Musik als natürliche Sprache der Verständigung

Wenn Gitarre und Dilruba zusammen erklingen: Das Projekt „Safar“ lädt ein zu einer Reise in die Welt der afghanischen Musik. Von Anja Kordik
Foto: Olivier Potratz | Kleine Probe auf der Dilruba.
Foto: Olivier Potratz | Kleine Probe auf der Dilruba.

Am Ende des Konzerts im historischen Babur Garden in Kabul, als die Sonne über den Bergen am Horizont verdämmerte, waren überall lachende Gesichter zu sehen. An die große Freude der afghanischen Zuhörer erinnert sich Philipp Kueppers ganz intensiv. Der Musikwissenschaftler ist Koordinator des deutsch-afghanischen Musikprojekts „Safar“ (zu deutsch „Reise“), einem Gemeinschaftsprojekt der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar und des Afghanischen National Instituts für Musik (ANIM) in Kabul. Die gerade beendete Konzertreise nach Afghanistan war die Fortsetzung einer ersten Konzerttournee durch Deutschland im Sommer 2012: Fünf Künstler aus Afghanistan und drei deutsche Jazz- und Popmusiker nahmen die Herausforderung an, sich gemeinsam Melodien und Stücke aus dem Repertoire der traditionellen Musikkultur Afghanistans zu erarbeiten und diese einem großen Publikum zu präsentieren.

Dass nun auch das Konzert in Afghanistan zustande kam, noch dazu mit Live-Übertragung über mehrere internationale Radio-Stationen, war keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem Musik auch Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft ein heikles Thema ist. Nach wie vor gibt es religiös-konservative Kräfte, die jede Form der Musik als „unislamisch“ ablehnen. Zwei weitere geplante Konzerte in Herat und Maasr-e-Scharif mussten daher abgesagt werden, weil es keine Zustimmung lokaler Politiker gab.

Dafür konnte das Konzert in Kabul an einem der historisch herausragenden Plätze der Hauptstadt stattfinden. Im Babul Garden, einer 1528 auf Anordnung des ersten Mogulkaisers Babur (1486–1530) geschaffenen Parkanlage. Vorangegangen waren aufregende Tage mit gemeinsamen Proben, Auftritten in Waisenhäusern und aufwendigen Vorbereitungen für das Konzert. Einladungen, Sicherheitskontrollen. Dazu muss man wissen: Es gibt in Afghanistan nur eine einzige Firma, die Bühnen für Großveranstaltungen bauen kann. Der Konzertabend im Park war dann aber, so Philipp Kueppers, sehr gut besucht. Mitglieder des Parlaments kamen, mehrere Botschafter, Freunde der Musiker, aber auch ganz normale Musikliebhaber. „Und nach dem Konzert bekamen wir so viel Anerkennung, so viele Glückwünsche – wir sind aus dem Abend herausgegangen und waren alle glücklich“, erinnert sich der deutsche Musikwissenschaftler wehmütig.

Die Musik hat den Taliban- Fundamentalismus überlebt

Afghanistan ist ein Land, das allein durch seine geographische Lage zwischen Zentral- und Südasien sowie dem Nahen Osten immer schon vom wirtschaftlichen und kulturellen Austausch lebte. In Afghanistan treffen verschiedenste Kulturen aufeinander: von den Turkvölkern im Norden über Völker iranischer Herkunft, vor allem die Paschtunen, die Nurestani und Hazara. Die vielfältigen Einflüsse spiegeln sich im Alltag und in der reichen Musikkultur des Landes wider. Inzwischen gibt wieder einige wenige Musikschulen. Es finden sich einige Lehrer, unter ihnen Ustad Gholam Hossein, ein Meister des afghanischen Nationalinstruments der Rubab, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die musikalische Tradition ihres Landes zu bewahren und an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Gholam Hossein erlernte sein Instrument als Junge selbst von einem alten Meister, in dessen Haus er mitlebte und arbeitete. Heute unterrichtet er an dem mit internationaler Unterstützung 2010 eröffneten Afghanischen National Institut für Musik. Es ist inzwischen die wichtigste Einrichtung zur Musikerziehung im Lande.

