Mit YouTube im Kanzleramt

#NetzFragtMerkel – Ein Blogger interviewt die Bundeskanzlerin und wirkt hilflos dabei. Von Peter Winnemöller
Foto: Youtube | LeFloid interviewt Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Foto: Youtube | LeFloid interviewt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das große Sommerinterview mit dem Bundeskanzler. Wer erinnert sich nicht? Zu Zeiten von Helmut Kohl fand es vor schöner Kulisse am Wolfgangsee statt. Ein bisschen Kanzler privat, ein bisschen große Politik. Sommeratmosphäre, große Kulisse, ein wenig lockerer und das übliche Frage-Antwort-Spiel zwischen Journalisten und Politik. Ausgestrahlt zur besten Sendezeit erreichte es die vor dem Fernseher im Wohnzimmer versammelten Bürger. Das ist die Vergangenheit. Die Medienlandschaft ist im Wandel. Auch Angela Merkel sucht andere Medienwege. Das #Neuland, wie sie das Internet zur Belustigung der Netzgemeinde kürzlich noch nannte, durfte jetzt ins Kanzleramt. Die Bundeskanzlerin gab dem YouTuber LeFloid am vergangenen Freitag ein Interview. Am Montag gegen 19 Uhr ging es online. Rund zwei Million Aufrufe hat das Video inzwischen auf YouTube. Über 22 000 Kommentare finden sich unter dem Video. Unter Hashtag #NetzFragtMerkel wurden auf Twitter vorab Fragen gesammelt. Jetzt findet sich dort eine Welle von Reaktionen zu dem Interview. Es reicht von großem Lob bis zum harten Verriss. In Zeitungen und Fernsehen wurde berichtet und kommentiert.

Der ansonsten recht kess und provokativ vor der Kamera agierende LeFloid wirkte geradezu handzahm in der Begegnung mit Angela Merkel. Die Konfrontation mit der großen Politik geht wohl auch am YouTuber nicht spurlos vorbei. Ein Kanzleramt ist kein stylisches Jugendzimmer. Die andere Optik fällt auf. Kein Sturmtruppen-Kostüm im Hintergrund, kein wohldesigntes Chaos im heimischen Schlafzimmer, das ansonsten den Hintergrund der Nachrichtenvideos von LeFloid bilden. Im Kanzleramt und mit Blick auf den Reichstag umweht LeFloid der Atem der großen weiten Welt.

Florian Mundt, wie LeFloid bürgerlich heißt, ist 27 Jahre alt und studiert Psychologie in Berlin. Zweimal in der Woche kommentiert er auf seinen Videokanal LeNEWS aktuelle Ereignisse. Die Auswahl wirkt willkürlich. Es ist kein objektiver Nachrichtenkanal. Mundt ist kein Journalist, er gibt auch nicht vor, einer zu sein. Er agiert nicht so. Seine Kommentare trägt er emotionalisierend vor. Interessant für LeFloid ist das, was ihn persönlich bewegt. Wild gestikulierend und sehr auf affektive Darstellung bedacht, kommentiert er Ereignisse aus Politik und Gesellschaft. Der schnelle Schnitt und die hektische Bewegung sind der Stil der Zeit. Keine Zeit zum Atemholen. Auf YouTube geht es um Sekunden. Objektivität ist nicht gefragt. Dennoch gelingt es ihm, junge Menschen für Politik zu interessieren. Das Format funktioniert.

Das Interview mit der Bundeskanzlerin steht im Zusammenhang mit einer PR- Kampagne der Bundesregierung unter dem Namen „gut leben“. Die Bundesregierung hat hier einen großen Bürgerdialog ausgerufen. Man bedient sich selber der neuen Medien, um mit dem Bürger in einen Dialog einzutreten. Unterm Strich ist es eine gelungene Marketingaktion der Politik. Dialog als Marketinginstrument ist gerade modern. Echte Gespräche sind das nicht. Trotzdem werden die Wortmeldungen und Beiträge ausgewertet. Es geht um Stimmungen und wie man sie politisch nutzen kann. Die Kanzlerin steuert auf Sicht. Auch hier.

Und weil die sozialen Medien die Bürger erreichen, kam auch YouTube zum Zuge. Nicht zuletzt aus diesem Grund musste sich LeFloid im Netz mit Vorwürfen auseinander setzen, er würde von der Bundesregierung für das Interview bezahlt und hätte die Fragen vorher absprechen müssen. Das war gar nicht nötig. Ein Blick auf Twitter reichte, um zu sehen, was kommen würde. Die Kanzlerin bestätigte auch ganz brav, sie habe die Fragen vorher nicht gekannt. Ihre PR-Berater und die Bundespressestelle haben allerdings auch Twitter. So war ganz sicher keine Überraschung zu befürchten.

In der direkten Begegnung mit der Kanzlerin zeigte sich LeFloid als ambitionierter Amateur. Die Fragen hatte ihm vorab das Netz diktiert. Die Auswahl stammte von ihm. Sie folgte seiner Agenda. Und sie war durchaus so subjektiv, wie er immer seine Themen wählt. Ehe für alle, NSA, TTIP, bundeseinheitliches Abitur und Social Media waren darunter. Alles, was jüngere Bürger und im Netz aktive Jugendliche interessiert. Von Beginn an beherrschte die Kanzlerin das Gespräch. Im gesamten Interview war sie in ihren Antworten souverän und sicher. Kleine Lücken in ihrer Deckung nutzte Florian Mundt erst gar nicht aus, um Widersprüche aufzudecken und kritisch nachzuhaken. „Absolut!“, stimmte der Interviewer der Kanzlerin mehrfach zu. Merkel dagegen zeigte sich als Medienprofi und hatte den jungen Mann schnell und mit leichter Hand für sich eingenommen. Der PR-Gag YouTube-Interview hat für die Kanzlerin funktioniert. Ihre Berater können das für sich verbuchen. Der Coup ist gelungen.

Für YouTube und insgesamt für die sozialen Medien hat das Interview allerdings ebenfalls funktioniert. Allein die Welle auf Twitter spricht für sich. Es wird diskutiert. Die Kanzlerin ist in aller Munde und auf aller Smartphones. Die Veränderung der Medienwelt ist bei der Bundesregierung angekommen. Der kritische Journalismus mag die neuen Medien vielleicht noch nicht ganz erreicht haben. Es gibt allerdings keinen Grund, warum dieser Weg nicht offen sein sollte.

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