Mumien – von Toten lernen

Mannheim zeigt die weltweit größte Mumienausstellung

Der Ursprung der Ausstellung ist ein Kuriosum: Zufällig sind Forscher bei einer Umstrukturierung der Museumsdepots 2004 auf neunzehn Mumien gestoßen – „eine sensationelle Entdeckung“, wie die Pressestelle reißerisch verkündete. Der Fund stellte Sammlungsleiter und Restauratoren vor die Fragen: Woher stammen die Mumien? Woran sind sie gestorben? Schließlich haben sie dazu ein Forschungsprojekt begründet, das mittlerweile zu einem der größten weltweit gewachsen ist. Untersucht werden dabei Mumien unterschiedlicher Herkunft. Anthropologen, Anatomen, Mediziner, Chemiker, Physiker, Biologen, Genetiker und andere Wissenschaftler arbeiten dabei zusammen.

Den Besuchern begegnen im mystischen Halbdunkel 70 Mumien, Begleitfunde und Grabbeigaben. Dazu gibt es umfangreiche Informationen über Mumifizierungspraktiken, über natürliche Mumifizierung und die Geschichte des Einbalsamierens. Bei alldem stellt sich freilich die Frage: Dürfen die das? – Um alle Zweifel im Keim zu ersticken, beruft sich das Museum auf strikte Wissenschaftlichkeit und kulturgeschichtliches Erkenntnisstreben. Gesellschaftliche Maßstäbe hinsichtlich Totenruhe und Pietät seien nicht allgemeinverbindlich, heißt es gleich im Eingangsbereich. Sie stellten eine Tabuisierung von Wissen dar. Mumien seien seit Jahrtausenden Bestandteil der Natur- und Menschheitsgeschichte und zudem „die einzigen direkten Archive zum Menschen“. Wie Boten trügen sie Wissen um Umweltbedingungen und Lebens- und Ernährungsgewohnheiten mit sich.

Schwer nachzuvollziehen bleibt allerdings der Untertitel der Ausstellung „Der Traum vom ewigen Leben“. Mumien, so heißt es in der offiziellen Stellungnahme, „durchbrechen das Gesetz der Vergänglichkeit“. Die Logik jedoch führt zum Gegenteil: Konserviert haben sich nur äußere Hüllen, aus denen das ewige Leben längst gewichen ist. Diesen Widerspruch wendet das Museumsteam denn auch direkt auf das Christentum an. Weil dem so sei, sei es ethisch vertretbar, Mumien aus dem christlichen Kulturkreis auszustellen.

Daher gibt es eine eigene Abteilung mit Mumien aus Kirchen und Klöstern. Hier erfahren die Besucher unter anderem Details zur Einbalsamierung der Päpste. Zum Zwecke öffentlicher Aufbahrung seien bis vor kurzem alle Päpste einbalsamiert worden. Ähnlich altägyptischer Praktiken seien die inneren Organe entnommen und sodann die Körper mit Essigsäure, Kräutertinkturen und Harzen behandelt worden. Die Organe seien danach in die Kirche Tre Fontane überführt worden, wo sie als Reliquien verehrt würden. Pius X. habe die Organentnahme schließlich abgeschafft. Beim Leichnam Johannes XXIII. sei erstmals eine moderne Konservierung angewendet worden. Hierbei sei das Blut durch eine Formaldehydlösung ersetzt worden. Johannes Paul II. sei der erste Papst gewesen, bei dem die Kurie auf eine Konservierung verzichtet habe. Päpste sind in Mannheim selbstverständlich nicht zu sehen. Dafür zeigt das Museum jedoch 200 Jahre alte Funde aus der Dominikanerkirche im ungarischen Vác. Aufgrund ihrer streng wissenschaftlichen Ausrichtung ist die Mannheimer Ausstellung durchaus zu empfehlen.

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