In Afghanistan finden sich heute drei Musikströmungen: von der indischen Bollywood-Szene her inspirierte elektronische Popklänge, die besonders in Städten wie Kabul und Herat zu hören sind. Auf dem Lande dominiert die Volksmusik der verschiedenen Stämme mit ihren je eigenen Melodien und Liedern. Und daneben existiert die klassische afghanische Musik, aus deren Repertoire die Projektgruppe „Safar“ schöpfte. Diese Musik wird rein mündlich tradiert. „Es sind Melodien und Stücke, welche die Künstler zuerst von ihren Meistern erlernen“, erklärt Musikwissenschaftler Kueppers. „und dann immer weiter perfektionieren in ihrer Filigranität.“

Im Vordergrund der Reihe traditioneller Instrumente steht die Rubab, die afghanische Laute. Dieses Instrument findet sich in abgewandelter Form in Nordindien. Die Rubab ist aus Maulbeerholz gebaut und mit Ziegenfell als Resonanzsaite bespannt. Früher gab es dieses Instrument in Afghanistan überall. Heute finden sich im ganzen Land nur noch drei Rubab-Bauer. Ein weiteres typisches Instrument ist die Dilruba, ein Streichinstrument mit mehreren Resonanzsaiten. Ustad Amruddin, einer der Künstler von „Safar“, ist zurzeit der einzige Meister dieses Instruments. Er hat inzwischen vier Schüler, die beim Konzert im Babur Gaden als Nachwuchsensemble auftraten. Zum traditionellen Instrumentarium gehört zudem die Tambour, als kleine Trommel, bekannt auch bei den Turk-Völkern, die Dhol, eine aus der Paschtu-Region kommende Hochzeitstrommel, und die Tabla, ein auch in der nordindischen Musik bekanntes Schlagzeuginstrument. Sie stehen für neue Klänge. Die Kompositionsweise der afghanischen Musik ist anhand der Grundmelodie horizontal ausgerichtet. Die vorhandene Grundmelodie wird quasi fließend und in melodischen Blöcken fortentwickelt. Die Musik lebt besonders von der Improvisation. Wie harmonieren afghanische und deutsche Jazz- und Pop-Musiker zusammen? Die Harmonie ergebe sich nicht von allein, wie Philipp Kueppers betont. „Wir mussten uns im Vorfeld intensiv mit dieser fremden Musik auseinandersetzen. Wir mussten erkennen, dass es bestimmte Vierteltöne gibt, die auf der Rubab gespielt werden, die wir auf unseren Instrumenten, etwa der Gitarre, so nicht spielen können.“ Im Laufe der Zeit ergab sich jedoch mehr und mehr eine gemeinsame Basis des Zusammenspiels, ein natürliches Gespür unter den Musikern füreinander Und auch in der ständigen Wiederholung der Stücke bildete sich ein gemeinsames Gefühl für die besondere Sprache dieser Musik heraus.

Der deutsch-afghanische Kulturaustausch wird auch nach dem erfolgreichen Konzert in Kabul fortgesetzt: Am musikethnologischen Lehrstuhl für „Transcultural Music Studies“ der Musikhochschule in Weimar wurde inzwischen eine e-learning-Plattform für Musik in drei Sprachen entwickelt: in Deutsch, Englisch und Dari, eine der Hauptsprachen Afghanistans. Am Lehrstuhl in Weimar wurden zudem interaktive Lehrmaterialien für Gymnasien und Realschulen erarbeitet, die dem Verband deutscher Musiklehrer kostenfrei zur Verfügung stehen. Entsprechende Materialien werden zusammen mit afghanischen Lehrern auch für afghanische Schulen weiterentwickelt, an denen es bisher noch keinen Musikunterricht gibt.

Auch ein Austausch der Weimarer Musikhochschule mit der Universität in Kabul wird weitergehen. Philipp Kueppers betont: „Nach der Begeisterung, die das Konzert in Afghanistan und sogar darüber hinaus in der Presse von Pakistan, Turkmenistan bis in den Iran ausgelöst hat, sind wir sicher, dass unser Engagement für Afghanistan weitergehen wird.“ Ein Zeichen der Hoffnung in einem noch immer von Gewalt gezeichneten Land. Musik als Sprache der Verständigung und des Friedens. Die Übertragung des Konzerts in Kabul wird noch mehrfach über internationale Radiosender wiederholt.

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