Musik in die Mitte der Gesellschaft bringen

Musik als Ausdruck einer nie endenden Liebe: Zum 100. Geburtstag Musikers und Dirigenten Yehudi Menuhin. Von Barbara Stühlmeyer

„Einige sagen, man könne ohne Musik, ohne Theater, ohne Gedichte, ohne Literatur leben. Aber das ist nicht so. Ich sage immer, von einer Musikschule kommen gewöhnlich keine Kriminellen“, sagte Yehudi Menuhin einmal. Musik in die Mitte der Gesellschaft zu bringen und den trennenden Graben zwischen Ausübenden und Zuhörern gerade im Bereich der Klassischen Musik zu überwinden war ein Kernanliegen des Ausnahmemusikers, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Geboren ist Menuhin in New York City, wohin seine beiden aus Homel in Weißrussland stammenden Eltern Moshe und Marutha, die ihre Jugend in Palästina verbracht hatten, unabhängig voneinander nach Amerika ausgewandert waren und sich dort wiedergetroffen, geheiratet und den ursprünglichen Familiennamen Mnuchin in Menuhin geändert hatten. Sein Name ist zugleich ein Bekenntnis. Yehudi bedeutet auf Deutsch Jude und seine Mutter nannte ihren Sohn bewusst so, nachdem eine Vermieterin dem wohnungssuchenden jungen Paar nach der Präsentation eines Appartements gesagt hatte: „Und sie werden froh sein, zu hören, dass ich nicht an Juden vermiete“. Yehudi wuchs mit seinen jüngeren Schwestern Hephzibah und Yalta in San Francisco auf.

Seine herausragende Begabung wurde schon früh deutlich. Ab seinem vierten Lebensjahr erhielt er Unterricht bei Sigmund Anker. Bereits mit sieben Jahren gab er sein erstes Solokonzert mit dem San Francisco Symphonie Orchester und 1927 wechselte die Familie nach Paris, von wo aus der junge Violinist europaweit konzertierte und seine Ausbildung bei George Enescu und Adolf Busch fortsetzte. Es ist der Erwähnung wert, dass eine Förderung, wie Menuhin sie erhielt, ohne Homeschooling, also in einem Schulsystem wie dem hierzulande üblichen, noch dazu im Gymnasialbereich mit dem G8 nicht denkbar gewesen wäre.

Seinen internationalen Durchbruch erlebte er durch sein Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Bruno Walter im Jahr 1929 in Berlin, wo er Solokonzerte von Bach, Beethoven und Brahms interpretierte.

Menuhin war zeitlebens nie nur Musiker, sondern immer auch ein eminent politisch denkender und handelnder Mensch, der seine Fähigkeiten bewusst in Kontexten mit Zeichencharakter einsetzte. So musizierte er für Schwarze in Südafrika, die dort aufgrund der Apartheid keine öffentlichen Konzerte besuchen duften, für die alliierten Soldaten während des Zweiten Weltkriegs, für die Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und 1947 als Zeichen der Versöhnung mit Wilhelm Furtwängler, der während der Zeit des Nationalsozialismus Dirigent der Berliner Philharmoniker geblieben war. Kritikern entgegnete er, dass zum einen Versöhnung unabdingbar nötig sei und verwies zum anderen darauf, dass Furtwängler einer Reihe jüdischer Musiker zur Flucht verholfen habe. Neben seiner Solisten- und Lehrtätigkeit wirkte Menuhin später auch als Dirigent zahlreicher Orchester, darunter ab 1982 als Chefdirigent des Royal Philharmonic Orchestra in seiner neuen Heimat Großbritannien.

Menschen das Erleben von Musik und ihrer weltverändernden Kraft zu ermöglichen, war ihm ein Herzensanliegen. 1977 gründete er in England deshalb die gemeinnützige Organisation Live Music Now. Sie gab zum einen Musikern die Möglichkeit, die Ergebnisse ihres Übens vorzutragen und Menschen, die nur schwer oder gar keine Konzerte besuchen können, wie Bewohner von Altenheimen, Krankenhäusern, Behindertenheimen oder Gefängnissen die Möglichkeit, Musik live zu erleben. Allein 1935 spielte er auf einer Welttournee 110 Konzerte in 72 Städten in Australien, Neuseeland, Südafrika und Europa und erlebte schließlich Zeiten, in denen er keinen Zugang mehr zu seinem so geliebten Instrument fand. Doch Menuhin überwand diese Verletzungen – die Konzerte vor Frontsoldaten beispielsweise sind Teil dieses Heilungsprozess, denn er konzertierte bewusst vor einem Publikum, dem es um die innere Verbindung zur Musik und nicht um beckmesserisch analysierendes Hören ging.

Sein Zugang zur Musik blieb letzten Endes der eines Liebenden. „Beim Musizieren“, so sagte Menuhin einmal, „wurde es mir neulich klarer als je zuvor, dass das Verlangen des Menschen und dessen Ausdruck in der Kunst der unbegrenzten, vollkommenen, nie endenden Liebe gilt, von der die physische Liebe, wie wir sie in unserer Lebensspanne kennen lernen, nur eine Spiegelung, eine Nach-Schöpfung ist.“

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