich großer Beliebtheit erfreuten. Es blieb auch nicht dabei, Orgeln mit nur einem Register zu bauen. Schon Vitruv beschreibt im 1. Jahrhundert v. Chr. ein Instrument mit acht Registern, die sowohl einzeln, als auch in verschiedenen Kombinationen benutzbar waren. Dabei fanden sowohl linguale als auch labiale Pfeifen Verwendung, das heißt, es gab Register, die wie Oboen oder Trompeten, und solche, die zum Beispiel wie Blockflöten klangen. Erste Zeugnisse für Orgeln mit Bälgen finden wir im 2. Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich gibt es derartige Konstruktionen aber schon früher. Sie waren allerdings, im Gegensatz zur mit Wasserbehältern arbeitenden Windversorgung, nur für kleine Instrumente geeignet, die man transportieren musste, was bei Orgeln mit Wasserbehältern verständlicherweise schwieriger ist. Der Wind dieser Balgorgeln war ungleichmäßiger, weil kein Druckausgleich stattfand.

Orgelmusik war in der Antike keine Angelegenheit des Kultes. Die Orgel wurde bei weltlichen Veranstaltungen wie etwa bei Zirkusspielen oder auch im privaten Rahmen zur Unterhaltung eingesetzt. Gespielt wurde sie im römischen Reich zunächst von Sklaven und Ausländern, denn Instrumentalmusik galt als unfeine Beschäftigung für die gebildeten Mitglieder der römischen Oberschicht. Dies änderte sich erst in der Zeit der Dekadenz des Reiches, als beispielsweise Kaiser Nero bei öffentlichen Musikwettbewerben auftrat. Von daher wird verständlich, warum die Orgel in der frühen Kirche als Instrument generell abgelehnt wurde. Mit der Ausbreitung der christlichen Kirche gibt es von nun an zwei Entwicklungslinien. Im Osten des römischen Reiches mit seinem Zentrum Konstantinopel bleibt die Orgel in ihrer Funktion als Unterhaltungs- und höfisches Repräsentationsinstrument erhalten. Im Westen verschwindet sie nach und nach. Sie wird einfach vergessen. Der letzte, der sie – wiederum aus technischem, nicht aus musikalischem Interesse – erwähnt, ist Cassiodor im 6. Jahrhundert. Dann hört man im Westreich zwei Jahrhunderte lang nichts mehr von diesem Instrument.

Als dem fränkischen König Pippin 757 von Kaiser Konstantin eine Orgel zum Geschenk gemacht wird, kann man an den ebenso erstaunten wie präzisen Beschreibungen durch die Chroniken erkennen, dass man das Instrument – obwohl es in den antiken Amphitheatern Frankreichs nachweislich benutzt worden ist – vollkommen vergessen hatte. Und das war gut so. Denn auf diese Weise konnte die innovativ denkende und an allem Neuen interessierte intellektuelle Elite des Reiches – nämlich die Mönche und Kleriker – ihrem Wunsch, auch selbst ähnliche Instrumente zu bauen, unbelastet nachgehen. Natürlich brachten sie diese Neuentwicklung auch in den Gottesdienst ein, der doch der Brennpunkt ihres Lebens war. Und so wurde die Orgel langsam aber sicher zu dem, was sie heute ist: das Instrument der Kirchenmusik par excellence. 826 wird die erste im Westen bekannte Orgel von einem italienischen Priester gebaut. Er hatte, weil aus Venedig stammend, sehr wahrscheinlich Kontakt zum oströmischen Reich. Im 10. Jahrhundert finden wir erste Mensurentraktate, also Schriften, die sich mit der Form der Pfeifen, ihrem Umfang im Verhältnis zu ihrer Größe, beschäftigen. Am Ende des 10. Jahrhunderts gibt es unter den Orgelbauern sogar einen, der Papst wird, nämlich Silvester II., ein spanischer Mönch, der bei den Arabern studiert hatte.

Zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert findet eine Reihe von Entwicklungen statt, die letztlich die Orgel zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Da ist zunächst die Registrierbarkeit, also die Möglichkeit die Register einzeln oder wahlweise gemeinsam zu spielen, eine Fähigkeit, die man im frühen Mittelalter vergessen hatte und nun wieder neu erfand. Eine andere, wesentliche Entwicklung ist das Wellenbrett. Zunächst waren die Orgeln so konstruiert, dass jede Pfeife in direktem Verhältnis zu ihrer Taste stand. Das bedeutete, die Tastatur war genauso breit und lang, wie die Pfeifenreihe. Das wiederum heißt, der Tonumfang war begrenzt, denn sonst hätte man, um die Pfeifen erklingen zu lassen, weite Wege zurücklegen müssen. Zudem hatte man im frühen Mittelalter auch keine Erinnerung mehr an die Rückstellvorrichtung für die Taste. Man musste nun die Taste herausziehen und, wenn der Ton nicht mehr erklingen sollte, wieder einschieben.

Die Erfindung des Wellenbrettes bedeutet in diesem Zusammenhang eine Revolution. Denn nun war es möglich, die Tasten auf kleinem Raum zusammenzubringen, da die Bewegung auf den größeren Raum, den die Pfeifenreihen beanspruchen, durch Wippen und Hebel umgesetzt wird. Man konnte also jetzt Orgeln mit einem viel größeren Tonumfang bauen als bisher. Dies wiederum warf ein neues Problem auf, nämlich das der Mensur. Bei einem Tonumfang von ein bis zwei Oktaven kann man eine Reihe von Pfeifen wie bei einer Panflöte auf unterschiedliche Länge schneiden. Wendet man das gleiche Verfahren bei einem größeren Tonumfang an, wird man erleben, dass sich die Klangfarbe ständig verändert. Man begann also, den Umfang der Pfeifen zugleich mit der Länge zu vergrößern.

Eine weitere Erfindung des späten Mittelalters war die Mehrmanualigkeit. Sie hat sich entwickelt, weil man zwei Orgeln zusammengebaut hat: die Hauptorgel und das sogenannte Rückpositiv, eine kleine Orgel, die im Rücken des Organisten stand.

Der überwiegende Teil beim Bau einer Orgel ist Handarbeit. In der Pfeifenwerkstatt werden die Pfeifen gegossen, zugeschnitten, geformt, gelötet und intoniert. Heute werden die Pfeifen nicht mehr in einem Stück gegossen, sondern nach Pfeifenkörper und Pfeifenfuß getrennt. Viele Pfeifen gehören zur Gruppe der Labiale. Die Länge der Pfeife ist entscheidend für die Tonhöhe. Je länger eine Pfeife ist, desto tiefer ist der Ton, den sie hervorbringt. Zwischen Pfeifenfuß und Pfeifenkörper gibt es eine Öffnung, die Labium, Lippe, heißt. Der obere Teil dieses Labiums, die Oberlippe also, enthält eine scharfe Kante, die man Kernspalte nennt. Das Bauprinzip ist dem einer Blockflöte vergleichbar, die auf dem Kopf steht und ihren Wind aus der Windlade empfängt. Dieser Luftstrom trifft auf die Kernspalte und wird durch sie geteilt. Dadurch entsteht eine wellenförmige Bewegung, die wiederum die Luftsäule innerhalb der Pfeife in Schwingung versetzt. So entsteht der Ton. Seine Stärke hängt davon ab, wie breit das Labium ist. Die Aufschnitthöhe, der Abstand der Unterlippe von der Oberlippe, bestimmt zusammen mit Durchmesser, Form und Material der Pfeife über die Klangfarbe. Labiale können sowohl aus Holz als auch aus Metall bestehen. Seit dem Spätmittelalter wird zumeist eine Legierung aus Zinn und Blei verwendet, während vorher Kupfer vorherrschend war. Vom Zeitpunkt dieses Wechsels an tauchten nördlich der Alpen auch die ersten Holzpfeifen auf.

Auch die Lingual- oder Zungenpfeifen können sowohl aus Holz als auch aus Metall hergestellt werden. Sie bestehen aus einem Metallplättchen, das auf einem aufgeschnittenen Metallrohr so befestigt wird, dass am unteren Ende ein kleiner Abstand entsteht. Diese Konstruktion wird in einen Pfeifenfuß aus Holz oder Metall gestellt und zur Beeinflussung der Klangfarbe mit einem Schalltrichter versehen. Ist der Schalltrichter kurz, klingt das Ergebnis eher wie beispielsweise ein Krummhorn. Ist er lang, ähnelt er einer Posaune oder Trompete.

Wird nun Luft durch den Pfeifenkopf geblasen, entsteht eine Sogwirkung, die das Metallplättchen auf das aufgeschnittene Rohr zieht. Da das Plättchen – die Zunge – aber unter Spannung steht, federt es sofort zurück. Die Häufigkeit dieser Bewegung hängt von der Länge der Zunge ab, die durch eine bewegliche Krücke verstellt werden kann. Je länger die Zunge, desto tiefer der Ton. Die Zungenpfeifen sind am wenigsten anfällig für Verstimmungen aufgrund von Temperaturschwankungen. Dennoch sind sie die am häufigsten gestimmten Pfeifen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass sie durch Verschieben der Krücke leicht gestimmt werden können, zum anderen damit, dass es in einer Orgel weniger Zungenpfeifen als Labiale gibt. Es ist also ganz einfach praktischer, wenige Register in ihrer Stimmung anzugleichen, als den größeren Teil der Orgel zu stimmen, weshalb das Zungenstimmen zum Handwerkszeug der Kirchenmusiker gehört. Lingual- und Labialregister sind ungefähr gleich alt. In der Antike wurden beide Pfeifenarten gebaut, während die Orgeln des Frühmittelalters nur Labialpfeifen hatten.

Erst mit der Erfindung der Mehrmanualigkeit wurden die in sogenannten Regalen getrennt verwendeten Zungenregister wieder in die Orgel integriert. Die Register einer Orgel sind immer auch Spiegel des Instrumentariums ihrer Zeit. Wurden im Mittelalter Krummhörner, Rankette und Pommer gebaut, waren es im 19. Jahrhundert Äoline, Geigenprinzipal und Fagott-Clarinett.

Gleichmäßiger Wind ist eine wesentliche Voraussetzung für den guten Ton einer Orgel. Daher kombinierte man einen Schöpfbalg mit einem Magazinbalg, der die Luft speichern und bei Bedarf an die Pfeifen abgeben konnte. Viele Jahrhunderte lang funktionierte die Windversorgung mit Hilfe von Kalkanten, Bälgetretern, die durch abwechselndes Bedienen der Balgtritte die Luft für die Orgel schöpften. Mit der Erfindung des Elektromotors wurden auch die Orgeln sehr schnell elektrifiziert und werden nun von einem Luft ansaugenden Motor über den Balg mit Wind versorgt.

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